Wien, Wien, nur du allein

10. November 2006, 10:31
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Das Wiener Kaffeehaus hat Tradition - 1983 feierte es sein 300-jähriges Bestehen - Eine spannende Kulturgeschichte mit vielen Legenden, Krisen und Neuerungen

Klassisch, voller Traditionen und weltberühmt. Das typische Kaffeehaus nach uraltem Vorbild wird mit Wien assoziiert, hier habe es seine Wurzeln, hier wurde es entwickelt. Doch als Wiege des Kaffeehauses gilt Mekka, das bereits im 12. Jahrhundert einige derartige Lokalitäten aufgewiesen hat. Das erste europäische Kaffeehaus eröffnete 1647 in Venedig und zwischen 1650 und 1652 wurden die ersten englischen Kaffeehäuser gegründet. Tatsächlich wurde das erste Wiener Kaffeehaus, das sich nahe dem Stephansdom befunden hat, erst im Jahr 1683 vom armenischen Spion Deodato eröffnet.

Legende der Entstehung

So bekannt das Wiener Kaffeehaus weltweit ist, so viele Legenden kursieren auch um Ursprung und Entwicklung. Die bekannteste wird mit der Türkenbelagerung verwoben: Georg Franz Kolschitzky soll sich als Türke verkleidet in das feindliche Lager eingeschlichen haben, um Karl von Lothringen eine Botschaft zu überbringen. Die Belohnung für seine mutige Tat bestand unter anderem aus Säcken voller mysteriöser brauner Bohnen. Mit dieser Ausbeute sei er auf die Idee des Kaffeehauses gekommen. Doch in Wirklichkeit war es Deodato, der im Dienst des Wiener Hofes stand und aufgrund seiner Herkunft mit der Zubereitung der Kaffeebohnen bestens vertraut war.

Die typischen Merkmale des Wiener Kaffeehauses waren von Anfang an vorhanden: das berühmte Glas Wasser, die verschiedenen Milchabstufungen - siehe Dunkelbraun, bitte!, wobei der Ursprung der Gewohnheit, Kaffee mit Milch zu trinken, unklar ist - und auch das Billard- und Kartenspiel gehörten zum Kaffeehaus-Besuch. Letzteres galt jedoch als gefährlich. Denn bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war öffentliches Kartenspielen verboten und konnte den Kaffeehausbesitzer in den Ruin treiben, so hoch waren die Geldstrafen.

Zeitungen und Konzerte

Um 1720 herum wurde es auch üblich, Zeitungen aufzulegen. Hier leistete das Kramersche Kaffeehaus am Graben Pionierarbeit. Diese Novität, Nachrichten aus aller Welt gratis konsumieren zu können, lockte Intellektuelle, Literaten und Künstler in das enge düstere Lokal. Und noch etwas: Im Gegensatz zu anderen Cafés, in denen laut debattiert wurde, herrschte im Kramerschen Ruhe, durchbrochen nur vom Zeitungsrascheln. Den Herrschenden war diese Stätte der Information ein Dorn im Auge, gab es doch in erster Linie monarchiekritische Zeitungen.

Etwa zwanzig Jahre später eröffnete Martin Diegand das erste Wiener Konzertcafé. Eine Attraktion für die Wienerinnen und Wiener, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Durchbruch feierte. Schon zu früher Morgenstunde waren diese Kaffeehäuser voll besetzt, um die Darbietungen nicht zu versäumen.

Bedrohliche Handelssperre

Als Österreich 1808 der Kontinentalsperre für den Handel mit England beitrat, stieg der Zoll für Kaffeebohnen ins Unbezahlbare. Die Kaffeehausbsitzer versuchten sich durch Surrogate zu helfen, indem sie mit Zwetschkenkernen, Feigen, Roggen, Gerste und Zichorie den Geschmack von Kaffee simulierten. Ein Versuch, dem nur mäßiger Erfolg beschieden war. Um den Ruin der Kaffeehäuser abzuwenden, wurde der Verkauf von Wein und warmen Speisen erlaubt. Damit reduzierten sich die Unterscheidungsmerkmale zwischen Gasthaus und Café und das Wiener Kaffee-Restaurant war geboren. 1813 war die Handelssperre wieder aufgelassen und Kaffeehausbesitzer und -liebhaber konnten wieder aufatmen.

