Einkehr in der Auslage

22. November 2006, 11:32
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An der Stelle des Göttweiger Stiftskellers sperrte ein Edel-Italiener für jene auf, die sich beim Essen gern bewundern lassen

Zwei Jahre Baustelle machen einen mürbe. Das Entsetzen über den keineswegs angekündigten Tod des Göttweiger Stiftskellers sind der Spannung gewichen, was an dem prominenten Platz in der Wiener Spiegelgasse wohl aufsperren wird. Immerhin gehörte der Stiftskeller samt getäfeltem Prälaten-Stüberl, radikal resopalisiertem Schankraum und zerleppertem Hofgarten zu den wichtigsten Gasthäusern der Stadt, fast 800 Jahre ununterbrochene Bewirtschaftung sprechen da eine deutliche Sprache.

Schon klar: In den der Schließung vorangegangenen Jahren hat sich das einst für seine ultra-solide Wiener Küche gerühmte Wirtshaus zusehens zur Trankler-Schwemme herabgestuft. Dass die Göttweiger Mönche nicht bis in alle Ewigkeit zusehen wollten, wie ihr hauptstädtisches Wirtshaus in den Orkus geht, kann man nachvollziehen. Mit Familie Krasser, die in der Cantinetta Antinori seit Langem beweist, dass sie sich auf das Geschäft der austrofizierten Italianitá versteht, wurden neue Pächter installiert - dass es hier keine Wiener Küche mehr geben wird, war damit freilich klar.

Multiplizierbares Konzept

"Leopoldo Procacci, Vino e Cucina, Firenze - Wien", heißt das nun eröffnete Lokal, und wie schon bei der Cantinetta wurde ein großer Florentiner Name bemüht, um entsprechende Glaubwürdigkeit zu transportieren. Dass der Edel-Alimentari Procacci in Florenz seit einigen Jahren auch den Antinoris gehört, ist kein Zufall: Das Wiener Restaurant soll ein "multiplizierbares Konzept" darstellen, das man schon bald in anderen europäischen Städten wiederfinden könnte.

Dass das Procacci in der feinen Via Tornabuoni kein Restaurant ist, sondern eine Delikatessenhandlung mit grünem Marmor und Goldstuck, wo die Damen der besseren Florentiner Gesellschaft seit jeher ihre Prosciutti und Salumi zu ordern pflegen und dabei das eine oder andere der berühmten Trüffel-Panini verputzen, tut offenbar nichts zur Sache: Der Wiener Ableger ist ein prächtiges Restaurant der neo-rustikalen Art samt massiver Weinbar aus französischer Eiche und Multimedia-Screens an den Wänden geworden.

Die bis zum Boden reichenden Fenster geben dem einst verwinkelten Ort Luftigkeit und erlauben es Passanten, die Gäste samt ihren Speisen ganz genau unter die Lupe zu nehmen. Diese Form des Erfolgs-Exhibitionismus hat man sich beim (bislang?) wichtigsten Szene-Italiener Fabios abgeschaut, wo sich die Fenster auf vergleichbare Weise wegfalten lassen.

Piemontesische Küche

Beim Essen ist, trotz des Namens, piemontesische Küche das Thema. Die Weine stammen mehrheitlich aus dem stetig wachsenden Antinori-Imperium, doch auch heimische Ware kommt zum Ausschank. Dass dabei die Wachau bevorzugt wird, erscheint angesichts der Pachtherren nur logisch. Die getrüffelte Kartoffelsuppe zitiert den Mythos des Stammhauses auf zulässige Weise, die Garnelen auf weihnachtlich gewürztem Kürbispüree hätten in einem original italienischen Lokal dieser Preisklasse den Kopf wohl nicht verloren, aber das Meer ist hierorts bekanntlich weit. Dafür sind die geschmorten Kalbsbacken von köstlich sattem Schmelz, auch die cremige Polenta dazu kommt authentisch piemontesisch rüber. Wirklich sensationell schmeckt die geschichtete Crème Brûlée mit Vanille und Basilikum. Bemerkenswert: der von Beginn an geschliffen funktionierende Service. (Severin Corti/Der Standard/rondo/03/11/2006)

Procacci
Göttweiherg. 2, 1010 Wien
Tel.: 01/512 22 11
tägl. 11-1 Uhr
VS Euro 7,50-13,50
HS Euro 17,50-23
Fotos: Gerhard Wasserbauer

  • Einst feierten hier Mönche auf Hauptstadt-Ausflug, dann die Trankler vom Grund.
    foto: gerhard wasserbauer

    Einst feierten hier Mönche auf Hauptstadt-Ausflug, dann die Trankler vom Grund.

  • Jetzt wurde aus dem Göttweiger Stiftskeller ein italienisches Restaurant.
    foto: gerhard wasserbauer

    Jetzt wurde aus dem Göttweiger Stiftskeller ein italienisches Restaurant.

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