"Der dritte Mann"

2. November 2006, 17:00
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Eine Ikonographie des Mediums Film, immer noch ein spannender Thriller, 1948 eine Sensation. Mit Pointe von Mussolini

Als die wunderbare Alida Valli vor einigen Monaten starb, sah man sie noch einmal die lange, endlos lange Allee hinuntergehen, blicklos vorbei an dem Mann, der zuvor so hartnäckig um sie geworben hatte. Und wenn sich ganz zuletzt Joseph Cotten eine Zigarette anzündet fragt man sich ganz erschrocken, was wohl aus der bewegendsten aller Künste werden soll, wenn dieses Mittel dereinst völlig verbannt sein wird.

Carol Reeds Film ist fast sechs Jahrzehnte nach seiner Uraufführung immer noch ein spannender Thriller, damals war er eine Sensation. Es war ja alles noch lebendige Gegenwart, die Trümmerlandschaften der Städte, der Schwarzmarkt, die unter dem Besatzungsregime geduckten Existenzen. Und dazu noch dieses Wien, das in seiner makaber-modrigen 19. Jahrhundert-Atmosphäre so viel beklemmender war, als es das ausgemergelte Berlin hätte sein können.

Gleichwohl berührt es einen heute merkwürdig, dass drei Jahre nach dem schrecklichsten aller Kriege und unter dem unmittelbaren Eindruck des Holocaust ein Film gedreht wurde, in dem die Menschen der Stadt, aus der Adolf Hitler kam, von den Verbrechen eines Amerikaners heimgesucht werden. Ein anderes Ereignis dieses Films hat beim Wiedersehen deutlich an Wirkung verloren, die Musik. Zu oft hat man das Zithermotiv des Anton Karas gehört, als dass es über seine Banalität noch hinausweisen könnte. Aber gerade dieser Heurigen-Touch war es ja, der, unverbraucht, den stupenden Effekt ausgemacht hatte.

Der Film ist sorgfältig besetzt mit der schönen Alida Valli, mit Joseph Cotten, Trevor Howard und einer Riege brillanter deutsch-östereichischer Nebendarsteller wie Ernst Deutsch, Paul Hörbiger, Erich Ponto, Hedwig Bleibtreu. Der Star des Films ist freilich einer der Giganten Hollywoods, Orson Welles. Sein Auftritt mit der Fahrt im Riesenrad dauert weniger als fünf Minuten - in der späteren Verfolgungsszene in den Abwasserkanälen Wiens ist er kaum mehr als eine Silhouette- und gehört zu den unvergesslichen Momenten in der Ikonografie dieses Mediums Das Drehbuch hat der grosse Graham Greene geschrieben.

Seinen besten Dialogsatz freilich hat er sich ausgerechnet bei Mussolini ausgeliehen: "In den 30 Jahren unter den Borgias hat es nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut, aber dafür gab es Leonardo da Vinci, Michelangelo und die Renaissance. In der Schweiz herrscht brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden, und was haben wir davon, die Kuckucksuhr." (Günter Rohrbach / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.11.2006)

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