Ein Koffer ohne Spielsachen

10. November 2006, 17:21
posten

Jüdisches Kindsein 1939: Ben Segenreich traf in Tel Aviv Hermann Hirschberger, der sich als Zwölfjähriger mit einem Kindertransport nach England retten konnte

Ich bin öfters spazieren gegangen in Margate mit Freunden dort am Meer, und ich kann mich erinnern an ein Doppelgefühl - das Gefühl: Hach, mein Leben ist gerettet, ich bin sehr dankbar. Und dann das Gefühl: Was wird mit den Eltern passieren?" Hermann Hirschberger, aus London bei seinen Verwandten in Israel zu Besuch, spricht fließendes Deutsch mit badischer Melodie, britischem Akzent und kleinen Fehlern - "das Deutsch eines Zwölfeinhalbjährigen." Je schlimmer die Erlebnisse sind, über die er spricht, desto breiter lächelt der zuvorkommende, humorvolle alte Herr mit dem weißen Kinnbart und den interessierten, blauen Augen, und nur verschämt lässt er anklingen, dass die Ängste aus der Zeit, als seine Kindheit geknickt wurde, ihn bis zum heutigen Tag noch übermannen. Vergessen will Hirschberger aber nicht, sondern die Erinnerung an die "Kindertransporte" überliefern - ein Begriff, der schrecklich klingt und doch für tausende jüdische Kinder die Rettung bedeutete.

In Karlsruhe wurde Hermann 1926 in eine Mittelstandsfamilie hineingeboren. Die Eltern, Sigmund Samuel Hirschberger und Jenny, geborene Fellheimer, stammten aus Bayern, lebten nach den jüdischen Religionsvorschriften und waren zugleich deutsche Patrioten - "sie lasen Goethe und Schiller und gingen in die Oper". Hermanns einziger jüdischer Klassenkamerad war Manfred Westheimer, der spätere Mann der späteren amerikanischen Sexberaterin "Dr. Ruth" Westheimer. Von den 3000 Juden in der Stadt, rund ein Prozent der Bevölkerung, dachte noch kaum einer ans Auswandern, als Adolf Hitler 1933 an die Macht kam - man wollte die Nazi-Zeit aussitzen und "hat dort noch weiterleben können", obwohl es immer ungemütlicher wurde. "Die anderen Jungen haben uns jüdische Schweine und Juden-stinker genannt. Einmal sind wir zum Direktor gegangen, um uns zu beschweren, und er hat gesagt: Aber das ist doch das, was ihr seid - raus mit euch!" Doch das war erst der Anfang.

Wer bis dahin nicht begriffen hat, dem wird am 9. November 1938 alles klar. In der "Reichskristallnacht" werden die Synagogen angezündet, jüdische Männer werden festgenommen, misshandelt, nach Dachau verschickt. "Wir wussten gar nicht, dass die Synagoge brennt, und sind in der Früh wie immer zur Schule gegangen. Auf dem Weg haben wir den Rauch gesehen, die Scherben vor den jüdischen Geschäften. Vor der Schule standen Nazis in Uniform und sagten: ,Judenbuben, geht weg!'" In die Hirschberger-Wohnung kommen bald darauf zwei Gestapo-Offiziere, um nach dem Vater zu suchen. Der Zwölfjährige und der 13-Jährige müssen mit erhobenen Händen zusehen. "Dieses Gefühl der Angst, das ich in diesem Moment gespürt habe - was wird jetzt noch kommen? -, das plagt mich heute noch." Der Vater wird dann in der Bank, wo er als Prokurist angestellt ist, verhaftet und hat das "Glück", nicht im KZ zu landen, sondern nach zwei Tagen im Stadtgefängnis wieder freizukommen.

"Jetzt haben die Juden gewusst, es gibt keinen Grund mehr, hier zu leben", sagt Hirschberger, und auch außerhalb Deutschlands wurden die Alarmsignale verstanden. Schon am 15. November nahmen jüdische Organisationen Verhandlungen mit dem britischen Premierminister Neville Chamberlain auf. Das Dilemma - da die Not hunderttausender Juden in Mitteleuropa, dort die Furcht vor einer Überflutung durch besitzlose Ausländer - führte zu einer "Politik der halb offenen Tür". 10.000 bedrohte Kinder im Alter von acht bis 17 Jahren aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei sollten nach England gebracht werden, aber ohne ihre Eltern - immerhin viel mehr, als andere Länder zu leisten bereit waren.

Hektisch wurden die "Spielregeln" festgelegt. Die Kinder sollten auf Pflegefamilien verteilt werden, für die Kosten von Reise, Unterbringung und Ausbildung würde Englands jüdische Gemeinde mit 50 Pfund pro Kind garantieren. Die Deutschen gestatteten die Mitnahme eines einzigen Koffers ohne Spielsachen, und weil keine Bilder von tränenreichen Abschiedsszenen um die Welt gehen sollten, durften die Eltern nicht auf den Bahnsteig kommen. Am 2. Dezember 1938 ging der erste "Kindertransport" von Berlin ab, mit dem Kriegsausbruch im September 1939 wurde die Operation dann von den Deutschen unterbunden.

