Der Kidman-Effekt

9. März 2007, 15:11
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Botox ist ein Nervengift, das Muskeln lahm legt - Seit zehn Jahren bügeln Dermatologen damit Mimikfalten glatt - Das hat einen Kosmetikkonzern nun auf die seltsame Idee gebracht, das Doktor-Spielen neu zu erfinden

Die Frage nach der Wechselwirkung zwischen Form und Inhalt ist alt, aber immer wieder dann ein guter Ansatzpunkt, wenn man nicht weiterweiß. So geschehen unlängst angesichts einer schlichten weißen Verpackung, die aus dem medizinischen Großhandel auf dem Schreibtisch der Kosmetikredaktion gelandet ist. "Botoina 3000 zur kutanen Applikation gegen Mimikfalten" steht auf der Schachtel, Hersteller ist der Schweizer Kosmetikkonzern Labo, dessen Logo ans Rote Kreuz erinnert und der seine Produkte in Apotheken vertreibt. So weit, so gut. Spektakulär ist der Inhalt: Fein säuberlich eingebettet, liegen drei Spritzen samt Flakon mit milchig weißer Flüssigkeit in der Box.

Faltengeplagte sind aufgefordert, sich mittels der nadellosen Spritzen die Falten auf der Stirn, um die Augen und den Mund aufzufüllen. Für zehn Minuten bleibt das, was dann wie ein Spinnennetz wirkt, auf dem Gesicht, und wer die Prozedur konsequent jeden Tag anwendet, habe nach 20 Tagen ein wesentlich entspannteres Gesicht. Vom Produktnamen über die Anwendung bis hin zur Wirkungsweise klingt all das so, als handle es sich um Botox zur Selbstanwendung im Badezimmer.

Die Wahrheit sieht anders aus

"Mit dem von Dermatologen zur Glättung von Mimikfalten verwendeten Botox hat dieses Produkt nichts zu tun," sagt der Wiener Hautarzt Markus Dawid. Warum dann aber die Spritzen? Ein reiner Marketing-Gag?

Sie sind wohl eher die geschickt inszenierten Symptome der allgemeinen kosmetischen Befindlichkeit. Cosmeceuticals, also eine Verbindung aus Kosmetik und Schönheitschirurgie, liegen im Trend. Was L'Oréal mit der auf Ärztin getrimmten Claudia Schiffer und dem Collagenfüller begann, treibt Labo nun auf die Spitze. Schönheit zum Selbstmachen ist dabei das Motto, und die Marketingabteilungen müssen keine Rücksicht darauf nehmen, dass das in Wirklichkeit nicht geht.

Denn Botoina ist, im Grunde genommen, ein normales Kosmetikprodukt, einfach eine gute Creme, die man statt mit dem Finger mit der Kanüle auftragen kann. "Es enthält eine Art Klebstoff, der Falten aufquellen lässt. Damit erzielt man schon einen gewissen Effekt, leider aber nur während der Zeitdauer der Anwendung", erklärt Dawid.

Botox selbst wirkt auf eine ganz andere Art und Weise. Zur Erläuterung: Botulinumtoxin, so der korrekte Name, ist ein Prote-in, das ähnlich wie Tetanus von einem Bakterium gebildet wird. "Botulus" heißt Wurst, was von jenen Zeiten herrührt, als Botulinumtoxin sich vor allem in nicht sterilisierten Fleischkonserven entwickeln konnte und für den, der es aß, zu Atemlähmung und damit zum Tod führte. Dass Botulinumtoxin als Medikament zur Behandlung neurologischer Erkrankungen wie etwa spezieller Bewegungsstörungen, des Schielens oder Lidkrämpfen therapeutische Wirkung haben kann, weiß man seit Ende der 70er-Jahre, als Medikament wurde Botox 1989 zugelassen. Im Zuge der Anwendungen entdeckte man, dass es Falten verschwinden lässt, und auf so ein Mittel hatte die aufkeimende Schönheitschirurgie gewartet.

Eines kam zum anderen

Heute ist Botox in einer sehr niedrigen Dosierung eine dermatologische Wunderwaffe gegen Falten. Wie es wirkt? Per Injektion werden Teile der Gesichtsmuskulatur vorübergehend gelähmt. Weil es vor allem die ständigen unwillkürlichen Muskelkontraktionen sind, die Mimikfalten erzeugen, stellt sich dadurch eine Entspannung ein und erzeugt das, was in Insider-Kreisen auch als "Nicole-Kidman-Effekt" bezeichnet wird, das in seiner konsequentesten Form zu einem zwar faltenreduzierten, aber damit auch nahezu mimikfreien, starr wirkenden Antlitz führt. Die Denkerstirn glättet sich, Zornesfalten zwischen den Augen verschwinden. Fragendes Stirnrunzeln wird unmöglich.

"Die Injektion von Botox erfordert ein sehr präzises Wissen um die Anatomie der vielteiligen Gesichtsmuskulatur, die nach dem Prinzip von Zug und Gegenzug zusammenspielen," erklärt Dermatologe Dawid, und "wenn man Muskeln ruhig stellt, hat das immer auch einen Effekt auf das Gesamtbild," betont er. Stirn, Augen, Mundpartie oder Hals? Botox kann nach einem Aufklärungsgespräch beim Arzt im Grunde überall eingesetzt werden. Natürlich gibt es auch Risiken: Falsch gespritzt, kann schon einmal auch ein Augenlid kurze Zeit hängen, "das sollte aber nicht passieren," sagt Dawid.

Doch selbst wenn: Langfristig betrachtet, baut der Körper Botox selbstständig auch wieder ab und hat - so Dawid - keine schädlichen Nebenwirkungen. Seine Effektivität entfaltet Botox übrigens erst 72 Stunden nach der Injektion, das optimale Resultat gibt es nach zwei Wochen, und langfristig werden die Gesichtsmuskel aktivierenden Nerven vier bis sechs Monate ruhig ge- stellt. Erst dann müssen Faltengeplagte wieder zum Portemonnaie greifen, eine Behandlung kostet ab 250 Euro.

Sicherlich kostengünstiger ist Botoina von Labo ab 82 Euro, und vielleicht haben Doktorspiele ja ebenfalls eine - bislang noch unentdeckte - Wirkung. Die Kosmetikindustrie lebt immer mehr von der Illusion des Nicht-altwerdens. Dafür sind alle Mittel recht. Die Frage nach dem wahren Inhalt ist also wenig dringend. Bei Botoina scheint sie zumindest ganz entspannt und ohne Stirnrunzeln in den Hintergrund gedrängt worden zu sein. (Karin Pollack/Der Standard/rondo/03/11/2006)

  • Anti-Aging in seiner vermeintlich invasiven Form: Werden Cremen statt mit dem Finger zukünfig mit Spritzen aufgetragen?
    foto: hersteller

    Anti-Aging in seiner vermeintlich invasiven Form: Werden Cremen statt mit dem Finger zukünfig mit Spritzen aufgetragen?

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