Pelz am Puls

2. Jänner 2007, 13:40
5 Postings

Pelz war lange Zeit verpönt: Jetzt haben ihn die DesignerInnen wieder entdeckt - und verwenden ihn vor allem in Details - Stephan Hilpold über das Für und Wider der neuen Pelzmode

Die Damen schwitzen, als hätten sie einen 100 Meter-Lauf hinter sich. Bloß nichts anmerken lassen, ist auf ihren Gesichtern zu lesen, in einigen Minuten ist alles vorbei. Doch die vielen Pelze fordern Tribut, auf der makellos gepuderten Stirn genauso wie auf den wohlgeformten Näschen: Kleine Schweißperlen verunzieren die Mannequins.

Seit einigen Wintersaisonen sind die internationalen Modeschauen um eine Frage reicher: nicht jene, ob die dürren Models es auch bis zum Ende des Laufstegs schaffen ohne vor Hunger zusammenzuklappen (diese Frage ist älter), als jene, wie sie diesmal ihre Schweißdrüsen austricksen werden. Den Models ist es in den vergangenen Saisonen nämlich heiß geworden: Immer mehr Pelze säumen die Kleider, in die sie sich zwängen, und die Mäntel, in die sie schlüpfen müssen. Sie schmiegen sich an ihre Krägen und an ihre Waden, und greifen sie in ihre Handtaschen, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, dann sind auch diese aus Pelz. Bei Louis Vuitton selbst manche Röcke.

Umsätze gestiegen

Um 28 Prozent ist in den vergangenen fünf Jahren der Umsatz des weltweiten Pelzhandels gestiegen, in Österreich waren es im vergangenen Jahr gute fünf Prozent, in diesem Jahr rechnet man mit einer ähnlichen Zahl. "Pelze boomen wie noch nie", sagt Anton Kadlac, Innungsmeister der Wiener Meisterkürschner, und Robert Liska vom Wiener Pelzhaus Liska pflichtet ihm bei. Dabei sieht der Markt heute gänzlich anders aus als noch vor fünfzehn Jahren: Die mit Pelz behängte Dame, die ob der Schwere des teuren Mantels beinahe zu Boden geht, gibt es nicht mehr. Das Statussymbol Pelz wird anders eingesetzt: als Accessoire oder als Detail an einem Kleidungsstück. Und es wird ganz anders verarbeitet: Pelz wird lieber gerupft als geschoren, er wird gefärbt oder mit geschmeidigem Leder eingefasst. Sodass er am Ende oftmals gar nicht mehr als Pelz erkennbar ist.

Das wäre vielen Designern am liebsten. Und den Kunden sowieso. Laut einer Integral-Umfrage lehnen 77 Prozent der österreichischen Bevölkerung Pelztierzucht ab (in Österreich ist sie ohnehin verboten). Gekauft wird aber trotzdem. Für Niklas Schinerl von der Tierschutzorganisazion Vier Pfoten, Leiter der aktuellen Kampagne "Österreich wird pelzfrei", liegt das an der bewußten Desinformation, die die Pelzbranche betreibt: "Mit Phantasienamen wie etwa 'Chinchilette' für Kaninchen versucht die Pelzindustrie von der Echtheit der Pelze abzulenken." Der Rat der Tierschützer: auf Pelz ganz zu verzichten.

Die Charta

An ihrer Haltung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nichts geändert. Eine artgerechte Haltung der Nerze, Kaninchen oder Füchse gäbe es ihrer Meinung nach nicht: "Wildtiere wie Nerze oder Füchse gehören nicht in Käfige. Und auch Nutztiere wie Kaninchen werden nur des Pelzes wegen gezüchtet. Ihr Fleisch landet auf dem Müll." Innungsmeister Kadlac sieht das anders: "Kaninchenfleisch ist in jedem Katzenfutter drinnen." Um die gesetzeskonformen Zuchtbedingungen ihrer Tiere zu unterstreichen, haben die österreichischen Meisterkürschner eine Charta erstellt, die für alle Mitglieder gilt: "Wir wollen eine ordentliche Zucht, und wir wollen eine ordentliche Ware", sagt Kadlac. Zusatz: "Wenn die Pelze dadurch teurer werden, dann stört uns das nicht."

Ersteres ist auch der Fall: Der Preis von Nerz ist allein im Vorjahr um rund 30 % gestiegen, beim Persianer sind Preissteigerungen bis 80 und beim russischen Zobel bis 100 % zu verzeichnen. Das hat mit der großen Nachfrage zu tun, aber auch mit dem Bedarf an hochwertigen Fellen. Sie kommen in erster Linie aus europäischen und kanadischen Produktionsstätten. "Die fernostasiatische Ware ist zwar in punkto Verarbeitung, aber nicht bei der Qualität mit der unseren vergleichbar", sagt Innungsmeister Kadlac.

Herkunft der Ware

Ein Problem ist vor allem Ware aus China. Hier gab es allein in Jahre 2003 eine Steigerung des In- und Exportvolumens von Pelzstücken von 42,5 %. Die Kontrolle, ob die Tiere auch "artgerecht" gehalten werden, ist schwierig, die genauen Verarbeitungswege der Felle kaum nachvollziehbar. Das bekritteln vor allem die Tierschützer, Kürschner wie Robert Liska oder Anton Kadlac geben bei ihrer Ware aber Entwarnung: "Tiere, die schlecht gehalten werden, haben ein minderwertiges Fell. Für unsere Qualitätsstandards ist solches Material nicht brauchbar." Daher auch der höhere Preis. Vor allem große Händlerketten bieten Pelz preisgünstig an. Solche Ware sei suspekt, ist man sich denn auch in der Branche einig.

"Qualität" ist für viele das Zauberwort, und die lückenlose Dokumentation der Herkunft der Ware. Für den Pelz-Aktionisten Niklas Schinerl gibt es aber ein weiter reichendes Problem: "Es geht darum, ob man der Meinung ist, dass Tiere vor allem aus dem Grund gezüchtet werden sollen, um als Kragenbesatz zu enden." Das müsse jeder mit seinem Gewissen vereinbaren. Daran hat sich bis heute nichts geändert. (Der Standard/rondo/03/11/2006)

  • Pelzweste von Gucci, Leggings von Zara
    foto: www.georgeckmayr.net

    Pelzweste von Gucci, Leggings von Zara

Share if you care.