Coole Hunde, diese Wölfe: "The Town And The City" von Los Lobos

3. November 2006, 11:47
5 Postings

Eine US-amerikanische Institution veröffentlicht nach mäßig inspirierten Arbeiten ein Meisterwerk: Einen Tequila bitte!

"Where is the place I once knew, gone away, disappeared into the blue." So eine Zeile findet man auf jedem Los-Lobos-Album. Aktuell befindet sie sich im Song Don't Ask Why vom eben erschienen Album The Town And The City. Sie umschreibt eines der wesentlichen Themen der Band: Entwurzelung, die Versuche, Traditionen aufrecht zu erhalten, die man oft nur noch als Nachwehen einer alten Zeit und eines fremden Landes empfindet. Los Lobos, die Wölfe, sind Wanderer zwischen diesen Welten und Zeiten. Alle Mitglieder sind amerikanische Latinos und in East Los Angeles, dem hispanischen Ghetto der Westküstenmetropole, aufgewachsen. Ihre Band gründeten sie bereits in den mittleren 1970ern, kurze Zeit nach der Blüte der Chicano Power, einer an die Black Power angelehnten Latino-Bewegung, die auch einige Bands hervorbrachte - zu den bekanntesten zählten War, Acteca und Santana. Zu dieser Zeit spielten Los Lobos auf Hochzeiten und Partys ihrer Landsleute die Musik von zu Hause, dazu ein paar Polkas und als Zugeständnis an die neue Heimat Rock'n'Roll.

Das waren die Zutaten, mit denen in den frühen 1980ern ein Karriere begann, in der ein Welthit genauso vorkommen sollte wie eine beachtliche Anzahl an Grammys. In den USA ist die Band längst eine Institution, nicht nur in den latino-amerikanischen Gemeinden. Die Mini-LP ...And A Time To Dance bescherte den damaligen Labelkollegen der Violent Femmes wegen der angestochenen Polka Anselma einen ersten Grammy, das Folgealbum How Will The Wolf Survive? (1984) wurde unter anderem von der New York Times als Album des Jahres genannt. Hier zu Lande kennt man die Wölfe oft nur wegen La Bamba. Jener Rock'n'Roll-Nummer des früh verstorbenen Latino-Rockers Ritchie Valens, deren Interpretation Los Lobos in der Hollywood-Verfilmung seines Lebens 1987 weltberühmt gemacht hatte - ein wenig repräsentativer Song für das Werk des Quintetts, das sich formal immer wieder verändert.

Die fünf runden Männer mit den dunklen Sonnenbrillen und den hellen Stimmen veröffentlichten mit Colossal Head (1996) ein Album, das auch Beck nicht besser machen hätte können. Als Latin Playboys publizierten sie experimentelle Ambientalben oder gaben sich wie auf La Pistola Y El Corazón, einem Aktustikalbum mit genialischen mexikanischen Gstanzln, gänzlich traditionell. Ein Meisterwerk, das zeigte, dass hinter den coolen Sonnenbrillen oftmals auch dicke Tränen kullern. Die letzten Alben stagnierten ein wenig, waren trotz einiger Momente nicht besonders überzeugend.

Mit The Town And The City haben sie nun wieder zur Bestform gefunden und ein sattes Meisterwerk in die Welt gesetzt. Der Opener The Valley schleicht wie ein alter Lude in der Mittagshitze um die Häuser: Ein tiefer Bassgroove, sphärische Gitarren-Feedbacks und ein behäbiger Beat führen trotz innerlicher Aufgewühltheit mit großer Ruhe ins Album. Auch das folgende Hold On, eine spartanische Rhythm'n'Blues-Nummer mit zartem elektronischen Gefiepse erhöht noch nicht das Tempo. Erst bei The Road To Gila Bend ist das Vorglühen zu Ende, und die Band entzündet sich in einem unvergleichlich groovenden Song, den eine gleichermaßen rohe wie atmosphärisch wunderbare Produktion auszeichnet und in der Cesar Rosas mit seinen gleißenden Riffs die Richtung vorgibt.

Hier offenbart sich, was diese fünf Kugelberger alles drauf haben. Chucos Chamba ist dann schon beste Los-Lobos-Hausmarke: eine Brise Karibik, etwas mehr Cerveza, als der Durst verlangte, und die Coolness des Ghettos, die mit Rock und Rhythm'n'Blues unter einen Sombrero gebracht werden, dass man nur so staunt. Eine gute - nein - eine fantastische Stunde lang führen David Hidalgo, Steve Berlin, Cesar Rosas, Conrad Lozano und Louis Perez durch ihr Viertel. Gegenden, die man sonst nur aus Filmen wie Repo Man, Colors oder Blood In, Blood Out kennt. Von diesen Straßen erzählen sie ihre kleinen Geschichten von großer Bedeutung und Wirkung.

Auch hier, in der "Neighbourhood", sind sie eine Institution. Los Lobos sind in eine Reihe von Sozialprojekten eingebunden, die versuchen, die Kids von den Versuchungen und Gefahren der Gangs und ihren existenzbedrohenden Begleiterscheinungen fern zu halten oder ihnen die Ausstiege zu erleichtern. Sie fungieren hier als Vorbilder des "American Dream", den sie sich verwirklichen konnten, ohne die eigene Authentizität aufzugeben, sondern indem sie sich den neuen Umständen mit ihren Mitteln und Traditionen stellten. Schon das ist im richtigen Leben eine Kunst, an der viele gehindert werden oder scheitern: "Disappeared in the blue!"

Davon berichten Los Lobos - und zwar zum Niederknien! Eines der überragenden Alben des Jahres. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.11.2006)

  • Los Lobos: "The Town And The City" (Universal)
    foto: universal

    Los Lobos: "The Town And The City" (Universal)

Share if you care.