Putzmunter in Sibiu

7. November 2006, 14:43
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Eine Stadt räumt auf: Vor dem Kulturhaupt-
stadtjahr 2007 liegt das rumänische Hermannstadt im Restaurations- und Reinigungsfieber

Die Straßenlaternen im Stadtkern von Sibiu (deutsch: Hermannstadt) leuchten nicht. Nicht deshalb, weil man in Rumänien Strom sparen müsste oder weil die Lampen gar kaputt wären. Sie bleiben finster, weil sie so nagelneu sind, dass sie noch nicht ans Stromnetz angeschlossen wurden. Über schön altmodisch geschwungene schwarze Belle- Époque-Hälse werden sie ihr zukünftiges Licht auf Plätze und Gassen der jetzt schon farbenprächtigen Innenstadt werfen. Sibiu hat einiges vor sich.

Europa-Lifting

Die in die milden Hügel Zentralrumäniens eingebettete Stadt bekommt derzeit eine Schönheitskur verpasst. Gemeinsam mit Luxemburg darf sich die ehrgeizige Patientin im nächsten Jahr "Kulturhauptstadt Europas" nennen. Nach einem im Zuge der EU-Mitgliedschaft beschlossenen Masterplan wird die alte Bausubstanz der auch von Habsburgs Krone geprägten Schul- und Handelsmetropole revitalisiert. Strom- und Wasserleitungen werden ausgetauscht, Trottoirs für zukünftige Flaneure zurechtgeschliffen. Ein einmalig gestützter Finanzierungsplan zwingt Hausbesitzer der Innenstadt zum Mitmachen bei der flächendeckenden Fassadenreinigung.

Als Besucher ist man Zeuge einer architektonische Renaissance, in der historische Gemäuer behutsam wie Juwelen ausgegraben und in Stand gesetzt werden. In einer Gegend wie Siebenbürgen, die unter dem Generalverdacht des Unesco-Kulturerbes steht (und es beispielsweise im Falle von Sighisoara/ Schässburg auch ist), kann man diesbezüglich aus dem Vollen schöpfen. Der Rückgriff auf das historische Potenzial der heute 160.000 Einwohner zählenden Stadt bedeutet nun einmal pures Kapital.

Von neuerer Prägung

Während die Kanaldeckel am Hauptplatz (er heißt eigentlich Großer Ring) schon stolz die Jahreszahl 2007 als Prägung führen, schieben in den weiter außen liegenden Gassen noch Caterpillar ihren Dienst. Pflastersteine liegen noch gestapelt neben zukünftigen Straßen und auch die gusseiserne Lügenbrücke, auf der junge Damen honetten Herren dermaleinst angeblich falsche Versprechungen gegeben haben, steht derzeit unter Putz- Beschuss. Putz-Beschuss? Schon richtig, denn gesäubert wird das schmucke Stück aus 1859 mittels Know-how und Tatkraft der durch ihre pistolenartige Gerätschaft bekannten Reinigungsfirma Kärcher.

Kärcher hat nicht nur im Vorfeld der Olympischen Spiele Stadtteile Athens und Piräus' herauspoliert. Zu den mittlerweile achtzig weltweit gereinigten Objekten zählen Denkmäler wie die US-Präsidentenköpfe am Mount Rushmore, die Kolonnaden am Petersplatz oder die Memnonkolosse von Luxor.

Mit seiner Palette an hochspezifischen Reinigungstechniken betreibt der Konzern auf diese Weise seit über zwanzig Jahren das, was wir heute Kultursponsoring nennen. Das Familienunternehmen hat dabei die Nachhaltigkeit zum wichtigsten Prinzip erhoben. Nix Husch-pfusch, sondern Zufriedenheit für Fachleute wie Besitzer auf lange Frist. Deshalb ist die Einhaltung strenger Umweltauflagen Voraussetzung für jede Zusammenarbeit. Im Kärcher-Entwicklungszentrum nahe Stuttgart wird daran getüftelt. Es gilt die Formel: Je ausgefeilter die Technik, umso weniger Chemie ist vonnöten.

Und so werden Ziegel oder Glas, Stein oder Beton mit mehr oder weniger Druck, nass oder trocken, von Schmutz befreit. Die Vorbereitungen können jeweils bis zu zwei Jahren dauern und erfordern stets die enge Zusammenarbeit mit Denkmaleigentümern, Restauratoren und Kunsthistorikern. Es bedarf aufwändiger Tests, um das bestmögliche Reinigungsverfahren herauszufinden. Und nicht auf jeden verschmutzten Laternenpfahl passt Maiskolbenmehl. Es gibt rund 2000 (!) verschiedene Strahlmittelsorten mit so klingenden Namen wie Glaspuder oder Trockeneisperlen.

Rumänien im Schnee

Die Lügenbrücke war ein Fall fürs Trockeneis. Die Schwierigkeit bei dem ohne chemische Fremdeinwirkung durchgeführten Verfahren ist es, die unter verschiedenen Lackschichten befindliche Gusshaut nicht zu verletzen, da sie den wichtigen natürlichen Korrosionsschutz bildet. Gemeinsam mit rumänischen Mitarbeitern verpulvert derzeit ein Kärcher-Team unter der Leitung von Thorsten Möwes also raue Mengen verfestigten CO2- Schnees.

Heißer geht es an der Stadtmauer von Sibiu her. Die mittelalterliche Befestigungsanlage von bis zu zehn Metern Höhe ist mit Algen, Moosen, Flechten und anderen Pflanzen bewachsen sowie durch übliche Umwelteinflüsse verschmutzt. Um konservierende und restauratorische Maßnahmen ergreifen zu können, wird die Ziegelmauer zunächst mit Heißwasserhochdruck (bei 155 °C) gereinigt. Zu Jahresbeginn, wenn die ersten Feierlichkeiten das Kulturhauptstadtjahr einläuten, wird die Mauer dann ziegelrot strahlen und auch sonst (hoffentlich) alles fertig sein.

Wenn nicht - auch kein Problem. Denn einerseits sind wir ja nicht so, und andererseits lassen sich von Sibiu aus einmalige Ausfahrten hinein in die wunderschöne transsilvanische Landschaft machen. Nach Bistritz, Klausenburg oder nach Törzburg: Knapp drei Autostunden von Sibiu entfernt liegt hier Schloss Bran, die vermeintliche Wirkungsstätte des Grafen Dracula. Am Fuß der in jeder Hinsicht harmlosen Anlage gibt's immerhin die Möglichkeit zum "Vampire Camping".

Vom echten, gänzlich unscheinbaren Zuhause des verbürgten Pfählers will die Welt allerdings nichts wissen. Dieses ist ein mit dem Schild "Vlad Dracul House" versehenes Eckhaus inmitten von Schässburg. Jenes Städtchen wäre dank gesichertem Unesco- Kulturerbe auch schon längst feinsäuberlich herausgeputzt. (Margarete Affenzeller/Der Standard/Printausgabe/04./05.11.2006)

  • Mühevolle Kleinarbeit: Jedes einzelne Ornament der Lügenbrücke muss gereinigt werden, ohne die Patina der Stadt selbst anzugreifen.
    foto: sibiu.ro

    Mühevolle Kleinarbeit: Jedes einzelne Ornament der Lügenbrücke muss gereinigt werden, ohne die Patina der Stadt selbst anzugreifen.

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