Interview: "Vielleicht bin ich auch sexy geworden"

24. Jänner 2007, 18:23
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Über die Vorhersehbarkeit mancher Fragen und wie sich das Leben eines ProtestSongContest-Gewinners verändert, philosophierte Jörg Zemmer im Gespräch mit derStandard.at

Wien – "Die Gitarre ist die Unruhe, die Stimme ist Shampoo". Eine sehr treffende Beschreibung von Jörg Zemmer bzw. eigentlich Jørg Zemmler wie dessen künstlerische Projekte korrekt signiert werden, aus dem Internet. Dort erfährt man auch, dass Zemmer über "einen gesunden Durchgeknalltheitsfaktor" verfügt. Insgesamt vier Bandprojekte hat der Südtiroler aus Seis bei Bozen, der nach fast zehn Jahren in der Tiroler Landeshauptstadt in Wien lebt. Obendrein schreibt er viel, nimmt an Lesungen und Poetry Slams teil.

derStandard.at bat den künstlerisch Vielbeschäftigten, der nicht nur Gitarre spielen kann, sondern auch über 3 Jahre Blockflöten- und ein Jahr Flügelhornerfahrung verfügt, zum Interview. Im Gespräch mit Anne Katrin Feßler verriet der Titelverteidiger in Sachen Protestsong, der am Samstag im Rabenhof Theater sein Gewinner-Konzert ausrichtet, kuriose Interviewtechniken des ORF, wieso sein Drumcomputer "Adolf" heißt und warum man in Liedern eigentlich keine Reime braucht.

derStandard.at: "Ich habe Löcher in den Socken, aber die sieht man nicht, weil ich Schuhe anhabe", heißt es in einem Lied. Dürfte ich um einen Beweis bitten?

Zemmer: Heute wird es nicht stimmen, glaube ich. Dafür stinken sie heute. – Aber das ist ja nur ein Bild, das muss ja nicht stimmen.

derStandard.at: Wofür stehen die Löcher in den Socken?

Zemmer: Dass es nicht wichtig ist und man die Leute nicht daran messen soll, ob sie Löcher in den Socken haben, oder Knöpfe in den Haaren oder so was.

derStandard.at: Wie bist du zum ProtestSongContest gekommen?

Zemmer: Über die Frage freue ich mich, weil ich da die Antwort weiß. (lacht) Die Idee kam mehr von Dominik Lienbacher, der dann beim Finale Schlagzeug gespielt hat. Ich habe ihm die CD zu meinem Buch "Leihworte. Gedichtiges und –un)" (erschienen bei Edition CH, 2004)geschenkt, wo auch "Wir sind die Kleinen" drauf ist. Er hat mir geraten, es einzuschicken.

derStandard.at: Beim Finale des ProtestSongContests hieß es, du hättest deinen Gitarristen erst am Vorabend beim Biertrinken kennengelernt. Klingt recht kurios. Ist das Legendenbildung?

Zemmer: Nein, ganz so war das nicht. Dominik kannte ich schon ein bisschen, weil er für meine Band Bob das Video zu "Yes for sure" (FM4 Soundselection 13) gemacht hat. Er hat mir Roman Warter (Gitarrist) aber tatsächlich erst am Vorabend vorgestellt. Und wir hatten alle vorher nie miteinander gespielt.

derStandard.at: Einer der Vorjahresgewinner, Georg Freizeit, war der Meinung, dass der Wettbewerb eines Contests dem Format des Protestsongs eigentlich widerspreche. Wie stehst du dazu?

Zemmer: Im Allgemeinen mag ich Wettbewerbe auch nicht. Aber der ProtestSongContest ist schon was eigenes, weil er auch was transportieren will. Bei den anderen Wettbewerben verdient irgendwer ganz viel Geld an Leuten, die gerne Musik machen. Für mich zählt, dass ich dort gespielt habe und es den Leuten gefallen hat.

derStandard.at: Leuten, die bei großen Wettberwerben in TV und Radio gewinnen, wird ja oftmals nach einiger Zeit die Frage gestellt, was sich in ihrem Leben seither verändert hat. Was ändert sich denn im Leben eines ProtestSongContest-Gewinners?

Zemmer: (lacht) Es war sicher, dass auch diese Frage kommt. - Ich bin seitdem viel schöner, intelligenter und viel glücklicher geworden.

derStandard.at: Super. Noch mehr?

Zemmer: Ja, vielleicht auch sexy. (lacht wieder) Die praktischen Folgen waren, dass es Auftritte und Konzerte gab, die sonst nicht zustande gekommen wären. Christoph & Lollo haben mich zum Beispiel als Vorband eingeladen. Ich habe neue Songs geschrieben und Roman und Dominik sind meine richtige Band und Freunde geworden.

derStandard.at: Hast du auch viele Interviews geben müssen?

Zemmer: Ja. Noch am Finalabend im Rabenhof war da zum Beispiel so ein älterer Herr vom ORF: Ich weiß nicht was mit dem los war, aber der hat die ganze Zeit während des Interviews meine Hand gehalten. Das hat mich nervös gemacht, weil ich mich die ganze Zeit gefragt habe, was der will… Ach ja, und 'Südtirol heute' hat einen Bericht über mich gemacht…

derStandard.at: …nach dem Motto 'so lebt Jörg Zemmer'?

