Griechischer Blick in die Türkei

13. November 2006, 10:25
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Symi und Chalki - zwei kontrastreiche Dodekanes-Schwestern vor der türkischen Küste

Eine Park-and-ride-Anlage am Hafeneingang, eine Umfahrungsstraße, um die Autos von den malerischen, dicht an dicht auf die steinigen Hügel entlang der Hafenstraße gebauten Häusern im Ortskern fern zu halten, und eine Kanalisation, die mit den stetig steigenden Mengen an Abwässern fertig wird - die Probleme, mit denen die rund 60 Quadratkilometer große Ägäis-Insel Symi fertig werden muss, unterscheiden sich kaum von denen wild wachsender Städte wie Istanbul oder Athen.

Der Unterschied liegt freilich in der Dimension und darin, dass man es der neun Kilometer - also fast einen Steinwurf westlich des türkischen Festlandes - gelegenen Dodekanes-Insel mit ihren sorgfältig renovierten Häuschen nicht ansieht, dass ihre zwei Bio-Kläranlagen dringend Verstärkung bräuchten. Mit dreien, sagt Gemeinderat Yannis Zacharis, würden die knapp 3000 Einwohner auch im Hochsommer über die Runden kommen, wenn täglich an die 70 Boote die nur im Norden bewohnte Gebirgsinsel anfahren.

Insgesamt zählen Tourismus- und Schifffahrtsamt in den beiden Häfen von Symi mittlerweile 10.000 Boote und Yachten jährlich, darunter jede Menge Schnell- und Tragflügelboote aus Rhodos, deren Passagiere die für eine griechische Insel außergewöhnliche Sommerhitze auf Symi nicht scheuen und auf einen Tagesausflug vorbeischauen.

Manch einer von ihnen verliert sein Herz an den auch wegen des Wallfahrtsorts Panormitis mit seinen heiligen Stätten zur Verehrung des Erzengels Michael berühmten Flecken Land im Mittelmeer und lässt sich in dem während der 400-jährigen Türkenherrschaft und des Zweiten Weltkriegs widerständischen Nest, das sich auch als Verbindungsstation zu den Alliierten versuchte, häuslich nieder.

Wie auf allen Inseln sind Grundstücke und Immobilien Mangelware: Eine Ruine ist ab 100.000 Euro zu haben, ein für die Skyline von Symi typisches halbwegs bewohnbares Häuschen kaum unter 200.000 Euro. Wie bei Renovierungen unter Anleitung heimischer Dorferneuerungsvereine lässt das Amt für archäologische Stätten Häuselbauern nicht allzu viel Freiraum für individuelle Fassaden oder gar Architektur. Häuser haben "ortsüblich" auszusehen, weshalb zum Beispiel beim Fassadenanstrich Weiß, Ocker, Terrakotta und Blau bevorzugt sind, das in Alpenregionen beliebte Rosa oder gar Pink hingegen verpönt ist.

Aquarelltauglich

Terrassenförmig im Halbrund des Hafens angelegt, stehen die bunten, steinernen Häuschen verschachtelt am Fuß des 660 Meter hohen Gebirges und laden in das klare Licht der herbstlichen Sonne zur durchaus schweißtreibenden stufenweisen Erkundung ein. Hier ein Terrassencafé mit malerischem Blick auf den Hafen, Geschäfte und Tavernen. Dort ein Laden, in dem kunstvoll gefertigter Schmuck, Leder und Seidentücher feilgeboten werden, und dazwischen breite Hausmauern mit kleinen Plätzen, auf denen sich Hobbymalerinnen in Aquarelltechnik versuchen. Dafür ist der bis in den späten November dauernde Herbst wohl die beste Jahreszeit, dann ist es hier noch wärmer als auf dem deutlich kleineren und verschlafeneren Chalki - und weniger windig.

