Lange Zeit unauffindbare Dokumente des Todes

4. Juli 2000, 12:58

Teil 3

Enteignet, vertrieben, ermordet: Akten einer tragischen Familiengeschichte

Seit Jahren sucht Ashwin Maini nach seinen österreichischen Wurzeln: eine verfolgte jüdische Familie, für deren Nachkommen es nie Entschädigungen gab. In der Wiener Finanzlandesdirektion lagen die vielleicht wichtigsten Akten über ihr Schicksal. Von Standard-Autor Hubertus Czernin.

Ashwin Maini ist 34 Jahre alt und arbeitet in London in einem weltweit aktiven Konzern als Wirtschaftsanwalt. Seit Jahren pflegt er ein Hobby, dem auch viele andere nachgehen, weil es nahe liegend ist und aufregend sein kann: "family research". Anfangs konzentrierte Ashwin seine Familienrecherchen auf relativ einfache Fragen: Wann wurde welcher Vorfahre wo geboren? Wann starben diese? Wo absolvierten die männlichen Familienmitglieder ihren Militärdienst? Wer heiratete wen?

Doch bald entwickelte sich aus dem recht gewöhnlichen Hobby etwas Besonderes. Das lag an der jüdischen Herkunft seiner Mutter, deren Familie einmal in Österreich gewesen war. So lernte Ashwin Maini die Lebensgeschichte seines Urgroßvaters Hugo Cohn kennen, eines wohlhabenden jüdischen Import-Export-Kaufmanns, der sich mit seiner galizischen Frau Regina Uiberall um 1880 in Wien niedergelassen hatte. Neun Jahre später nahm das Paar eine weitläufige Wohnung in der Esterházygasse im sechsten Bezirk, in der die vier Kinder Richard, Henryka, Johanna und Ludwig, das preußische Kinderfräulein Emilie Suffrian und weiteres Personal genügend Platz zum Leben fanden. 14 Zimmer hatte die Wohnung, samt Bibliothek, schönen Gemälden an den Wänden, Silber und Musikinstrumenten. Manches davon, etwa die Ahnenbilder, lässt sich auch anhand der erhaltenen gebliebenen Fotografien erkennen.

Die Kinder von Hugo und Regina Cohn wurden weltoffen in einer jüdisch-liberalen Tradition erzogen. Ashwins Großvater Ludwig und dessen Bruder waren für die Geschäfte Hugo Cohns nicht zu interessieren, sie gingen ihren künstlerischen und wissenschaftlichen Neigungen nach. Der 1883 geborene Ludwig schrieb seine Dissertation in Heidelberg und wurde zu einem Goethe-Experten, mit dem besonderen Schwerpunkt von dessen italienischen Reisen.

Bald nach des Vaters Tod nahm Ludwig 1904 den Namen Gorm an und trat 1915 zum evangelischen Glauben über. Später ließ er sich in München nieder und arbeitete in einem Verlag, schließlich heiratete er. 1926 kam sein einziges Kind zur Welt - Ashwin Mainis Mutter Marianne. In den Dreißigerjahren, nach Hitlers Machtergreifung, übersiedelte die Familie nach Bologna. Wien besuchte man nur noch selten, obwohl Ludwig Gorm, der inzwischen auch Bücher schrieb, Österreich unverändert verbunden war - in Bologna hatte er die Funktion eines Honorarkanzlers am Konsulat inne.

1904 hatte auch Ludwigs acht Jahre älterer Bruder Richard den Namen des Vaters abgelegt und sich von da an Carsten genannt. Ursprünglich hatte Richard Carsten eine Karriere als kaiserlicher Offizier angestrebt, er wurde auch zum Leutnant der Reserve ernannt, dann aber kehrte er ins Zivilleben zurück, als Beamter, wie es in den Akten heißt.

In den letzten Jahren vor dem Weltkrieg lebte er in Paris. Ab den Zwanzigerjahren war sein Hauptwohnsitz wieder die mütterliche Wohnung in der Esterházygasse. Daran änderte auch die Hochzeit mit Charlotte Munk im Dezember 1929 nichts. Richard Carsten arbeitete nun als Fotograf. Auch die zwei Schwestern blieben in der Wohnung, in der sie aufgewachsen waren: Henryka als Gesangspädagogin und Johanna als Lehrerin. Sie starb 1929 an einer Blutvergiftung.

Doch mit dem "Anschluss" Österreichs und dem im Jahr darauf von Hitler-Deutschland ausgelösten Zweiten Weltkrieg änderte sich alles in der bis dahin so beschaulichen Familiengeschichte. Während sein Großvater Ludwig mit der Familie von Bologna nach Südafrika auswanderte und Henryka Cohn im Mai 1939 nach England emigrierte, blieben Richard und Charlotte Carsten in Wien.

