Industrie für radikale Schulreform

17. April 2007, 13:04
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Strenges Auswahl­ver­fahren für Lehrer und mittelfristig gemeinsame Schulen sind die Visionen der Industriellen­vereinigung

Ein verpflichtendes, staatlich finanziertes Vorschuljahr, mittelfristig gemeinsame Schule bis 14 mit starker innerer Differenzierung und ein strenges Auswahlverfahren für Lehrer: Das ist nur ein Teil der Visionen der Industriellenvereinigung für die Schule im Jahr 2020.

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Wien - Die erste Regentin, die in Österreich eine tief greifende Schulreform umsetzte, war Maria Theresia. 1774 führte sie die Unterrichtspflicht ein. Die "Allgemeine Schulordnung" vom 6. Dezember 1774 schrieb sechs Jahre Schule für alle Kinder fest. Die kirchlichen Volksschulen wurden in Staatsschulen umgewandelt und in Trivial-, Normal- und Hauptschulen gegliedert. Statt Einzelunterricht gab es fortan Klassen und Religion wurde reguläres Schulfach.

Fast auf den Tag genau 232 Jahre später präsentierte die Industriellenvereinigung (IV) am Freitag ihr ambitioniertes Programm "Schule 2020" - und illustrierte die Dringlichkeit ihres bildungspolitischen Reformwunsches unter Verweis auf den "Anker" der großen theresianischen Schulreform: "Viele Details unseres heutigen Schulsystems sind noch aus Maria Theresias Zeit. Das ist überholt", sagte der Vorsitzende des IV-Ausschusses für Bildung, Innovation und Forschung, Voestalpine-Konzernchef Wolfgang Eder, der einen "umfassenden, modernen, neuen Denkansatz in der Schulreform statt bloßer Detailbereinigung" forderte: "Es wird manches wehtun an dieser Bildungsreform." Aber sie sei unabdingbar. Zentrales Merkmal des in sieben "Visionen" gegliederten IV-Maßnahmenpapiers ist, dass es "bewusst unabhängig von parteipolitischen und ideologischen Positionen" erarbeitet worden sei, betonte IV-Generalsekretär Markus Beyrer. Ziel sei die Schaffung "eines der besten Bildungssysteme der Welt" - auch zur Standortsicherung. Entsprechend selbstbewusst und souverän formulierte die IV-Bildungsgruppe ihre Forderungen, die einigen Sprengstoff beinhalten.

  • Verpflichtendes, staatlich finanziertes Startschuljahr:
    Spätestens mit fünf Jahren müssten die Potenziale der Kinder gefördert und unterstützt werden, meint die IV.
  • Grundstufe bis 10 für alle.
  • Mittelstufe von 10 bis 14 mit innerer leistungsgerechter Differenzierung:
    Was de facto gemeinsame Schule aller Kinder bis 14 bedeutet, nennt die IV wohlweislich und in Kenntnis der ideologischen Scharmützel der vergangenen Jahre aber ausdrücklich nicht "Gesamtschule". Die Vorsitzende der IV-Steuerungsgruppe "Zukunft der Bildung - Schule 2020", Infineon Technologie-Chefin Monika Kircher-Kohl kritisierte in diesem Zusammenhang, "dass zur Zeit sehr viel über äußere Aspekte diskutiert wird statt über pädagogische Kriterien der inneren Differenzierung. Erst wenn wir das und Durchlässigkeit geschafft haben, können wir über die Bezeichnungen für Türschilder reden." Aber am Ende des Schulreformprozesses "ist die gemeinsame Mittelstufe bis 14 das Ergebnis", sagte Kircher-Kohl.
  • Oberstufe mit allgemein und berufsbildenden Angeboten, individuelle Schwerpunkte.
  • Verpflichtendes Angebot an Ganztagsschulen:
    Schule müsse in ein "völlig neues Umfeld gestellt werden - Globalisierung, Patchworkfamilien, Migration - und braucht zeitgemäße Rahmenbedingungen", sagte Eder. Ganztagsschulen würden sich "zwangsläufig als wichtige Zusatzoption und gesellschaftliche Notwendigkeit entwickeln".
  • Echte Schulautonomie mit Personal- und Ressourcenverantwortung für Schulleiter.
  • Verbindliche Auswahlverfahren und Eignungstests für Lehrer,
    modernes Lehrerdienstrecht mit Auf- und Umstiegsmöglichkeiten, leistungsorientierte Bezahlung, verpflichtende Weiterbildung und Qualitätsbewertung der Lehrer.
  • Schulverwaltung ohne Länder:
    Nur drei Ebenen (Bund, Region, Schule), denn "Österreichs Schulsystem ist überverwaltet", so Kircher-Kohl.
  • Qualitätssicherung, nationaler Bildungsbericht alle 2 Jahre. (DER STANDARD Printausgabe, 4./5. November 2006)
Link
"Zukunft der Bildung - Schule 2020: Leben - Wachstum - Wohlstand" - Die Langfassung zum Download auf der Homepage der Industriellenvereinigung
  • Markus Beyrer, Monika Kircher-Kohl und Wolfgang Eder betonen den Stellenwert der Wirtschaft in der Bildungsdiskussion.
    foto: standard

    Markus Beyrer, Monika Kircher-Kohl und Wolfgang Eder betonen den Stellenwert der Wirtschaft in der Bildungsdiskussion.

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