Maigret im Möbelwald

14. März 2007, 13:00
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Vitra produziert die letzten Entwürfe des verstorbenen Designers Maarten Van Severen - Außerdem widmet der Möbelhersteller dem großen Gestalter eine Wanderausstellung

Als Designer wollte er partout nicht gelten. Als Architekt konnte er, weil ihm der Studienabschluss fehlte, nicht selbstständig arbeiten. Der Karriere des Autodidakten stand dies nicht im Wege. In Belgien wird der Purist Maarten Van Severen gern in einem Atemzug mit Jugendstilneuerer Henry van de Velde genannt, auch das amerikanische Nachrichtenmagazin Time zählt ihn zu den maßgeblichen Designern des 20. Jahrhunderts.

Er selbst begriff sich - ganz unprätentiös - als Handwerker, als "Macher von Gegenständen zum täglichen Gebrauch". Seine Arbeitsweise hat der vor anderthalb Jahren verstorbene Möbelgestalter mit der eines Detektivs verglichen: "Ich betreibe umfassende Recherchen, suche Spuren, rekonstruiere Situationen und Dinge."

Niemals führe der direkte Weg zum Erfolg, davon war Van Severen überzeugt. Die erste Fährte: häufig Trug. Der Designer aus der flämischen Kunstmetropole Gent nahm sich Kommissar Maigret zum Vorbild, jene prägnante Gestalt der Kriminalliteratur, die der belgische Schriftsteller Georges Simenon in den 30er-Jahren geschaffen hatte. Ein wenig verträumt, stets etwas entrückt. Bedächtig wie Maigret liebte es Van Severen, ganze Tischrunden mit Tabakrauch einzunebeln, um sich selbst Zeit und damit Klarheit zu verschaffen. Beinahe beiläufig schien er dann zu kombinieren. "Ich ziehe nie Schlüsse, ich glaube nie etwas" - das Credo des legendären Inspektors hat sich der Gestalter früh zu Eigen gemacht.

Entwicklung der Möbel in situ

Eine Werkstatt in Gent bot ihm Raum für seine umfassenden Recherchen. Atelier, Bibliothek und Produktionsstätte in einem: Van Severen entwickelte seine Möbel in situ, ohne lange Vorstudien, meist im Maßstab 1:1. Er liebte das Experiment, das lineare, methodische Fortschreiten von der Skizze über das Modell zum Finish lag ihm fern. Seine Kunst war das lustvolle Improvisieren und freie Kombinieren. Stets war Van Severen den verborgenen Möglichkeiten des Materials - sei es Aluminium, Polyutheran oder Sperrholz - auf der Spur. "Als ich Maartens Werkstatt 1994 zu ersten Mal betrat", erinnert sich Rolf Fehlbaum von Vitra, "schien es mir, als befände ich mich in einer anderen Zeit: Hier war jemand, der nicht nur entwirft, sondern auch produziert, jemand, der seine Welt mit eigenen Händen schafft." Damals entschloss sich Fehlbaum sofort, Möbel des eigenwilligen Gestalters industriell zu fertigen. Heute hütet er das Erbe des Gestalters.

Im Zürich wird die Ingeniosität des belgischen "Essenzialisten", wie ihn Fehlbaum nennt, noch einmal demonstriert. Ehemalige Mitarbeiter des Designers haben im Vitra-Showroom Teile der wundersamen Genter Werkstatt aufgebaut: Im Mittelpunkt steht der große Arbeitstisch, auf dem sich Skizzen, Farbstudien und Bücher finden. Fotos zeigen die großen Projekte, die Van Severen für den niederländischen Architekten Rem Koolhaas entwickelt hat; die spektakuläre Hebebühne etwa, mit der sich ein an den Rollstuhl gefesselter Bauherr bequem durch die Etagen seiner Bibliothek bewegen kann.

Wood Table aus massivem Eichenholz

Den letzten Entwürfen, an denen Van Severen bis kurz vor seinem Tod tüftelte und die Vitra nun produzieren wird, räumt die Zürcher Schau viel Platz ein. Dem Wood Table aus massivem Eichenholz beispielsweise. Auf den ersten Blick ist der massive Eichentisch ein scheinbar minimalistisches Objekt: vier Beine, eine Platte, deren Stärke optisch der Breite der Beine entspricht. Klar, reduziert, elementar. Die ausgefeilte Konstruktion, die eine enorme Spannweite von 2,20 Metern ermöglicht, bleibt unsichtbar: Eine Gewindestange verbirgt sich in den Tischbeinen, sie garantiert eine biege- steife Verbindung mit der Platte. Auch der A-Table ist ein puristisches Möbel - und doch mehr. Seine A-förmig ausgebildeten Beine folgen der traditionellen Form eines Tischbocks. Zunächst vertraut, genau besehen irritierend: Ein zweiter Bock, um der Platte Halt zu geben, ist nicht nötig. Formale Überlegungen und technische Finessen schließen sich - auch bei diesem Möbel - nicht aus. So ist die Tischplatte mit tiefschwarzem Gummilack überzogen. Hersteller Vitra nutzt hier ein Patent aus der Automobilindustrie. Die weiche Oberfläche sei absolut lichtbeständig und kratzfest, versichert der Hersteller.

Der Drehstuhl .07 hat in Zürich ebenfalls Premiere. Seine gepolsterte Schale ist mit Rindsleder bezogen, die offenen Nähte des Möbels werden markant zur Schau gestellt. Keine Frage, gefällig sind Van Severens Objekte kaum. Eher spröde, klar und präzise. Das Staumöbel Kast ist keine Ausnahme. Typisch Van Severen: Zwei schlichte Holzkisten lassen sich durch weitere Module ergänzen. Schnell wandelt sich das Sideboard zu einer Kombination; halb Wandschrank, halb Regal. Das schlichte Seekiefernholz der Kisten kontrastiert dann mit den farbigen Schiebetüren der einzelnen Module. Die Farben Pink, Dunkelgrün, Bronzegrau, Signalweiß, Schwefelgelb und Dunkelblau lassen sich kombinieren.

Van Severen, der Tüftler, der nur 48 Jahre alt wurde, hat sich in den letzten Monaten seines Lebens eingehend mit der Wirkung und der Geschichte von Farben beschäftigt. Studien und Farbabläufe zieren Tische und Wände der Ausstellung. Einmal mehr wird deutlich: Van Severens scheinbar reduzierte Objekte sind Resultat akribischer Recherche. Ihr Entwerfer folgte, unorthodox wie er war, zuvorderst seinem detektivischen Gespür für ungeahnt einfache Lösungen. (Fabian Wurm/Der Standard/rondo/03/11/2006)

Info:
Die Ausstellung "Maarten Van Severen: Essential Design" ist bis zum 15. November im Vitra Showroom, Pelikanstrasse 10, 8001 Zürich, zu sehen. Danach wird die Schau in Brüssel, London und New York zu sehen sein: www.vitra.com".

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