Als Kontrast zur schmucken Häuslichkeit empfiehlt sich ein Ausflug in den Westen der nicht ganz zwölf Kilometer langen und neun Kilometer breiten Insel: das allerdings nicht nur wegen des mehr als 500 Jahre alten Klosters Panormitis, das sowohl mit Auto und Bus, als auch auf dem Seeweg erreichbar ist; auch nicht, weil wir an haufenweise Flaschenpost mit frommen Wünschen (und Dank für deren Erfüllung) aus entlegenen Gegenden der griechischen Halbinsel glauben.

Sondern wegen der Kieselbucht Marathunda, die, von Chorio die Serpentinen herunterkommend, einen Abstecher nach links wert sein muss. Wunderbar klares Wasser direkt vor der Marathunda Beach Taverna, in der auch noch Fisch vom Feinsten und lokale Spezialitäten frisch gekocht und serviert werden.

Dass Griechen und Türken einander politisch nicht immer grün sind, ist auf Symi überhaupt kein Thema. Im Gegenteil, türkische Fahnen gehören zum Ortsbild wie britische oder deutsche auch. Nicht einmal eine signalrote Umhängetasche mit Stern und Halbmond sticht da heraus, weil auch auf den großen und kleinen im Gialos liegenden Schiffen nächst der kleinen Brücke ("To Gefyraki") jede Menge türkische Fahnen wehen.

Wer auf Symi weitläufige, weiße Sandstrände sucht, wird ebenso enttäuscht, wie auf Chalki, der deutlich kleineren Insel in der Gruppe des Dodekanes. Dafür ist das Meer glasklar, auf Chalki nicht nur weiter draußen, sondern selbst im Hafen. An sich grundverschieden, haben die beiden doch einiges gemeinsam: zum Beispiel die Jahrzehnte, die sie gut vom Export der Naturschwämme gelebt haben, die in täglichen Tauchgängen aus den Tiefen des Salzwassers emporgeholt wurden. Badeschwämme in allen Variationen und Größen, mit denen Bodypflege richtig Spaß macht, gibt es auch heute noch, allerdings Importware (immer noch deutlich billiger als auf dem Festland).

Was die beiden ungleichen Schwestern trennt, ist neben ihrer Größe das Meer - und eine fehlende direkte Schiffsverbindung. Wer von Symi nach Chalki will und umgekehrt, kommt an Rhodos nicht vorbei, sondern nimmt von Kali Strata einen Flying Dolphin oder einen Meeresbus, der in Rhodos' Zentrum ankert.

Mit Glück erlaubt sogar einer der wenigen verbliebenen Fischer - in der Antike lebten hier 8000 Menschen, heute sind es gerade einmal 300 - sogar die Überfahrt auf seinem "Kaiki".

Wasser per Schiff

Damals wuchs auf der Kupferinsel allerdings noch jede Menge Wald, wo heute Ziegen zwischen Steinen nach Salbeiblättern und Gräsern suchen, die der monatelangen Trockenheit trotzen. Auch Trinkwasser musste nicht von den auf Rhodos eigens angelegten Brunnen verschifft werden.

Anders als Symi versucht sich das vom Verfall gekennzeichnete Chalki im sanften Tourismus: Hotelsilos verbietet die Unesco, übernachtet wird in revitalisierten Bürgerhäusern, auf Selbstversorgerbasis, versteht sich. Das erhält nicht nur das Ortsbild, sondern hält auch Reisebusse und Massentourismus fern. Einzig die Ruine des ehemaligen Schwammtaucherhauses in Imporios darf noch zu einem Hotel umgebaut werden, sagt Takis Chryovergis. Er selbst tobte sich als gefragter DJ in der weiten Welt aus und ist heute umso mehr auf die Erhaltung und Wiederherstellung der Urtümlichkeit bedacht. (Luise Ungerboeck/Der Standard/Printausgabe/04./05.11.2006)

Infos: Symi
Sonnenziele - Die schönsten Urlaubsinseln in Griechenland
Chalki
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  • Chalki versucht sich, anders als Symi, im sanften Tourismus.
    foto: chalki.gr

    Chalki versucht sich, anders als Symi, im sanften Tourismus.

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