Im Vormärz und Biedermeier brachte es das Wiener Kaffeehaus zu einer Hochblüte. Im gesamten Europa galt es als Inbegriff von Lebensqualität und diente als Vorbild für Lokalgründungen in Venedig, Triest, Verona, Prag und Zagreb, wobei die prunkvolle Ausstattung mit rot-samtenen Sitzen, Kristalllustern und Wandleuchten imitiert wurde.

Frauen und Kaffeehaus-Literaten

Frauen war der Besuch eines Wiener Kaffeehauses erst 1856 erlaubt. Das Café Francais war das erste, das auch Damen einließ. Davor galt die öffentliche Meinung, dem "schwachen Geschlecht" sei das "verruchte Ambiente" - Zigarren- und Zigarettenrauch, Alkohol, Spiel und heftiges Debattieren - nicht zumutbar. Bis 1840 war die Sitzkassierin die einzige, öffentlich sichtbare, Frau.

Die Ära der sogenannten Kaffeehaus-Literaten setzte um etwa 1890 ein. Hier war es zuerst das Café Griensteidl, das zum Treffpunkt der "Jung Wien"-Literaten um Hermann Bahr, Hugo von Hoffmannsthal, Karl Kraus und Arthur Schnitzler wurde. Danach folgte das Café Central, das Café Herrenhof usw. Die Künstlerinnen und Künstler wiederum hatten zumeist andere Treffpunkte, das Café Museum beispielsweise war lange Zeit vor allem von Malenden frequentiert.

Als um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert die Ringstraße weltweit den Ruf von "pompöser Eleganz" verströmte, entstanden dort etwa dreißig neue Kaffeehäuser, die sich durch bombastisches Interieur und gemütliche Schanigärten auszeichneten.

Während der Weltwirtschaftskrise fungierte das Kaffeehaus als Umschlageplatz, wo unter den Tischen Waren getauscht wurden. Zur gleichen Zeit wurden die Tanzcafés mit Jazzmusik aus den USA geboren. Die Konzertcafés erhielten Konkurrenz, konnten jedoch mit der Neuheit des 5-Uhr-Kaffees punkten.

Dunkles Kapitel NS-Zeit

Ein äußerst düsteres Kapitel musste die Wiener Kaffeehauskultur in der NS-Zeit erleben. Die jüdischen Eigentümer der "Mazzesinsel", der Kaffeehäuser in der Leopoldstadt, wurden enteignet. Ein Gewaltakt, der noch heute zu spüren ist - im zweiten Wiener Bezirk ist es seither mit dem vormals quirligen Kaffeehausleben vorbei - und eine traurige Vorgeschichte hat: Kaiser Leopold hatte 1670 alle Jüdinnen und Juden aus Wien vertreiben lassen. Nach dem Niedergang der Staatskassen hatte er sie in der Leopoldstadt ansiedeln lassen, die bald darauf den Spitznamen "Mazzesinsel" erhielt. Bis 1900 lebte hier ein Drittel der in Wien wohnenden Jüdinnen und Juden.

In den "Goldenen 50er-Jahren" erhielten die Wiener Kaffeehäuser mit der Niederlassung italienischer Espressi erneut Konkurrenz. Denn zum Unterschied des gängigen Filterkaffees wurde hier gepresster, sehr starker Kaffee in Mokkatassen angeboten. Diese Cafés waren klein, zumeist nur mit Stehtischen ausgestattet und galten als absolut "in". Viele traditionelle Kaffeehäuser mussten daraufhin schließen.

Die 70er-Jahre brachten dann erneut eine schwere Krise für die Wiener Kaffeehäuser. Zum einen waren sie aufgrund der erhöhten Mobilität und der Verbreitung des Fernsehens aus der Mode gekommen, zum andern brachte die Änderung der Gewerbeordnung von 1978 strenge und kostenintensive Auflagen, welche etliche Kaffeehausbesitzer nicht mehr einhalten konnten. Wieder kam es zu Schließungen.

Als 1983 das 300-jährige Bestehen gefeiert wurde, setzte wieder eine Besinnung auf die Tradition ein. Und heute - dreiundzwanzig Jahre später - scheint das Wiener Kaffeehaus nicht vom Aussterben bedroht zu sein. Zum Glück! (red)

  • Das Café Museum vor seiner (zu Tode-) Renovierung
    foto: der standard/matthias cremer

    Das Café Museum vor seiner (zu Tode-) Renovierung

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