Hermann Hirschbergers Eltern hatten verzweifelt nach Fluchtwegen für die ganze Familie gesucht, doch es gab keine Hoffnung auf ein US-Visum oder auf ein Zertifikat für die Einwanderung nach Palästina. "Da sagte meine Mutter: Besser die zwei Jungen gerettet als keiner." In der Saga der Kindertransporte sind für Hirschberger die Eltern "die wahren Helden". Sie mussten sich zu der grausamen Entscheidung durchringen, ihre Kinder einfach wegzuschicken - für unbestimmte Zeit, in ein unbekanntes Land und In die Arme von Fremden, wie ein Buchtitel lautet. 90 Prozent der Kinder, schätzt Hirschberger, haben ihre Eltern nicht mehr wiedergesehen. Am 20. März 1939 wurden Hermann und Julius von ihren Eltern zum Zug nach Hamburg gebracht. "Damals haben wir unsere Mutter zum letzten Mal gesehen - sie sagte noch, vergesst nicht euer Gebet vor dem Schlafengehen." Der Vater fuhr bis Hamburg mit und lieferte die Söhne dort in einem Auffangheim ab, der väterliche Segen beim Abschied ist Julius im Gedächtnis geblieben.

Das neue Leben begann im südenglischen Seebad Margate in einem alten Hotel, das zu einem Heim für 60 Flüchtlingskinder umgewandelt worden war. In der Schule hat Hermann zunächst natürlich kein Wort verstanden. Als Margate im Mai 1940 wegen des nahen Kriegsgeschehens evakuiert werden muss, übersiedelt Julius nach London, und Hermann landet bei einer Familie von Kohlengrubenarbeitern in der Nähe von Birmingham. Die Deakins bekamen von der Regierung zehn Shilling in der Woche für Hermanns Verpflegung und waren "sehr anständig." Zwar haben sie den Ziehsohn "nicht umarmt wie richtige Eltern", aber sie teilten mit ihm, was sie hatten, nahmen ihn auf Besuche mit, hatten Verständnis dafür, dass er kein Fleisch essen wollte, weil es nicht koscher war, und nahmen an seiner Sorge um seine Eltern Anteil. Mit den Eltern hat Hermann noch fast drei Jahre lang korrespondiert, nach dem Kriegsausbruch gingen die Briefe über Holland. Als sie dann wie alle verbliebenen Karlsruher Juden im Oktober 1940 in das Internierungslager Gurs in den französischen Pyrenäen deportiert wurden, war der Briefkontakt schwieriger. Erst 1970 sollte Hermann Hirschberger Gewissheit darüber erlangen, dass seine Eltern im August 1942 über Drancy in Richtung Auschwitz verschickt worden waren.

Hirschberger hat hart gearbeitet, um aus sich etwas zu machen. Mit 15 kam Hermann in einen kriegswichtigen Betrieb, der Dieselmotor-Einspritzpumpen für U-Boote herstellte, parallel besuchte er acht Jahre lang eine Abendschule und schaffte ein Ingenieurdiplom. Die letzten 20 Jahre seines Berufslebens war er bei Kodak in Managementpositionen eingesetzt. Dass er für das Land, das ihn aufgenommen hat, heiße patriotische Gefühle entwickelt hat, ist wohl selbstverständlich: "Ich bin sehr für England - wenn England gegen Deutschland Fußball spielt, dann leide ich enorm, dann werde ich wirklich krank."

"Kindertransport" ist einer der wenigen deutschen Ausdrücke, die Teil des englischen Sprachschatzes geworden sind, die Überlebenden von damals bezeichnen sich heute noch als "Kinder". Rund 1500 "Kinder" leben heute noch in England, 400 in den USA, 200 in Israel. "Viele Schulen wollen, dass wir hinkommen und darüber reden", sagt Hirschberger. "Jetzt haben sie noch die Chance, uns zu hören, in zehn Jahren sind wir nicht mehr da." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. 11. 2006)

Wolfgang Benz, Claudia Curio, Andrea Hammel: "Die Kindertransporte 1938/39". € 13,30/256 Seiten. Fischer, Frankfurt/Main 2003.

Barry Turner: "Die Rettung der Kinder. Kindertransporte im Dritten Reich". € 7,95/269 Seiten. Komet, Köln 2006.

Hinweis: Vom 9. bis 30. November findet in den Räumen des Theaters im Nestroyhof, Nestroyplatz 1, 1020 Wien, eine Ausstellung unter dem Titel "Für das Kind" statt, die sich mit dem Thema Kindertransporte beschäftigt (mit einer Installation von Rosie Potter und Paticia Ayre). Öffnungs- zeiten: Mo-Fr 10.00-18.00, So 12.00-17.00 Uhr. Informationen (auch über Führungen für Schulklassen: milli.segal@chello.at
  • Je einen Koffer ohne Geld, Musikinstrumente oder Kameras durfte jedes Kind auf die Flucht mitnehmen. Eine Ausstellung (siehe Hinweis unten) zeigt nun 23 Fotos dieser Köfferchen, die fast nichts und doch alles enthielten, was diesen Kindern geblieben war.
    foto: rosie potter

    Je einen Koffer ohne Geld, Musikinstrumente oder Kameras durfte jedes Kind auf die Flucht mitnehmen. Eine Ausstellung (siehe Hinweis unten) zeigt nun 23 Fotos dieser Köfferchen, die fast nichts und doch alles enthielten, was diesen Kindern geblieben war.

Share if you care.