Saunafreuden

6. November 2006, 09:29
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Überfüllte Thermen und zu intime Erzählungen machen öffentliche Wellnesszonen mitunter etwas mühsam

Es war gestern. Da lagen auf B.s Couchtisch nicht die üblichen Angebermagazine aus Schickimickiland, sondern Kataloge. Vom Bauhaus, vom Installateur und von anderen Spezialisten. Und B. ging in die Offensive: Wo wir, wären wir an seiner Stelle, das Ding hinstellen würden. Was es denn aus sein solle – und ob wir eh auch vorbeikämen. Um zu saunieren. Oder dampfzubaden. Oder uns unter die Infrarotwärmlampen zu hocken.

Wir verstanden nicht: Wieso er, B., in seine Wohnung (zumindest) zwei begehbare Kisten stellen wolle, müsse er uns erklären. Schließlich sei er einer der vordersten Verfechter des gepflegten Wellneshotelwochenendes gewesen. Und außerdem habe er sich doch erst vor ein paar Monaten in das nicht gerade billige Fitnesscenter eingeschrieben – ohne je eine Hantel in die Hand nehmen zu wollen. Weil, so hatte B. doch erklärt, es ihm einfach um die Warm- und Wellnesszonen ebendort gehe.

Sucht

Eben, seufzte B. Das sei ja das Problem: Er sei dampfbad- und saunasüchtig. Und zwar gerade dann, wenn es draußen kalt & grauslich werde. Aber die erreichbaren Thermen wären mittlerweile so überrannt, dass er entnervter herauskäme als er rein ginge. Und zwar egal, ob er sich dort in einem Hotel einquartiere oder eine Tageskarte löse: Menschenmassen, Jahrmarkttrubel und immer öfter Gesellen und Gesellinnen, die mit ihren Handtüchern in jedem Bereich der Therme gleich ganze Liegelandschaften reservierten, hätten ihm die Freude ziemlich verdorben.

Darum habe er sich ja auf den Fitnesscenter-Kompromiss eingelassen. Aber auch dort, klagte B., herrsche mittlerweile Betrieb wie auf dem Flughafen vor den Charterschaltern zu Ferienbeginn: Das ständige Tür-auf-Tür-zu sei nicht nur lästig, sondern störe auch den Dampf- und Hitzeaufbau. Und Schlangestehen vor der Dusche sei auch nicht so seins. Und als er letztens dann im Dampf Ohrenzeuge eines detaillierten Gespräches über die intimen Backstage- und Toilettenabschleppaktivitäten zweier Discomäuse werden musste, sei ihm der Kragen geplatzt: Es genüge doch, habe er in den Dampf geblafft, dass man in öffentlichen Saunen körperlich nackt sei – auf erotische Enthüllungen, Beschreibungen männlicher Anatomie, Körperflüssigkeitsmengen- und -geschmackszensionen samt wolle er da, bitte, gerne verzichten.

Unkollegial

Die Discotussis, erzählte B., hätten daraufhin kurz gemault und dann die Klappe gehalten. Sie hätten das Dampfbad bald darauf verlassen. Aber in der Garderobe, sagte B., sei er dann von ein paar jüngeren Männern blöd angemacht worden: Es wäre doch geil gewesen, den doofen Hasen zuzuhören. Wieso er so unkollegial sein könne – die beiden wären doch vermutlich leichte Beute gewesen. Zwar nicht hier, direkt im Dampfbad (weil das doch leider wirklich zu voll sei), aber danach, bei irgendwem daheim. Und B. hätte sicher mitspielen dürfen.

Deshalb, zeigte B. auf die Kataloge am Tisch, sei es jetzt genug. Er werde sich Sauna, Infrarotkabine und Dampfbad ins Haus holen. In den Keller. Oder ins Bad. Oder sonstwohin. Und wir seien herzlich eingeladen, mit auszusuchen und dann, später, zu ihm saunieren zu kommen.

Dampfdusche

Wir schauten ihn fragend an: Ob er denn vergessen habe, dass K. in seiner neuen Wohnung eine große Dampfdusche eingebaut habe. Und wir dort jederzeit dampfen gehen dürften? B. seufzte: Nein, das habe er nicht vergessen – aber K. habe die Dampfdusche doch im zweiten Badezimmer eingebaut. Und das läge hinter den Schlafzimmern seiner Töchter. Die hätten da zunächst gemotzt, aber nun, ein halbes Jahr nach dem Einzug, die Duschzone zu ihrem Privatreich erklärt – und auch wenn K., der Vater, ihm B., dem Freund, versichert habe, dass das gar kein Problem sei und er das pubertäre Geschnatter gar nicht ernst nehmen solle, wäre es ihm unangenehm, in das private Beauty- und Waschrevier einer 14- und einer 15 –jährigen einzudringen: Das gehe ihn nämlich ebensoviel an, wie die Trashsex-Stories der Discomäuse im Fitnesscenter – so dicht könne der Dampf gar nicht sein. Und jetzt, sollten wir gefälligst in die Kataloge schauen: E wolle noch vor dem ersten echten Schnee zum ersten Mal zuhause zum Aufguss bitten.

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