104 Kilo Heroin am Wiener Flughafen entdeckt

5. Juli 2000, 07:00

Zwei Verdächtige sind in Haft. Die Droge war in Schachteln aus Wellpappe eingearbeitet.

Wien - Österreichische Kriminalisten haben in Zusammenarbeit mit internationalen Kollegen auf einen Schlag mehr als ein Fünftel jener Menge Heroin aus dem Verkehr gezogen, die sonst im Jahresdurchschnitt auf allen europäischen Flughäfen insgesamt sichergestellt werden kann: Am 26. Juni sind in einer Spedition beim Wiener Airport in Schwechat 102 mit Suchtgift präparierte Kartons beschlagnahmt worden. Die heiße Fracht bestand aus 104 Kilogramm Heroin im Wert von 300 Millionen Schilling, die größte Menge, die bisher in Österreich aufgebracht worden ist.

Skandinavische Drogenfahnder hatten am 7. Juni dieses Jahres den Stein ins Rollen gebracht: An der Grenze von Norwegen-Schweden war ein türkischer Staatsbürger mit zehn Kilogramm Heroin im Gepäck festgenommen worden. In einer schwedischen Pizzeria tauchten weitere zwei Kilogramm auf. Die Drogen waren kiloweise in Schachteln aus Wellpappe eingearbeitet, der eigentliche Inhalt bestand aus Billig-T-Shirts aus der Türkei.

Der Empfänger weist jede Schuld von sich

Ein bei den Kartons vorgefundener Frachtbrief legte dann die Spur nach Wien, das als Umschlagplatz für die für Skandinavien und Großbritannien bestimmten Suchtmittel diente. Unter operativer Leitung des Wiener Sicherheitsbüros (Gruppe Gross, Mag. Michael Braunsperger) forschten die Abteilung II/8 des Innenministeriums (Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Suchtgiftkriminalität) sowie die Bundespolizeidirektionen Wien und Schwechat die Empfänger der innerhalb des EU-Raums mittels internationaler Speditionen geschmuggelten Drogen aus.

Unter dem Verdacht, in der "Drehscheibe" Wien als wichtigste Anlaufstelle der mafiösen Organisation mit Sitz in der Türkei fungiert zu haben, sitzt seit 26. Juni der Kaufmann H. L. aus Wien-Innere Stadt in Haft. Sein Name fand sich auf dem Frachtbrief der 102 Kartons. Der 38-Jährige, der 14 Jahre in der Türkei gelebt hat und erst seit einem halben Jahr wieder in Österreich weilt, weist jede Schuld von sich. Er habe eine Lieferung Textilien erwartet und mit den Drogen nichts zu tun.

Mit Hilfe eines bei L. gefundenen Kontoauszuges, der Geldbewegungen in Höhe von fünf Millionen Schilling aufweist, wurde der mutmaßliche Komplize des Kaufmannes ausgeforscht: Der gebürtige Burgenländer B. F. (57) verfügt über ein Vermögen von rund 17 Millionen Schilling, das auf Konten in Österreich und der Schweiz verteilt ist. Die Geldwäschestelle des Innenministeriums hat umfangreiche Ermittlungen aufgenommen, F. befindet sich ebenfalls in U-Haft.

Auch er beteuert seine Schuldlosigkeit am Drogenschmuggel: F. will seit Jahren mit Wertpapierspekulationen gut verdient haben. In den vergangenen Monaten hat der ehemalige Geschäftsmann vier Firmen in den Konkurs geführt.

"Schlag gegen Drogenmafia"

Innenminister Ernst Strasser (V) zollte bei einer Pressekonferenz heute, Dienstag, den erfolgreichen Ermittlern Lob: "Unseren Beamten ist ein höchst wirkungsvoller Schlag gegen die internationale Drogenmafia gelungen." Europäische Flughäfen würden mehr und mehr zu Umschlagplätzen, nur die guten internationalen Kontakte der heimischen Behörden würden solche Erfolge im Kampf gegen Drogen möglich machen, sagte der Ressortchef.

Auf dem europäischen Suchtgiftmarkt sei ein "gesteigerter Zufuhrdruck" zu verzeichnen, konstatierte der Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität und der Suchtgiftkriminalität im Innenministerium, Mag. Karl Lesjak. Afghanistan etwa habe in den vergangenen zwei Jahren seine Anbauflächen für Opiate verdoppelt.

Spuren führen zu Tätergruppe in der Türkei

Im konkreten Fall waren die Drogen-Kartons so gut präpariert, "dass beim ersten Augenschein das Heroin nicht entdeckt worden wäre", sagte der Leiter des Wiener Sicherheitsbüros, Hofrat Max Edelbacher. Das auf dem Luftweg aus der Türkei geschmuggelte Suchtgift hätte per Lastwägen ab Wien "innerhalb der EU mit relativ geringem Risiko in andere Länder gebracht werden können". Die dafür eingesetzten Speditionen hatten laut Polizei keine Ahnung von der heißen Fracht.

Das Heroin ist maschinell in die Hohlräume der Wellpappe eingearbeitet worden, was die Ermittler darauf schließen lässt, dass hinter der abgefangenen Lieferung eine äußerst potente Organisation steckt. Auch die riesige Menge deutet darauf hin, dass die Tätergruppe schon jahrelang Drogenschmuggel im großen Stil durchgeführt hat.

Zum Vergleich: In Wien (ohne den Flughafen Schwechat, Anm.) werden im Jahresschnitt rund 15 Kilogramm Heroin sichergestellt, sagte Polizeipräsident Peter Stiedl. Mit den jetzt gefundenen 104 Kilo könnte der Markt in der Bundeshauptstadt bis zu zwei Monate versorgt werden.

Dass die Mitglieder der Organisation brandgefährlich sind, zeige sich bei der Festnahme zweier weiterer Verdächtiger in der Türkei, bei der es zu einem Schusswechsel zwischen Polizei und den mutmaßlichen Kriminellen gekommen ist. Insgesamt sind im Ausland fünf Personen verhaftet worden, drei in Norwegen und Schweden.

Zur Zeit halten sich Verbindungsmänner der Sicherheitsbehörden in Großbritannien und der Türkei in Wien auf, um Hintermännern auf die Spur zu kommen. Mit weiteren Festnahmen im Ausland wird gerechnet. (APA)

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