"Unbequeme Zukunft" für die Beraterbranche

2. April 2007, 13:12
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TV-Journalist und Autor Thomas Leif erklärt im Gespräch mit Karin Bauer warum es für große Unternehmensberater "unbequem" wird

Standard: Ihr Buch hält vor allem in Deutschland die Debatte über das Wirken, eigentlich - wie Sie sagen - über Lug & Trug der Berater am Kochen. Trotzdem meinen Sie, der "Mythos bröckelt". Welcher - und woran erkennen Sie das?
Leif: Was sich als Omnipotenz, Exzellenz, Professionalität, Lösungskompetenz verkauft, wird dahinter als Inkompetenz und Schieflage entdeckt. Ich glaube, der Mythos bröckelt schon auch durch das Buch. Die Tendenz geht jedenfalls weg vom Nonstop-Rahmenvertrag hin zu kleineren Tranchen an kleinere Anbieter.

Standard: Was tun dann eigentlich die Leute der großen Häuser, McKinsey, BCG ...?
Leif: Berater erbringen indirekte Leistungen. Neue Manager benutzen sie, etwa zum Ausspähen der Konkurrenz, für persönliches Coaching, sie kaufen sich so ein Netzwerk und haben Helfer im Wettbewerb. Das Potenzial der Berater sind immer Leute, die nicht miteinander reden.

Standard: Und das ändert sich?
Leif: Bis jetzt sind die meisten Konzerne den bequemen Weg gegangen und haben bei den Großen Großpakete gekauft. Jetzt wird es für die Berater unbequemer, weil der Trend hin zu kleineren Auftragstranchen mit aktiver Beteiligung des Managements geht.

Standard: Sie setzen als Marketing-Instrument gerne ein, dass McKinsey in Deutschland mit großem Aufwand versucht habe, Ihr Buch zu verhindern.
Leif: Das war ja auch so. Diese Leute spielen mit harten Bandagen, das sind sektenartige Konsortien. Diese Leute sind es auch gewöhnt, sehr affirmativ in der Szene der Wirtschaftsjournalisten aufgegriffen zu werden.

Standard: Wenn nun also der Mythos so entzaubert ist, warum steht Berater dann noch immer ganz oben auf der Traumjob-Liste der Wirtschaftsstudenten?
Leif: Weil Beratung als Inkarnation von allem gilt, was man gerne haben möchte: Geld, Bedeutung. Die negativen Dinge werden ausgeblendet - ein Faszinosum der heutigen Zeit. Ausgeblendet ist beispielsweise, dass die Leute nach vier Jahren verbrannt sind.

Standard: In Rezensionen zu Ihrem Buch wurde oft kritisiert, dass Sie einerseits bloß Negativbeispiele bringen, andererseits Informanten und Gesprächspartner anonymisieren. Ist das denn nötig bei belegbaren Enthüllungsthemen?
Leif: Meine Informanten wurden mit Redeverboten belegt, mit Rausschmiss bedroht - das war in der Tat nötig. Die Kontrollsysteme sind sehr engmaschig.

Standard: Aber Sie wollen Tabuthemen zur Diskussion bringen ...
Leif: Ja, aber an diesen Wirbel und an diese massiven Interventionen auch bei Politikern hat natürlich niemand gedacht. Die Branche ist einfach unter starken Legitimationsdruck geraten. (Der Standard, Printausgabe, 4./5.11.2006)

ZUR PERSON: Thomas Leif ist Chefreporter Fernsehen beim SWR in Mainz, promovierter Politikwissenschafter und Autor des Buches "Beraten & verkauft - McKinsey und Co. - der große Bluff der Unternehmensberater", 2006 im C. Bertelsmann Verlag. Das Buch führte wochenlang Bestseller-Listen in Deutschland an.
  • Jüngst auch zu Gast im Bildungszentrum der Arbeiterkammer in Wien: Thomas Leif
    foto: regine hendrich

    Jüngst auch zu Gast im Bildungszentrum der Arbeiterkammer in Wien: Thomas Leif

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