Schnappschussentschleuniger: Ausstellung Franz Gertsch in Wien

3. November 2006, 11:48
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Die Albertina zeigt in der Basteihalle "Natur-Porträts" , Holzschnitte und Gemälde des bedeutenden Schweizer Fotorealisten

Die rund 30 großformatigen Arbeiten repräsentieren annähernd das Gesamtwerk der Jahre 1986 bis 2006.


Wien – "Der große Waldweg", die "Silvia", das "Schwarzwasser" oder auch die Blätter der gemeinen Pestwurz: Bei Franz Gertsch wird alles in Punkte aufgelöst, er schneidet Natur "ins Licht". Vor ihm steht dazu eine dunkelblau grundierte Holzplatte, deren Dimension nicht im Entferntesten an einen Holzschnitt denken lässt. Und auch Gertschs Verfahren, die Platte auf den Druck vorzubereiten, hat nichts mit schneiden zu tun. Er zieht keine souveränen Linien, schneidet weder Kurven noch Geraden in die Platte, lässt keine kunstvoll gebogenen Grate stehen. Franz Gertsch sticht Punkte aus, setzt tausende von unscheinbaren Kerben.

Aus der Nähe betrachtet richtet er ein Durcheinander an, stiftet Chaos im hochauflösenden Druckraster. Und, was jetzt schon völlig klar ist, die Vervielfältigungstechnik "Holzschnitt" wird Unikate liefern, bestenfalls 20 nicht nur farblich unterschiedliche Zustände. Varianten eines Motives entstehen dann, das Gertsch recht unspektakulär seinem Alltag entnimmt, es auf Diapositiv oder Polaroid dem Geschehen ringsum entreißt. Und damit dem üblichen Lauf der Dinge. Das kann jetzt ein Stück einer Wiese im Tessin sein oder das Gesicht einer flüchtigen Bekannten. Gertsch borgt sich Momente, hält in einem ebenso lapidaren wie schnellen Verfahren fest, was ihn in Folge über Monate oder Jahre beschäftigen wird.

Gertsch nimmt sich die Zeit. Gertsch entschleunigt. Er geht dem Motiv auf den Grund – und zugleich damit jenem Verfahren, das ihm das Motiv zwecks weiterer Vertiefung konserviert hat. Zeit für einen Exkurs:

Superrealismus

1972 hielt man in Kassel die Documenta 5 ab, und prompt fand sich ein neuer Ismus in aller Munde: der Fotorealismus. Und seit damals nun gilt Franz Gertsch als dessen Hauptvertreter. Ein monumentales Gemälde – vier mal sechs Meter groß – trägt dafür die Verantwortung: Medici, eine Gruppe den Zeitgeist von damals ausdrückender Männer, die superentspannt über einer Baustellenabsperrung lümmeln – 24 Quadratmeter voller Details, wie sie kaum ein Foto zu bieten vermag, super-, wenn nicht gar hyperrealistisch. Womit jedem staunenden Zaungast der Paradekunstschau schlagartig klar war: So etwas braucht Zeit, und so etwas will auch gekonnt sein. Und überhaupt: Wieso kommt der sozialistische Realismus jetzt plötzlich aus den USA und der Schweiz und stellt uns ganz andere als die gewohnten Helden der Arbeit vor? Egal.

Chuck Close begann sich mit Mitteln der Malerei dem Verfahren Fotografie und deren Rezeption (analytisch, kritisch) zu widmen, John de Andrea verstand Superrealismus dreidimensional, Gottfried Helnwein populär. Und Franz Gertsch fand zum Ursprung der Malerei, vertiefte sich in die Natur, in Porträts und Landschaftsstücke, arbeitete sich von der Oberfläche seiner Motive Schicht um Schicht tiefer hin zur Frage nach den je speziellen Qualitäten für deren offensichtliche Präsenz.

Bis 1986 das Potenzial malerischer Mittel für den Moment erschöpft scheint. Franz Gertsch wendet sich dem Holzschnitt zu, will noch tiefer vordringen – und verlässt die realistische Wiedergabe. Er entwickelt für sich eine eigene Variante des Holzschnittverfahrens und reizt alle bekannten Formatvorgaben aus. (Noch ehe übrigens klar ist, woher passend überdimensionale Papiere in entsprechender Qualität zu beziehen wären. Die handgeschöpften Papiere im Format 276 x 380 cm bezieht Gertsch vom japanischen Künstler Ivano Heizaburo.)

