"Bad Kurator" und museale Nachtmahr

10. November 2006, 13:15
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Zwei kontrastreiche Ausstellungen in der Österreichischen Galerie entführen in Peter Pongratz’ gemeine Kunstwelt und die Idylle des Bürgertums

Wien – "Albträume treten meist in der Kindheit auf, können aber auch bei Erwachsenen vorkommen", verrät uns das Lexikon. Und weiter: "Sie treten meist in der zweiten Nachthälfte auf. Ihre Dauer kann zwischen wenigen Minuten bis zu einer halben Stunde schwanken." Was uns das Nachschlagewerk nicht verrät, ist, dass solcherlei böse Träume oftmals ein ganzes Künstlerleben dauern können. Auch untertags oder des Abends erlebt man sie und sind keinesfalls mit dem schöne Dinge versprechenden Tagtraum zu verwechseln.

Diese Realitäten kennt man entweder, oder man erkennt sie in den jüngsten Bildern von Peter Pongratz. Sweet Home Vienna heißt die für die Ausstellung in der Österreichischen Galerie Belvedere titelgebende Werkgruppe. Die Alben und Nachtmahre, die diese wild beschrifteten Arbeiten bevölkern, sind den Wiener Kunstkreisen entsprungen. Dass das Geschäft mit der Kunst ein brutales ist, dort mit harten Bandagen gekämpft und verhandelt und auch nur vornherum hübsch geredet wird, ist hoffentlich hinlänglich bekannt. Dass die mächtigen Protagonisten und Mitmacher, die Anpasser und Auskenner, aber Pacman-artigen Wesen mit bissig-scharfen Zahnreihen gleichen, oder Urtierchen mit Saugfüßen und Monstern mit wirbelnden Greifarmen, ist neu. Der Künstler, hie und da als "poor little painter" beschriftet, erscheint als schwarzes Gespenst, den Mund zu einem stummen Munch-artigen Schrei aufgerissen oder gleich als Skelett im Sarkophag gefangen: I said hello to Satan.

Es gibt aber auch die Künstlervariante in Gestalt des Bugs Bunny, der als "inspired austrian painter deep depressive" den Teufel mit der Handfeuerwaffe austreiben will. Eine famose, bitterböse Abrechnung des künstlerischen Einzelgängers Pongratz, der aus dem fernen kroatischen Atelier auf Korcula auf die klerikal organisierte Wiener Kunstgemeinde blickt: Ein junger "aufstrebender" Künstler sollte sich das wohl eher nicht erlauben.

Höhepunkt der Ausstellung ist zweifelsohne das riesige Gemälde Grauenvoller Terrorüberfall außerirdischer Kunstgewerbegegner auf das Museumsquartier: Sky-Fi-Horror mit "Ding Dong Daddy of Mumok" in der Hauptrolle und vielen der Spezies "Bad Kurator" zugerechneten Nebendarstellern. Die anderen Schwerpunkte der etwas unschlüssig organisierten Ausstellung – etwa Pongratz’ Arbeiten aus dem Zyklus zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien oder jene heiteren dalmatinischen Szenerien – treten dahinter zurück.

Heile Welt

Nach so viel Horror genießt man einen Stock höher die Erholung inmitten der heilen Welt des aufgeklärten Bürgertums und verzärtelten weißen Hasen (Die kleine Bertha von Neuhaus mit einem Hasen). Die Entwicklung der Personendarstellung zwischen 1750 bis 1840 – zwischen Rokoko und Biedermaier – soll hier anhand von rund 100 Arbeiten beleuchtet werden. Fast tarnfarbig schmiegen sich Peter Gainsboroughs Mrs. Thomas Hibbert (1786) oder Ferdinand Georg Waldmüllers Selbstporträtvor lieblicher Wienerwaldkulisse in die stuckierten, eleganten Räume.

In Zeiten, in denen Weisheit und Intellekt als Tugenden gelten, bildet sich das aufgeklärte Bürgertum gern vor der heimischen, gut sortierten Bücherwand ab, inszeniert sich als Ansammlung von Globetrottern oder im Rahmen von Kostümierungen als Kenner der Schönen Künste.

Trotz Hang zur Charakterisierung der Porträtierten werden die durch ihre wachsende wirtschaftliche Bedeutung mit neuem Selbstbewusstsein ausgestattenen Herrschaften, aber dennoch sehr idealisiert. Wachsbildnisse wie beispielsweise jenes von König Ferdinand des IV. (Leonhard Posch, um 1791/92), der mit Echthaar und Glasaugen ausgestattet von "erschreckender Lebendigkeit" ist, würden freilich heute eher in die schaurige Welt einer Geisterbahn im Wurstelprater passen. (Anne Katrin Feßler/ DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.11.2006)

"Peter Pongratz" bis 4. Februar
"Aufgeklärt Bürgerlich" bis 18. Februar
LinkBelvedere
  • Schicksal zweier Hasen: der eine zart liebkost (Friedrich von Amerling),...
    foto: österreichische galerie belvedere

    Schicksal zweier Hasen: der eine zart liebkost (Friedrich von Amerling),...

  • ... der andere vom Kunstgeschehen gepeinigt (Peter Pongratz).
    foto: vbk wien, 2006

    ... der andere vom Kunstgeschehen gepeinigt (Peter Pongratz).

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