"Wo um alles in der Welt ist Engelhard?"

21. November 2006, 16:30
posten

BASF hat knapp fünf Milliarden Dollar für die auf Katalysatoren spezialisierte Firma Engelhard gezahlt. Nun verschwindet der Name aus der Landschaft - Reportage

Jack, der Fahrer, ist desorientiert. Schon das zweite Mal fährt er den selben Weg zurück und späht durch die Bäume. "Wo um alles in der Welt ist Engelhard?", bittet er um Antwort. Weil keine kommt, schnappt er sich den Zettel mit der Adresse, kontrolliert einmal, kontrolliert ein weiteres Mal. "Hier muss es doch sein", murmelt er in sich hinein. In den Schluchten Manhattans ist Jack zuhause, hier am Land, wenige Meilen entfernt von New York City, scheint er verloren.

Einfach zu finden ist sie wirklich nicht, die Firmenzentrale von Engelhard in Iselin, New Jersey. Alles sieht gleich aus - viel Grün, durchpflügt von breiten Highways und noch breiteren Freeways. Dazwischen Schlafsiedlungen, Bürogebäude und - tatsächlich - der Verwaltungssitz von Engelhard. Die Firma ist spezialisiert auf Autokatalysatoren und ist auch stark bei Farbpigmenten, die ihrerseits die Basis sind für diverse Lacke.

Wo bis vor Kurzem noch groß Engelhard stand, weist nun die vergleichsweise klein gehaltene Buchstabenfolge BASF den Weg. Der deutsche Chemiegigant hat sich Engelhard einverleibt und ist nun dabei, das von Nachfahren deutscher Einwanderer im vorigen Jahrhundert gegründete Unternehmen zu verdauen.

Übernahmeschlacht

Vorausgegangen ist eine mehrmonatige Übernahmeschlacht, die erste feindliche Attacke eines deutschen Unternehmens überhaupt. Knapp fünf Milliarden Dollar hat sich BASF, der größte Chemiekonzern der Welt, das Einlenken der anfangs sturen Gegenseite kosten lassen. Seit Juni ist der Deal unter Dach und Fach, Mitte nächsten Jahres soll die Integration im Wesentlichen abgeschlossen sein.

"Vor wenigen Jahren waren wir hier kaum bekannt", sagt der bei BASF für das Nordamerikageschäft zuständige Vorstand Klaus-Peter Löbbe bei einem STANDARD-Lokalaugenschein in den USA. "Das hat sich jetzt grundlegend geändert."

Die USA sind der größte Chemieeinzelmarkt der Welt. Nur wer hier über entsprechendes Gewicht verfügt, kann mitreden. Mit Übernahme der Firma Engelhard, die mit 50 Produktionsstätten in 20 Ländern zuletzt auf 4,6 Mrd. Dollar Umsatz kam, hat BASF nun auch jenseits des großen Teichs entsprechendes Gewicht.

Nummer zwei in Nordamerika

Rund 6500 der weltweit etwa 7300 Engelhard-Mitarbeiter sind in Nordamerika tätig, auch der Großteil des Umsatzes wird hier erwirtschaftet. BASF ist nun hinter Dow Chemical und vor Lyondell (beide USA) die Nummer zwei der Branche in Nordamerika. Das Geschäft hier folgt eigenen Gesetzen. Davon kann BASF-Mann Löbbe ein Lied singen. Noch vor fünf Jahren schrieb der US-Ableger des deutschen Konzerns schwere Verluste. Löbbe wurde zum feuerlöschen geschickt. Er hat die Flammen gebändigt und den Turnaround geschafft. Die Integration von Engelhard ist die letzte große Aufgabe, die Löbbe jetzt anpackt. 2008 geht er in Pension - "definitiv", wie er sagt.

Zuwarten ist seine Sache nicht. Das zeigt sich jetzt bei Engelhard. "Reden, planen, anpacken", lautet die Devise. Rund ein Dutzend Arbeitsgruppen, eingesetzt von Löbbe, zerbrechen sich gerade den Kopf, wie aus zwei Unternehmen mit unterschiedlicher Firmenkultur ein neues, schlagkräftiges Gebilde geformt werden kann. Die größten Einsparungsmöglichkeiten hat das Team von Löbbe bereits nach kurzer Zeit dingfest gemacht. Durch eine bessere Verzahnung von Verwaltung, Vertrieb und Logistik zwischen den US-Ablegern von BASF, Engelhard und der kürzlich dazugekommenen Bauchemiesparte von Degussa sollen rund 800 Stellen eingespart werden.

Beim Weg zurück nach New York City ist Jack, der Fahrer, glücklich. Warum er so gut drauf sei, wird er gefragt. "Das nächste Mal finde ich sicher auf Anhieb her", sagt er. Was ihn so sicher mache? "Siemens", sagt er und zeigt auf das Nachbargebäude. In großen Lettern prangt der Name des deutschen Elektroriesen von der Hausfront. (Günther Strobl aus New York, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.11.2006)

  • Mit Katalysatoren für die internationale Automobilindustrie (im Bild eine Testanordnung) ist Engelhard groß geworden. Nun will der Aufkäufer BASF ein gutes Geschäft machen.
    foto: basf

    Mit Katalysatoren für die internationale Automobilindustrie (im Bild eine Testanordnung) ist Engelhard groß geworden. Nun will der Aufkäufer BASF ein gutes Geschäft machen.

Share if you care.