Charlottes Klage ging bis zum Gauleiter

Charlotte Carsten ging nach dem "Anschluss" ein unglaubliches Risiko ein: Nach ihrer rassistisch begründeten Entlassung aus einer internationalen Handelsfirma brachte sie diese vor Gericht - wegen nicht ausgezahlter Lohnbestandteile. Der ungewöhnliche Fall beschäftigte sogar Gauleiter Josef Bürckel, der aus Berlin Instruktionen zur Lösung der heiklen Angelegenheit begehrte. Im November 1939 wurden Charlotte und Richard aus der Esterházygasse vertrieben. Ein halbes Jahr lebten sie in einer Wohnung in der Taborstraße, ehe ihnen ihr letztes Quartier zugewiesen wurde, in der Lilienbrunngasse im 2. Bezirk. Am 10. September 1942 wurde das Paar nach Theresienstadt zwangsverschickt. Richard starb dort 68-jährig im Mai 1943. Im Oktober des folgenden Jahres, nur wenige Monate vor Kriegsende, wurde seine Witwe Charlotte nach Auschwitz deportiert.

Akribische Suche in Archiven

In Kenntnis dieser Geschichte änderte sich die Qualität von Ashwin Mainis Familienforschungen. Das war 1997. Der junge Wirtschaftsjurist begab sich auf die Suche nach dem enteigneten Familienvermögen, er entdeckte im Archiv der Republik die Vermögensbekenntnisse seines Onkels, dessen Frau und der Tante Henryka, er schrieb die Postsparkasse an, wo Richard und Charlotte Carsten ein Wertpapierdepot hatten, und begehrte Auskunft vom Dorotheum, lange bevor andere Erben von NS-Opfern die Suche nach enteigneten und geraubten Vermögenswerten aufnahmen.

Unter den Dokumenten, die Ashwin in Wiener Archiven mithilfe lokaler Historiker und Archivare zur Rekonstruktion der Familiengeschichte und des Vermögens entdeckte, fehlten ihm am Ende nur noch ganz wenige, wie er bald erkannte: jene der Zentralstelle für jüdische Auswanderung. Nirgends fand er Hinweise, wo diese lagen, in keinem ihm bekannten und genannten Archiv waren sie zu entdecken. Niemand wusste Rat. Dennoch war Ashwin überzeugt, sie eines Tages zu finden.

Seit 14 Tagen hat er sie nun endlich in Händen - fünf Seiten, über Richard und Charlotte Carsten und deren Schwester Gisela Mun, die nur wenige Monate nach der Ankunft in Theresienstadt, im Jänner 1943 nach Auschwitz deportiert worden war. Die Dokumente des Todes waren bis zu Beginn des Jahres im Keller der Finanzlandesdirektion für Wien, Niederösterreich und Burgenland gelegen und werden nun im Archiv der Republik so geordnet, dass sie künftig für jeden einzusehen sind.

Ein Dokument ist für Ashwin Maini dabei von besonderer Bedeutung: Ein Brief des Bankhauses C. A. Steinhäusser - des "arisierten" ehemaligen Bankhauses Ephrussi - aus dem Dezember 1942 an die Abwicklungsstelle der Zentralstelle für jüdische Auswanderung. Darin teilt die Bank mit, dass sie das dort veranlagte Guthaben von Richard Carsten (3000 Reichsmark) "abzüglich unserer Spesen" bereits auf das "Sonderkonto Judenumsiedlung" überwiesen habe: "Eine weitere Post von K. 20.000,-, 4 1/2 %, 60-jähr., Central-Hypothekenbank, befindet sich derzeit zur Einlösung in Berlin. Nach Eingang des Gegenwertes werden wir Ihnen denselben ebenfalls bei der Länderbank A.G. Zweigstelle 29 anschaffen."

Was wurde zur Rückstellung getan?

Ashwins Mutter Marianne, die als Elfjährige wenige Wochen vor dem "Anschluss" noch in der Esterházygasse auf Besuch war, könnte dieses Dokument zu einer späten Entschädigung verhelfen. Das Bankhaus Steinhäusser hat nämlich einen Rechtsnachfolger - und zwar die Entrium Direktbank Austria, deren Muttergesellschaft in Nürnberg sitzt. Ashwin Maini hat dazu vorerst eine Frage, die an alle Banken zu stellen wäre, die so wie C. A. Steinhäusser an der Enteignung gutgläubig angelegten Kapitals beteiligt waren: "Was hat die Bank seit 1945 getan, um bei den Regierungen von Deutschland und Österreich das Vermögen ihrer Kunden zurückzuerhalten?"

Recherche: Alexandra Caruso/Hubertus Czernin

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