Diskurse der Entblätterung: "Nightshade" im TQ Wien

3. November 2006, 18:59
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Stripteasetänze von Starchoreografen: Unbekleidet zu tanzen ist in der Gegenwartschoreografie zu einer Selbstverständlichkeit geworden

Wien – Die Idee ist verführerisch: avancierte zeitgenössische Choreografinnen und Choreografen sowie einen bildenden Künstler dazu zu bringen, je einen Striptease zu gestalten. Dirk Pauwels von Victoria aus Gent hat es mit dem Programm Nightshade getan. Und das Ergebnis ist zurzeit – Samstagabend zum letzten Mal – im Tanzquartier Wien zu begutachten.

Unbekleidet zu tanzen ist in der Gegenwartschoreografie zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Die entsprechenden Diskurse bewegen sich zwischen den verschiedenen Bedeutungen von Ausgezogensein, Nacktheit und Blöße zeigen auf der einen und Voyeurismus, kritischem oder analytischem Blick und dem Spiel mit dem Genuss auf der anderen Seite.

Der gute alte Striptease in seiner hochsensitiven Direktheit ist im Kunstkontext eine echte Herausforderung. Denn es heißt, ein Format von fein austarierter Ambivalenz zu erzeugen, in dem Kritik und Kulinarik einander zu einem plausiblen Tête-à-Tête finden.

Nightshade hat das geschafft – und ist deshalb problematisch. Alles erscheint "perfekt ": Die Ausbeutung des weiblichen Körpers wird festgestellt, die Stereotypen des Erotischen sind umrissen, und Political Correctness ist der Bigotterie überführt. Über diese Frust- und Lustarmut kündigt sich eine Entropie an, gegen die der jüngst verstorbene Choreograf Simon Frearson in seiner letzten Arbeit unknown pleasures (Vegas Version II) im Vorjahr ankämpfen wollte.

Mit unvergleichbar riskanterem Stripeinsatz allerdings als nun Eric De Volder, Vera Mantero, Alain Platel, Caterina Sagna, Johanne Saunier, Claudia Triozzi und Wim Vandekeybus.

Mit der Bruchlandung der unknown pleasures und dem in der eigenen Plausibilität stagnierenden Nightshade enthüllt sich die schwache Performance der Darstellung des Erotischen außerhalb des gemeinen Pornospektakels. Diese Schwäche ist aber nicht als Verlegenheit zu deuten, über die am besten hinweggelächelt wird, sondern Symptom eines "Rite de passage " in Richtung einer anderen Auffassung. Dabei ist allein der Versuch ein Hinweis darauf, dass das Erhoffte auf einer anderen Ebene geschehen kann.

In den sieben Annäherungen an den Striptease verbirgt sich eine handfeste Andeutung: Sinnlichkeit ist eine Vernunft, und Unvernunft schadet der immerhin auch von Michel Foucault eingeforderten Steigerung der Genussfähigkeit des Menschen.

Der Striptease enthält als profanen Service auch das Angebot, sich erotischen Fantasien über eine Distanz zu stellen. Diese Distanz ist eine Herausforderung an den Respekt gegenüber dem Sujet der Betrachtung und dem betrachtenden Subjekt. Die Einforderung dieses Respekts ist das Verdienst der in Nightshade involvierten Künstler. (Helmut Ploebst/ DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.11.2006)

  • Nightshade: VICTORIA (B)
    foto: tqw

    Nightshade: VICTORIA (B)

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