Lizenz für Kröten

8. November 2006, 17:00
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Immer mehr Modehäuser steigen ins Uhrengeschäft ein - Das kann äußerst lukrativ sein - der Erfolg ist aber nicht vorprogrammiert

Der Teufel ist sparsam, zumindest am rechten Fleck. Er mag vielleicht Prada tragen, doch nur 990 Euro legt er aus, wenn er sein Handgelenk mit Gucci bedeckt. Dafür gibt es: Schweizer Quarzwerk, einen Stahlgehäusering in der Form des Buchstaben G und, falls man diesen Hinweis auf Gucci übersähe, natürlich den entsprechenden Namenszug auf dem Zifferblatt. Doch auch arme Teufel sind zu beschäftigt, um immer preisinformiert zu sein. Denn er hätte ein bisschen weniger Trendlabel am Handgelenk noch viel billiger haben können. Etwa bei Calvin Klein. Konsequenter Minimalismus prägt dessen neues Modell "Flash" - eine Art Armreifen in Stahl oder Gold, ohne jede Zifferanzeige und mit leicht übersehbarem Minizeiger ausgestattet, was Partymenschen das perfekte Alibi fürs chronische Übersehen der Zeit einräumt. Das CK-Bändchen schafft den Einzug in diverse Society-Höllen bereits ab 230 Euro - und könnte dort vielleicht auf einen diabolisch kalkulierten Mode-Chronografen treffen.

335.000 Euro kostet Chanels Luxuslabel-Uhr "J12 Automatic Haute Joaillerie". Nachdem Chanel mit Modellen wie der "Première" an die achteckigen Flakondeckel mancher Chanel-Parfums erinnern wollte und zuletzt mit schwarz-weißer Hightech-Keramik an Mademoiselle Cocos klassische Muster, soll dieses jüngste Modell auf mehreren Ebenen Kompetenz demonstrieren: Chanel als Uhrmacher, aber auch als Juwelier. Nebst 18 Karat Weißgold verteilen sich bei der "J 12" immerhin 597 Brillanten über Lünette, Zifferblatt und Armband. Nur Engel würden nichts dafür tun.

Zwischen dieser beachtlichen Spanne bewegen sich Himmel und Hölle der Modelabel-Uhrenwelt, zumindest was deren Preisgestaltung angeht. Warum das so ist und welche unterschiedlichen Strategien zu solchen divergenten Resultaten führen, ist Teil des Forschungsgebietes von Stefania Saviolo, Professorin für Marketingstrategie an der Mailänder Universität Bocconi und Co-Autorin der in Italien erschienen Studie "Das Licensing im Modesystem". Das eingangs erwähnte Label Gucci, das bereits 1971 als eine der ersten Modemarken groß ins Uhrengeschäft einstieg, ist dabei eine Ausnahme - und zugleich auch wieder nicht. Der im Uhrensektor - und verglichen mit der Brillen- und Parfümbranche - erst spät einsetzenden Dynamik der Lizenzproduktion war Gucci um Jahrzehnte voraus. Gucci, dessen Uhren in manchen Jahren zu den meistverkauften Schweizer Uhren zählten und das mit diesem Segment immerhin einen Jahresumsatz von einer halben Milliarde Franken lukriert, wagte 2001 schließlich den Einstieg in den Markt der Mechanikuhren - um sich zuletzt doch wieder den günstigeren Quarzwerken zuzuwenden.

Eine, verglichen mit anderen, ambivalente Position. Firmen wie Calvin Klein, Daniel Hechter, Hugo Boss, D&G, Versace oder Esprit, die wie viele andere Lifestyle-Marken in den Neunzigern ins Uhrengeschäft einstiegen, kamen indessen von vornherein nicht in Versuchung, in der Oberliga der Haute Horlogerie mitzuspielen - und gaben sich mit trendigen und zu ihrem Stil passenden Uhren zufrieden.

Division Horlogère Chanel

Andere Modemarken warfen sich allerdings von Anfang an ins uhrmacherische Zeug und gründeten, wie etwa Chanel mit seiner Division Horlogère Chanel, aufwändigste Entwicklungsabteilungen. Erklärtes Ziel: den Feinheiten der mechanischen Uhr gewachsen zu sein. Zwei Richtungen also. Accessoire oder Ambition - bloß warum?

Der Schlüssel dazu lautet nicht selten: Tradition verpflichtet. Wer etwa Emmanuel Raffner, den Generaldirektor von Hermès, auf dieses Thema anspricht, taucht zwangsläufig in die Tiefen der Firmengeschichte ein - um sich an jenen Lederbändern entlangzuhanteln, die das 1837 gegründete Sattlerei-Unternehmen schon vor hundert Jahren herstellte für die damals aufkommenden Armbanduhren. Zum bloßen Markenzeichen zu verkommen, diese Vorstellung klingt für ein mit hoch stehender handwerklicher Umsetzung befasstes Label wie Hermès wenig verlockend. Die Suche nach höchster Qualität als Firmenphilosophie vor Augen, war die Zusammenarbeit mit feinen Schweizer Uhrmachern wie Audemars Piguet und zuletzt Parmigiani / Vaucher denn auch logisches Etappenziel. Dafür steht auch das neu lancierte Modell "Cape Cod Huit Jours" Pate - nicht zuletzt dank Acht-Tage-Gangreserve und der Komplikation Springende Stunde.

Ähnlich argumentiert man bei Louis Vuitton. Hier inkludiert die Eigendefinition - "Luxuslabel statt Modelabel" - den Wunsch nach High-End-Produktion in jedem Bereich. Im Eilzugtempo - und wohl nicht zufällig, nachdem zwei Jahre zuvor renommierte Uhrenhersteller wie TAG Heuer oder Ebel zum Konzern LVMH stießen - wurde dank internen Know-how-Transfers 2002 die erste feine Vuitton-Uhrenkollektion vorgestellt - in Design und Farbe der braunen Monogramm-Gepäcklinie nacheifernd. Zur Tourbillon-Uhr war es da nur mehr ein kleiner Schritt. Mit annähernd 40.000 verkauften Uhren pro Jahr machte sich so viel Engagement auf Anhieb bezahlt.

Keine Frage: Die Label-Ticker haben schrittweise ein neues Territorium zwischen modischem Objekt und edlem Zeitmesser erobert. Die Zeiten, als Uhren- freaks über Chanel & Co die Nase rümpften, gehören der Vergangenheit an. (Robert Haidinger/Der Standard/Rondo/03/11/2006)

  • Chanels J12
    foto: hersteller

    Chanels J12

  • Guccio-Uhr
    foto: hersteller

    Guccio-Uhr

  • Louis Vuittons Tambour forever
    foto: hersteller

    Louis Vuittons Tambour forever

  • CKJ Flash
Zwischen den Uhren von Chanel und Calvin Klein liegen Welten - nicht nur preislich
    foto: hersteller

    CKJ Flash
    Zwischen den Uhren von Chanel und Calvin Klein liegen Welten - nicht nur preislich

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