"Zu Tode retuschiert"

31. Oktober 2006, 18:23
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So wie Models auf Plakaten ausschauen, ist anatomisch gar nicht möglich - Schönheitsideal führt zu Essstörungen

Wien - "Wenn du schlank bist, dann bist du begehrt, erfolgreich, anerkannt und, vor allem, glücklich" - diese Botschaft wird laut Christine Bischof, Beraterin bei der Hotline für Essstörungen, tagtäglich vermittelt. Viele junge Menschen, nehmen sich dieses Klischee zum Ansporn, abzunehmen und treiben sich immer öfter in eine Essstörung hinein. Allein in Österreich leiden über 200.000 Personen an akuten Essstörungen. Das Schönheitsideal, wie es von der Werbe- und Modeindustrie vermarktet wird, hat mit der Wirklichkeit allerdings wenig zu tun, weiß der Fotograf Wolfgang Zajc: "Die Models auf den Plakaten, werden alle zu Tode retuschiert", führt Zajc ein Beispiel an.

Der Werbepsychologe Peter Stoeckl von der Uni für Angewandte Kunst in Wien ergänzt: "So auszuschauen ist anatomisch gar nicht möglich."

Mit Twiggy begann es

Dieser Trend, mittlerweile zu einem Schlankheitswahn mutiert, begann Mitte der 60er-Jahre mit dem Erscheinen des ersten Supermodels "Twiggy". Ihr kontroverses Aussehen - schlank, groß, blond, kindlich - hob sie von dem damaligen Schönheitsideal der rundlichen Models ab und prägte das uns heute bekannte Bild des Laufstegs.

Andrea Weidler, Chefin der Agentur "Wiener Models", ist zwar der gängigen Meinung, Laufstegmode sehe nur an großen, dünnen Frauen gut aus, wünscht sich allerdings Größe 36 als Standard auf dem Catwalk einzuführen. "Größe 32 bis 34 ist krank", beklagt sie.

Auch die Psychologin Maria Haidvogel von der StudentInnenberatung Wien fordert: "Man sollte an dünnen Models etwas ändern, da sich viele Mädchen an ihnen messen." Zacj findet solche Models sogar unattraktiv und langweilig: "Ich suche mir immer Mädchen mit einem Makel aus, diese typischen Modelle lösen in mir gar nichts aus."

Dennoch sind sich alle drei einig: Die Schuld liegt nicht allein bei der Mode- und Werbeindustrie. "Werbung setzt diese Ideale nicht in die Welt, sondern reagiert nur auf bereits bestehende, aber sie kann sie natürlich verstärken", meint Stoeckl.

Den wahren Grund führt Bischof auf eine größere Problematik zurück, die meist in der Kindheit begraben liegt. So genannte Fassadenfamilien seien in vielen Fällen die Ursachen von Bulimie und Magersucht: "Innerhalb dieser Familien werden Probleme unter den Teppich gekehrt, aber nach außen wird die glückliche Familie dargestellt", definiert sie.

Negatives Körperbild

Häufige Folgen sind ein niedriges Selbstwertgefühl und ein negatives Körperbild: "Essgestörte sind nicht in der Lage, sich real wahrzunehmen, sie sind quasi nicht in ihrem Körper drinnen", weiß Bischof aus Erfahrung bei der Hotline.

Wenngleich der Schlankheitswahn vermehrt unter Mädchen auftritt, wird auch Burschen immer häufiger ein Idealbild dargeboten. Vor allem im Sport bilde sich ein erhöhter Risikobereich, erklärt Haidvogel.

Wenig Optimismus hat Zacj für die Zukunft: "Ich sehe da kein Licht am Ende des Tunnels. Eitelkeit steht über allem und im wirklichen Modebusiness interessiert sich keiner für deine Probleme - dort hast du zu funktionieren." (Katrin Krampl, Manon Steiner/DER STANDARD, Printausgabe 31.10.2006)

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    Seit den 60er-Jahren wurden die Models immer dünner und im gleichen Maße nahmen die Ess-Störungen zu.
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