Zemmer: ...jaja...wir zeigen euch jetzt was er denkt – oder meint zu denken.

derStandard.at: Bist du ein politisch denkender Mensch? Du hast Politikwissenschaften studiert…

Zemmer: Zu Studienbeginn war ich sehr politisch, Ghandi war mein großes Vorbild, aber im Verlauf des Studiums habe ich sogar aufgehört zu wählen. Und nach dem Studium habe ich aufgehört, mich für Tagespolitik zu interessieren. Es hat mich frustriert zu erkennen, dass es um Machtspiele und Ästhetik statt um Inhalte geht. – Aber ich habe nicht aufgehört, politisch zu denken und das kommt auch bei den Songs wieder raus.

derStandard.at: Wie ging es dir unmittelbar nach deinem Auftritt im Rabenhof?

Zemmer: Der nette Bär von FM4 [Anm.: Dirk Stermann] hat mich gefragt, ob ich in der Kindheit viel Blues gehört habe und deswegen Punk geworden bin. (Jury-Mitglied Doris Knecht hatte das von sich erzählt.) Mit der Frage konnte ich damals gar nichts anfangen. Wie oft nach einem Auftritt war ich fertig. Ich hatte alles gegeben, alles gesagt für diesen Abend.

derStandard.at: Dein Song "Wir sind die Kleinen" ist ja auch fehlinterpretiert worden als eine Art Grönemeyers "Kinder an die Macht". Hat dich das gestört?

Zemmer: Man fragt sich schon, was man falsch gemacht hat, wenn die Songs so missverstanden werden. Denn es geht ja im Song darum, aufzustehen und was zu machen, die Stimme zu erheben. Es ist sozusagen die Aufforderung, den Protest zu formulieren.

derStandard.at: Am Samstag präsentiert ihr also nun Songs, die ein komplettes Album füllen würden, aber auf Tonträger gibt es die noch nicht?

Zemmer: Nein. Wir haben mal Labels kontaktiert, ich habe Demos rausgeschickt. Aber das bringt anscheinend nichts. Die Leute wollen fertig aufgenommene und produzierte Sachen, sie schreiben dann nur noch ihre Plattenfirma drauf.

derStandard.at: Das heißt, die Plattenfirmen wollen deiner Meinung nach keine Demos mehr, sondern fertige qualitätvolle Studioaufnahmen?

Zemmer: Ich habe mit einem Plattenchef geredet und der erzählte, "Rainer von Vielen" [Anm.: ProtestongContest-Gewinner 2005] habe ihm ein fertiges Album abgegeben, das er so wie es war kopieren konnte. Er hat ein Cover dazu gegeben und aus. Passt. – Er fragte, warum ich nicht elektronisch weitermache, das hätte ihm gefallen. Aber man bräuchte einen super Produzenten und da gäbe es nur wenige und die sind ganz teuer und verkaufen tut man dann sowieso nichts... Tja, und dann habe ich mir eben gedacht: Wir müssen ja nicht.

derStandard.at: Ursprünglich war "Wir sind die Kleinen", ja eine elektronische Nummer und live wurde daraus sehr reduzierter Anarcho-Punk. Machst du nun gar keine elektronischen Sachen mehr?

Zemmer: Doch. Wir verwenden den Drum-Computer "Adolf" auch live. Aber nicht bei allen Songs, sondern da, wo es eben passt.

derStandard.at: "Adolf" ist aber ein schlimmer Name für einen Drum-Computer…

Zemmer: Der ist auch schlimm, denn er marschiert einfach durch und macht was er will. Und zwar immer nur das eine. Obwohl er manchmal auch den Rhythmus variieren kann.

derStandard.at: Du bist ja in der weißen langen Unterhosen aufgetreten im Rabenhof. Hatte das bestimmte Gründe? Und dürfen wir uns auf ähnlich sexy Bühnengarderobe bei deinem nächsten Auftritt dort freuen?

Zemmer: Die Idee am Unterhosen-Outfit war zu verbildlichen wie das ist, wenn einem die letzte Hose und das letzte Hemd weggenommen wurde. Außerdem geht es zwar um Protest bei diesem Bewerb, aber ein bisschen Spaß soll ja auch dabei sein. – Was am 4. November passiert, verrate ich noch nicht. Das soll eine Überraschung bleiben.

derStandard.at: "Schwere tocotroniceske Phrasen" und "Lou-Reed-artige Stimme" stand im Pressetext. Wie würdest du jemanden der Jørg Zemmler nicht wirklich kennt, beschreiben wovon deine Songs handeln und wie eure Musik klingt?

