Lag das Genie im "Sparsarg"

3. November 2006, 19:40
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Ihre Fragen zu W.A.M. - Kurt Palm antwortet

Gerhard Neudorfer möchte wissen, ob der "Sparsarg" 1791 in Wien noch in Verwendung war.

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Im Zuge seiner umfassenden Reformbestrebungen erließ Kaiser Joseph II. am 23. August 1784 ein Dekret, wonach "alle Leichen in einen leinenen Sack ganz blos ohne Kleidungsstücke eingenähet, sodann in die Todtentruhe gelegt, und in solchen auf den Gottesacker gebracht werden sollen". Weiters wurde in der Begräbnisordnung festgelegt, dass "die Leichen nie mit den Truhen unter die Erde gebracht werden dürfen, sondern aus solchen wieder herausgenommen werden müssen". Zu diesem Zwecke wurden so genannte "Sparsärge" angefertigt, deren Bodenklappen man mit zwei Seitenhebeln öffnen konnte, wodurch der nackte, in einen Leinensack eingebundene Leichnam in das Grab fiel. Nach dem Schließen der Bodenklappen konnten die Särge wiederverwendet werden. Die Verordnung sah außerdem vor, dass mehrere Leichen "in die nemliche Grube gelegt und mit ungelöschtem Kalk überworfen werden".

Die Proteste gegen diese radikalen Reformen waren allerdings so heftig, dass sich Joseph II. bereits nach fünf Monaten gezwungen sah, sein Hofdekret teilweise wieder außer Kraft zu setzen. Ab 27. Januar 1785 waren demnach wieder Sargbestattungen möglich. Obwohl 1791 die "gemeindeeigene Mehrfachtotentruhe" immer noch in Verwendung war, kann man davon ausgehen, dass Mozart auf dem Friedhof St. Marx in einem Holzsarg beigesetzt wurde. Dafür spricht jedenfalls die Abrechnung im Bahrleihbuch der Dompfarre St. Stephan, aus der hervorgeht, dass für Mozarts Begräbnis neben 8 Gulden 56 Kreuzer an Gemeinde- und Kirchenumlagen auch noch 3 Gulden für den Transport des Sarges vom Stephansdom zum Friedhof entrichtet werden mussten. Im Falle einer Bestattung mittels eines "Sparsargs" entfielen diese Zusatzkosten. Dass Mozarts Sarg niemand folgte, hatte übrigens einen ganz banalen Grund: Da die Einsegnung von Mozarts Leichnam im Stephansdom bereits am Nachmittag des 6. Dezember 1791 erfolgt war, der Sarg aber erst nach Einbruch der Dunkelheit zum 4,5 Kilometer entfernten Friedhof St. Marx gebracht werden durfte, wäre es keinem der Trauergäste in den Sinn gekommen, dem Pferdegespann in der Dunkelheit eine Stunde lang hinterherzulaufen. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.10.2006)

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    foto: michaela mandel
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