Von Aalausweider bis Zugbegleiter

3. November 2006, 18:03
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Leo Lukas entdeckt die Formel für Frust und Lohndumping: Brandneues findet sich in "lebenslänglich" nicht

Graz – Als Resozialisierungsprogramm präsentiert Leo Lukas seinen neuesten Wurf Bei guter Führung lebenslänglich seit Dienstag im Grazer Theatercafé. Das Publikum übernimmt dabei den Part der Inhaftierten – und fühlt sich dabei offensichtlich sehr wohl –, Lukas hingegen jenen einer steirisch-fröhlichen Johnny-Cash-Version.

Das titelgebende "lebenslänglich" bezieht sich im Laufe des Abends vor allem auf zweierlei: Ungerechtigkeit _und die Umverteilung von schlecht bezahlten, dafür aber frustrierenden Jobs. Ein von Lukas erdachter Wissenschafter names Frittengrill bringt es mit dem "FI" (Frittengrill-Index) auf eine leicht anzuwendende Formel. Dividieren Sie Ihr Monatsgehalt durch die Menge der täglichen Frustanfälle, bei denen Sie an "Lottogewinn oder Amoklauf" denken – voilà, Sie haben errechnet, ob das, womit Sie Ihren Lebensunterhalt bestreiten, eine so genannte "Schaßhockn" ist.

Letztere kann Lukas alphabetisch von Aalausweider bis Zugbegleiter auflisten, während er sich etwa um den Chef der Erste-Bank keine Sorgen machen müsse.

Brandneues findet sich unter den Späßen über Bankdirektoren und Bankräuber, unter Liedern über Videoüberwachung oder die Patriarchen des Islams und des Katholizismus nicht. Doch manche Dinge müssen eben immer wieder gesagt und gesungen werden, vor allem, wenn sich soziale Missverhältnisse jahrzehntelang nicht wirklich verändern.

Um das zu beweisen, leiht Lukas immer wieder seinem verstorbenen Großvater, einem "Gewerkschafter der ersten Stunde", der im Köflacher Untertag-Kohleabbau streikte und nun Briefe an Elsner, Flöttl und Konsorten schreiben darf, seine Stimme.

Lukas’ Talent zum Geschichtenerzählen kommt beim Werdegang eines Jausenholers, der zufällig kriminell und schließlich ein Konzern-Chef wird, ans Licht und zieht sich als eleganter Faden durch einen runden Abend. (Colette M. Schmidt/ DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.11.2006)

Bis 11. 11. im Grazer Theatercafé
ab 22. 11. im Kabarett Niedermair in Wien
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    foto: kabarett niedermair
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