Die fotografische "Bildvorlage" ist endlich nur mehr Ausgangspunkt. Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder: "Gertsch hat damit einen neuen Zugang zur Wirklichkeit erreicht. Er sucht das Charakteristische, Wesenhafte, Allgemeingültige eines Motivs ohne Bindung an einen konkreten Ort und eine spezifische Zeit. Wie bei kaum einem anderen Künstler treten die Holzschnitte gleichwertig neben die Gemälde. Schon durch ihr Format wetteifern sie mit den monumentalen Bildern, und ihre Anordnung als Diptychon und Triptychon sprengt das landläufige Format des Mediums vollends. Zudem ist die Punktiertechnik der Holzschnitte mit der Art, wie Gertsch bei seinen Bildern die Farbe in unzähligen feinen Flecken auf den Malgrund tupft und sie in einzelnen Abschnitten schrittweise aufbaut, eng verwandt."

Zwei dieser Holzschnitte – "Rüschegg" und "Triptychon Schwarzwasser" – fanden als Dauerleihgabe der Ludwig Stiftung bzw. Schenkung des Künstlers in die Sammlung der Albertina. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.11.2006)

Zeitlose Naturbilder aus den Berner Voralpen:
Zur Biografie der fixen Größe Franz Gertsch

Rüschegg – Der Ort Rüschegg in den Berner Voralpen ist womöglich bekannter, als seine Einwohner das ahnen. Ein Stück Rüschegg findet sich auf Dauer oder zumindest auf der Durchreise fast überall auf der Welt. Zumindest dort, wo sich bedeutende Sammlungen für Kunst des 20. Jahrhunderts angehäuft haben: im Museum of Modern Art in New York ebenso wie in artverwandten Instituten in Kioto, in Berlin, in London oder in Wien.
Es ist jeweils ein Stück Rüschegg, so wie Franz Gertsch es sieht, ein Stück der ländlichen Umgebung, das, von jedem Wiedererkennungswert befreit, gleichsam für ein Prinzip steht: Natur.
Franz Gertsch, geboren 1930 in Möhringen, ist 1976 nach Rüschegg gezogen. Ein paar Jahre davor hat ihn seine Teilnahme an der Documenta 5 in Kassel zum Durchbruch als Künstler verholfen. Der Fotorealismus wurde dort zur Schule geadelt, und Franz Gertsch war Vorzugsschüler. Mit seine fotorealistisch gemalten monumentalen Gruppenbildnissen und Situationsporträts traf der Schweizer den US-amerikanisch dominierten Zeitgeschmack. Die Folge waren eine Serie von Beteiligungen an Ausstellungen unter dem Sammelbegriff "Realistische Tendenzen" und seine erste Teilnahme an der Biennale von Venedig 1978.
Rüschegg ist so etwas wie der Gegenentwurf zur stets glamourbedachten Kunstwelt. Rüschegg liegt schattseitig. Für Gertsch optimal, ein Ort, um sich Zeit zu nehmen, Zeit, um einem Stück Wiese ein ganzes Jahr zu widmen, Zeit für eine Serie von Frauenporträts: Irène, Tabea, Verena, Johanna und Simone kosteten Franz Gertsch immerhin sechs Jahre. Dann machte er Pause mit Malen und entwickelte seine Holzschnitttechnik.
Am internationale Kunstmarkt sind Arbeiten von Gertsch höchst selten zu finden. Seine Produktion ist zu gering, um ein Netz aus Galeristen und Händlern mit ausreichend Nachschub zu versorgen.
Gertschs Arbeiten werden sorgfältig platziert. Seit 2002 auch im "eigenen" Museum in Burgdorf ganz in der Nähe von Rüschegg Die Werke aus der Stiftung Willy Michel, die sich aus einer großen Schenkung des Museumsgründers Willy Michel sowie einer Teilschenkung von Franz Gertsch zusammensetzen, bilden den Grundstock der Museumssammlung. Sie umfasst beinahe lückenlos das Gesamtwerk von Franz Gertsch von 1987 bis 2004. Im Einzelnen sind dies das Porträt Silvia I und die vier großformatigen Gemälde Gräser I–IV. Einen weiteren Schwerpunkt der Sammlung bilden die Holzschnitte, darunter die monumentale, aus vier je 400 x 850 cm messenden Triptychen bestehende Installation Das Grosse Gras, verschiedenen Arbeiten aus der Schwarzwasser-Serie (zwei Triptychen, ein Diptychon sowie Schwarzwasser I) und Gertschs jüngster Monumental-Holzschnitt Maria. (mm)

Link: albertina.at

  • Ein Mädchen aus der Umgebung des Franz Gertsch: Silvia, als Gemälde (li.) und Holzschnitt von zwei Platten (re.).	Das Detail zeigt Gertschs spezielle Technik des Punktierens.
    foto: albertina

    Ein Mädchen aus der Umgebung des Franz Gertsch: Silvia, als Gemälde (li.) und Holzschnitt von zwei Platten (re.). Das Detail zeigt Gertschs spezielle Technik des Punktierens.

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