Eine Marke sein

7. November 2006, 17:00
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Es läuft gut für Viktor & Rolf: Die beiden holländischen Designer sind die schrulligen Liebkinder der Branche - samt ausgeprägtem Geschäftssinn. Martina Meister sprach mit den beiden in Paris

Als Modekünstler wurden sie berühmt: Anfangs schneiderte das holländische Designer-Paar Viktor & Rolf nämlich weniger den Kundinnen die Haute Couture an den Leib als den Museen die Kollektionen in den White Cube. Kategorien wie Trag- oder Leistbarkeit waren nebensächlich, was zählte war die Inszenierung - die eigene als schrulliges Pärchen und die der theatralischen Kleider. Seitdem Viktor & Rolf allerdings auch Prêt-à-porter entwerfen, arbeiten die beiden an etwas, das man marketingtechnisch "Brand Building" nennt.

Dank ihrer Kooperation mit dem Kosmetikriesen L'Oréal sind sie dabei, ihren Namen weltweit bekannt zu machen. In dieses Konzept passt auch ihr nächstes Projekt ganz wunderbar. Einmalig entwerfen sie für H&M eine Kollektion. Wir sprachen mit den beiden im Umfeld der Prêt-à-porter-Schauen in Paris.

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Der Standard: Stört es Sie, dass viele Menschen Sie nicht unterscheiden können?
Rolf: Nein. Das ist genau die Botschaft, die wir vermitteln wollen.

Der Standard: Haben Sie auch denselben Psychoanalytiker?
Rolf: Nein, aber das wäre cool.
Viktor: Eine sehr österreicherische Frage!

Der Standard: Sie sagen immer wieder, dass Mode ein Traum sei. Nun wollen Sie diesen Traum aber verkaufen, wie geht das auf?
Viktor: Als wir jung waren, war Mode wirklich etwas, das uns anregte, von Schönheit zu träumen und uns aus unserer langweiligen Wirklichkeit zu erheben. Der Begriff des Traumes ist deswegen für uns untrennbar mit der Mode verbunden. Das wollen wir auch anderen vermitteln. Natürlich kann ein Traum alles sein oder nichts. Aber genau das benutzen wir. In der einen Saison ist unser Traum aggressiv, in der nächsten sehr viel romantischer. All diese Möglichkeiten, auszuprobieren und gleichzeitig zu wissen, dass es unendlich viele gibt, an die wir selbst noch nicht dachten, das ist, was wir meinen, wenn wir sagen: Mode ist ein Traum.

Der Standard: Sie müssen in Ihrer Kindheit unter dieser ordentlichen, holländischen Provinz gelitten haben. Wie schlimm war es?
Viktor: Es war einfach überschattet von Langeweile und Mittelmäßigkeit, was in uns den Wunsch geweckt hat, dem zu entfliehen und auszubrechen.
Rolf: Es hing Traurigkeit über dem Alltag.

Der Standard: Sie spielen mit Ihrem doppelten Auftritt und setzen sich als Paar in Szene. Gibt es eine Wahlverwandtschaft zwischen Ihnen und dem Künstlerpaar Gilbert & George?
Viktor: Wir sind uns bewusst, dass die beiden unterschiedliche Personen sind, genau wie wir, aber da hört die Gemeinsamkeit auch schon auf. Wir treten so auf, weil es vermittelt, wie wir arbeiten. Und da die Leute uns von Anfang an verwechselt haben, obwohl wir noch nicht dieselbe Brille trugen, haben wir begonnen, damit zu spielen. Natürlich spielen wir auch mit der Vorstellung, die man sich von einem Modeschöpfer macht, wie er auszusehen hat, wie er sich verhält. Für uns ist das alles ein Spiel.

Der Standard: Also geht es Ihnen doch um Kunst, schließlich ist jede Ihrer Modenschauen eine Art Performance ...
Viktor: Das stimmt schon, aber andererseits handelt es sich nicht um Kunst, nur weil wir es theatralisch machen.
Rolf: Bei einer Modenschau geht es uns um mehr als nur die Kleidung. Für uns sind die Kleider Schauspieler in einem Stück. Dieses Stück dauert nur 15 Minuten, weshalb wir versuchen, in dieser kurzen Zeit möglichst viele Emotionen rüberzubringen.

Der Standard: Jetzt haben Sie für H&M eine Kollektion entworfen. Eine Zwangsheirat?
Viktor: Nein, eine kurze, aber schöne Liaison. Wir haben übrigens etwas entworfen, was es bislang nicht gab bei H&M...
Rolf: Ein Hochzeitskleid!

Der Standard: Bei den Modeschauen in Madrid sind rund ein Drittel der Models ausgeschlossen worden, weil ihr Body-Mass-Index unter 18 lag. Ist Anorexie ein Thema für Sie?
Viktor: Nein, wir haben darüber nicht gesprochen, und ich bin auch der Auffassung, dass dieses Thema nach dem Vorfall in Madrid in der Presse auf sehr simplifizierende Weise behandelt wurde. Essstörungen haben sehr komplexe psychosoziale Ursachen, die man nicht einfach so unter den Teppich kehren kann, indem man die Modeschöpfer oder die Modeindustrie dafür verantwortlich macht. Wir suchen Mannequins anhand ihres Charismas, ihrer Schönheit aus, das haben sie oder auch nicht. Aber wir wiegen sie nicht und fragen sie auch nicht nach ihren politischen Überzeugungen.

Der Standard: Sie haben Ihr Parfüm Antidote getauft, Gegengift. Wogegen soll es helfen?
Viktor: Es steht die Idee dahinter, Menschen mit einem Antidot zu versorgen gegen das, was ihr Leben vergiftet. Es geht auch darum, den Tag positiv zu beginnen. Das kann oft schon dazu beitragen, die Wirklichkeit etwas schöner zu machen. Darum geht es uns mit unserer Arbeit insgesamt.

Der Standard: Bei Ihrem Parfüm haben Sie von vorn bis hinten alles selbst bestimmt. Kann es sein, dass Sie beide richtige Kontrollfreaks sind?
Viktor & Rolf: Ja, absolut.
Viktor: Ein Parfüm ist aber auch etwas sehr Persönliches.

Der Standard: Tragen Sie es selbst?
Viktor & Rolf: Ja, tun wir.

Der Standard: Stört es sie nicht, dass Sie nun auch noch gleich riechen?
Rolf: Nein. Das war ja gerade die Herausforderung, ein Parfüm zu kreieren, das wir beide tragen können.
(Der Standard/rondo/03/11/2006)

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