Zemmer: Die Frage habe ich mir auch erwartet. (lacht) Vor der hatte ich Angst... Ich mache das nicht gerne, weil es immer irgenwie Schubladen sind. – Es ist eine recht breite Palette: Das fängt an bei langsamen Stücken mit dem Text im Vordergrund, die zum Nachdenken anstiften können. Oder punkige Sachen. Aber auch Stücke mit Drum-Computer, Reggae-Einflüssen oder ein Song, der in die Country-Richtung geht, aber noch immer Rock ist und das persifliert.

derStandard.at: Vorhersehbarkeit und Zuordnungen sind nicht deines…

Zemmer: Nein. Es geht darum, worum es in der Musik immer geht: Das sind die Töne, die Worte, das Tempo und die Lautstärke und wenn man die kombiniert kann man in einem Konzert ganz viel erleben. Man kann von "oh, jetzt bin ich aber traurig, weil er das so gesagt hat" bis "juchhe, jetzt geht es wieder ab" alles erleben. Bei einem Green Day-Konzert weiß man, die trommeln jetzt eine Stunde richtig drauflos und dann gehe ich wieder nach Haus. Bei uns kann man da schon mehr unterschiedliche Sachen erleben.

derStandard.at: Jury-Mitglied und FM4-Moderator Martin Blumenau hat beim Contest gesagt, du hättest deine Sonic-Youth-Wurzeln ausgepackt…

derStandard.at: Ich kann Sonic Youth eigentlich fast gar nicht anhören. Ein Freund von mir hat mir wegen dieser Bemerkung fünf CDs von ihnen gegeben. Mit gutem Willen habe ich eine Viertelstunde reingehört, aber dann war Schluss.

derStandard.at: Hast du mit dem 'strengen Martin Blumenau' damals noch über diese Einordnung diskutiert?

Zemmer: (lacht) Nein, hab ich nicht. Aber Martin Blumenau würde ich gerne mal kennenlernen.

derStandard.at: Worüber würdest du mit ihm reden?

Zemmer: Über ihn und warum er SO Radio macht. Denn ich glaube, dass er ein sehr netter Mensch ist.

derStandard.at: Wenn man deine Songs anhört, gewinnt man den Eindruck, dass du dich dem Reim verweigerst. Bei "Wir sind die Kleinen" kommt kein Reim, auch wenn man ihn vielleicht erwartet. Ist der Anti-Reim und Disharmonie ein Prinzip bei Dir?

Zemmer: Nein. Ich reime sehr gern und finde das sehr lustig. Gerade in Gedichten macht das viel Musik rein. Wenn man aber Musik hat, braucht man keine Reime mehr. Nicht unbedingt zumindest. Ich habe unlängst ein Chanson-Album angehört auf der viel gereimt wird. Ich hab dann schon im Vorneherein gewusst, was für ein Wort am Schluss des nächsten Satz kommt. Man kann das schon so machen, aber meines ist das nicht. Die Überraschung ist immer das Spannende.

derStandard.at: Letzte Frage: Wie ist eigentlich das 'l' in den Bandnamen gerutscht: Zemm(l)er?

Zemmer: Ich hatte mit meiner Band Abendroth [Anm.: gemeinsam mit Markus Köhle] 2004 einen Auftritt auf der Innsbrucker Seegrube. Und auf dem Plakat zum Konzert wurde mein Name fälschlicherweise mit "l" geschrieben. Anfangs hat mich das sehr geärgert und gar nicht gefallen, aber mein Bandkollege hat mich dann ab und an so genannt und letztendlich habe ich es mit der Buch-Veröffentlichung 2004 institutionalisiert. Wenn mich die Leute aber fragen, ob das mein Künstler-Name sei, muss ich das verneinen: Es ist vielmehr mein Künstler-L. Wonach die Journalisten übrigens nie fragen ist, dass das 'ø' in Jørg ja auch kein ordinäres 'Ö' ist, sondern das skandinavische.

derStandard.at: Okay! Was hat es mit dem speziellen 'Ö' auf sich?

Zemmer: Es sieht aus wie ein mehr oder weniger durchgestrichenes 'O'. Und so wird und aus meinem Vornamen dann eigentlich 'Jrg'.

Jørg Zemmler live
Sa., 4.11.2006, 20 Uhr (pünktlich!)
1030 Wien, Rabengasse 3
Supporting Acts: Thalija und ein geheimer Special-Guest

ProtestSongContest 2007
Einreichungen bis 8. Jänner an FM4 – Salon Helga, 1136 Wien. Semifinale: 27. 1., Finale: 12. 2. 2007. Hinweis:
Nur Audio-CD's einreichen. MP3-Format wird nicht akzeptiert.

  • Trotz Gesichtsbemalung kein Kindergärtner: Musiker und Poetry-Slammer Jörg Zemmer gewann im Februar mit "Wir sind die Kleinen" den Protestsongcontest 2006.
    foto: stefan sulzenbacher

    Trotz Gesichtsbemalung kein Kindergärtner: Musiker und Poetry-Slammer Jörg Zemmer gewann im Februar mit "Wir sind die Kleinen" den Protestsongcontest 2006.

  • Siegerlied vom 12.2.2006: "Wir sind die Kleinen" live   Die Elektro-Version: "Wir sind die Kleinen"
    foto: mario lang/rabenhof theater

    Siegerlied vom 12.2.2006: "Wir sind die Kleinen" live

    Die Elektro-Version: "Wir sind die Kleinen"

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