Trotz Kerry: Irak bleibt Thema

8. November 2006, 02:24
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Während die Debatte um den "Irak-Witz" von John Kerry abflaut, bleibt die Situation im Irak wichtigstes Thema im Wahlkampf

Während die Debatte um den "Irak-Witz" des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten John Kerry abflaut, bleibt die Situation im Irak laut Umfragen wichtigstes Thema im Wahlkampf. Zuletzt tauchte auch eine vernichtende Lage-beurteilung der US-Militärs in den Medien auf.

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Sein "schlecht vorgetragener Witz" bei einer Wahlkampfveranstaltung sei nicht auf die US-Truppen gemünzt gewesen, erklärte der ehemalige demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry am Mittwoch. "Und ich entschuldige mich persönlich bei jedem Militärangehörigen, Familienmitglied oder Amerikaner, die sich beleidigt gefühlt haben".

Für viele Republikaner und eine Reihe von Demokraten kam Kerrys Entschuldigung über seinen missglückten Angriff auf Präsident George W. Bush, der mit beträchtlicher Fantasie als Angriff auf US-Soldaten ausgelegt werden konnte, einen Tag zu spät. Andere Beobachter sind wütend über die Medienberichterstattung: "CNN behandelt diese Sache zwei Tage lang ohne Unterlass", schreibt Joshua Micah Marshall in seinem Blog "Talking Points Memo": "Präsident Bush erklärt gleichzeitig, eine Stimme für die Demokraten bedeute eine Stimme für die Terroristen, und CNN (sowie der Rest der großen Medien) reagiert mit einem großen Gähnen."

Kerry hat Bush mit seinem Replay der Wahlen des Jahres 2004 einen riesigen Gefallen getan und eine Reihe von negativen Nachrichten in den Hintergrund gestellt. Zum einen sind die Meldungen aus dem Irak weiterhin verheerend: Die New York Times druckte Montag ein streng geheimes Diagramm des US Central Command über die Kampfhandlungen im Irak, die eindeutig aufzeigen, dass sich die Lage dort in Richtung Chaos zuspitzt (s. Grafik). Trotzdem ging der irakische Präsident Jalal Talabani am Donnerstag von einem Rückzug der US-Truppen aus dem Irak "in zwei bis drei Jahren" aus.

Indes setzte der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki erfolgreich die Aufhebung von US-Checkpoints in den Straßen von Bagdad durch - was normalerweise einen Sturm der Entrüstung vom Zaun gebrochen hätte, angesichts der Kerry-Affäre jedoch im Sand verlief.

"Fantastischer Job"

Die Kontroversen über Kerry dämpften auch den zu erwartenden Aufschrei über Bushs jüngste Aussagen, dass er beabsichtige, sowohl seinen Vizepräsidenten Dick Cheney als auch den hart umstrittenen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bis zum Ende seiner Amtszeit halten zu wollen: "Beide Männer machen einen fantastischen Job, und ich unterstütze sie absolut".

Nicht nur Demokraten, sondern auch Republikaner forderten den Rücktritt von "Rummy". Der konservative Kolumnist von Time und The Sunday Times, Andrew Sullivan, reagiert in seinem Blog: "Bush hat soeben den triftigsten Grund geliefert, warum man am nächsten Dienstag demokratisch wählen soll, indem er seine Unterstützung für die beiden Architekten des Chaos im Irak, Cheney und Rumsfeld, wiederholte."

Einer neuen New York Times/CBS News-Umfrage zufolge ist der Irak noch immer das wichtigste Thema für die Wahlen. Nahezu 70 Prozent der Befragten sind der Ansicht, Bush habe keinen Plan, den Krieg zu beenden. Und 80 Prozent sehen keine "neuen Kleider" von Kaiser Bush: Dessen jüngste Bemühungen, die Öffentlichkeit auf seine Seite zu bringen, bestünden nur aus einer Änderung der Rhetorik, nicht jedoch der Strategie (Susi Schneider aus New York/DER STANDARD, Printausgabe, 3. November 2006)

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    Drei Tage weigerte er sich, dann musste sich John Kerry doch wegen seines "schlechten Witzes" entschuldigen.

  • Die Zeichen stehen auf Chaos: Die "New York Times" druckte dieses geheime Diagramm über die Lage im Irak.
    foto: der standard/nyt

    Die Zeichen stehen auf Chaos: Die "New York Times" druckte dieses geheime Diagramm über die Lage im Irak.

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