Musikrundschau: Freundliche Schrecken

2. November 2006, 17:21
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Neue Alben von Love is All, M. Ward, den Pet Sop Boys und eine Kompilation von Plague Songs

LOVE IS ALL
Nine Times That Same Song
(EMI)
Die verwackelte und schrammelig produzierte schwedische Garagenband um Sängerin Josephine Olausson kombiniert auf ihrem stürmischen wie räudigen und mit einjähriger Verzögerung jetzt auch außerhalb ihrer Heimat veröffentlichtem Debüt nicht nur hoppertatschigen britischen Wave-Sound aus den frühen 80er-Jahren mit zeitgemäßen Trash-Klängen von US-Kollegen wie The Yeah Yeah Yeahs. Ein trotz der und gegen die Musik der Restcombo anspielendes Saxophon aus der Ära Blurt oder James White sorgt mit quäkenden Interventionen auch dafür, dass die ganze Angelegenheit herzergreifender und nicht so berechnend wie bei den derzeit angesagteren New Yorker Kollegen The Rapture klingt. Sehr charmant! Das jetzt nicht falsch verstehen: Christina Stürmer würde so in gut klingen. Wenn sie sich auch ein wenig mit legendären Girl-Bands der 60er-Jahre wie The Shangri-Las beschäftigen würde.

M. WARD
Post-War
(4AD/Edel)
Der kalifornische Songwriter spielt sich mit seinem neuen Album endgültig in die Liga der Großen der Americana-Szene. Dabei lässt er in diesen zwölf mit leichter Hand hingeworfenen Liedern allerdings die alten Country-Einflüsse zu weiten Teilen zurück und nähert sich mit rumpeliger Rhythmusgruppe und forsch gestrampften Gitarren und verblasenen Orgelklängen einem melancholisch-kitschigen Kunstlied an, das oft an einen Tom Waits erinnert. Wenn dieser mit glockenheller Stimme freundliche Strandbubenmusik zwischen Leadbelly und Freddy Fender machen würde. Howe Gelb von Giant Sand schaut dann auch noch auf einen Joint vorbei und verstimmt M. Ward die Gitarre. Ein wenig Dreck muss schließlich in dieses mit wunderbar altmodischem Hall verstellte Album auch noch hinein.

DIVERSE INTERPRETEN
Plague Songs
(4AD/Edel)
Mit nichts Geringerem als den sieben Todsünden beschäftigen sich die für dieses Konzeptalbum zusammengerufenen Künstler des britischen Labels 4AD auf ihren exklusiv eingespielten Titeln. Dunkler, sinistrer HipHop (Klasnekoff) trifft auf verschrobenes Songwritertum (King Creosote, Stephen Merritt, Rufus Wainwright ...). Gekrönt wird dieses Album von den Beiträgen von Scott Walker (die erheblich angekränkelte A-capella-trifft-Industrial-Nummer "Darkness") und der Gänsehaut erzeugenden Kollaboration von Brian Eno und Robert Wyatt: "Flies". Die Angst geht um. Sie blüht und gedeiht in einer Schönheit voller Schrecken.

PET SHOP BOYS
Concrete
(EMI)
Die großen, alten Damen des in Großraumdiscos wie auch in melancholischen Akademikerwohnzimmern böllernden Synthie-Pop haben in ihrer Karriere nicht den zwingendsten aller möglichen Schritte gemacht und veröffentlichen gemeinsam mit dem BBC-Orchester ein Livealbum. Kann sich "steriler" High-techsound von der Festplatte her live mit großem Pipapo und Geigengezirpe vor mitpaschendem Publikum aufgeblasen zur ernsten Kunst ausgehen? Es geht sich prächtig aus. Zu großer Kunst gehört auch das Scheitern. Dank leichter Temposchwächen und Hoppertatschis der Begleitmusiker klingen die Pet Shop Boys nach all den Jahren erstmals sympathisch. Daran ändert auch Gastsänger Robbie Williams nichts. Als Gegengift wurde immerhin der große Rufus Wainwright gebucht. Nur die affektierten Zwischenansagen nerven erheblich. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.11.2006)

  • "Nine Times That Same Song"
    foto: emi

    "Nine Times That Same Song"

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