Am Popo vorbei

Redaktion, 7. November 2006, 15:38
  • Was einem alles am Popo vorbeigehen kann: zum Beispiel die Disziplin "Nackter Popo-"5 Kilometer-Lauf, wie hier 2001 am niederländischen Mari Baja Strand.
    foto: apa/dpa/olaf kraak

    Was einem alles am Popo vorbeigehen kann: zum Beispiel die Disziplin "Nackter Popo-"5 Kilometer-Lauf, wie hier 2001 am niederländischen Mari Baja Strand.

Ironischer Tribut an sprachliche Anstandsvorschriften

In der deutschen und österreichischen Umgangssprache ist die Wendung "am Arsch vorbei" bereits seit geraumer Zeit im Umlauf (vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser noch, wann sie ihm das erste Mal untergekommen ist). "Am Arsch vorbei" ist beliebt (130.000 Erwähnungen bei Google) und wird selbst in höchsten Kreisen verwendet (im Frühjahr 2006 verursachte die deutsche Bundesjustizministerin Brigitte Zypries einen Skandal, als sie in einer Sitzung den Satz äußerte: "Das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen geht mir am Arsch vorbei").

Während man mit "Am Arsch vorbei" auf saftig-deftige Weise zum Ausdruck bringen kann, dass man an einer Angelegenheit nicht interessiert ist, wird man umgekehrt auch keinen Schönheitspreis für eine besonders distinguierte Ausdrucksweise gewinnen, wenn man diese Formulierung verwendet.

In letzter Zeit hat ihr Chronist öfters die leicht entschärfte Variante "Das geht mir am Popo vorbei" gehört, die vielleicht aus dem Wunsch entstanden ist, sich weniger anstößig zu artikulieren. Ich meine allerdings, dass "am Popo vorbei" besonders gerne von Leuten verwendet wird, die auch vor einem "Arsch" keineswegs zurückschrecken würden und mit der Verwendung des "Popos" lediglich ironisch zum Ausdruck bringen, dass sie sich in Wahrheit aus voller Überzeugung über sprachliche Anstandsvorschriften lustig machen würden, wenn sie es für nötig halten.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at.
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19 Postings
Noch eine Variante: Feridun

Zaimoglu im Standard vom 23. 9. 2007: "Nun habe ich so meine Probleme mit jeglicher Art von Bekennertum. In meiner eigenen Dekadenz finde ich erst einmal die Details sehr wichtig. Der ,große politische Rahmen' geht mir am Allerwertesten vorbei."

Erinnert mich an die kleinste Wiener Maßeinheit.

Ein Äutzerl - ums Arschlecken

des is ma voi blunzn

für kulinarisch weniger gebildete kann es auch die wuascht sein..

Wie wärs mit: Das geht mir am Gluteus Maximus vorbei?

Ist gut,

wäre anatomisch exakter vielleicht noch mit "regio glutaea" gleichzusetzen.

wenn wir schon am popo angelangt sind...

möchte ich hier einmal dazu aufrufen, die unzähligen bezeichnungen für das "gaxen" zu beleuchten...

da wäre einmal de wunderschön altmodische ausdruck des defäkierens, der mein persönlicher favorit ist, dazu möchte ich meine eigene wortschöpfung des exkrementierens hinzufügen...

weitere worschöpfungen meinerseits wären da das "koten setzen" für leute, die planerisch tätig sind und das kotieren, für diejenigen, die programmiertechnisch unterwegs sind.

ausserdem gibt es im rechtsvulgären millieu dafür die äusserst unschöne bezeichnung "einen neger abseilen".

fast schon süßlich-kindlich klingt hingegen "ein ei legen".

verrichtetes geschäft kann man dann mit "jetzt bin i aber ausgschissen" verkünden...

Ich geh jetzt stinken...

... ist eine in meinem Kulturkreis durchaus übliche Ansage eines Klobesuchs.

nett und als nichtvulgäre alternative zu...

... gebrauchen fand ich auch den vorschlag bayrischer kollegen, mit arbeitsorganisatorischer unbill fertig zu werden: "über dem, was der dir anschafft, kannst du dir ein ei aufschlagen."

also mich...

tangiert das höchstens peripher....

gibt es auch in der variante "das geht mir hinten vorbei".

Zunehmende Zimperlichkeit ...

... hätte ich bislang als Grund für den Aufwärtstrend des Popo zu Lasten des Arsches vermutet.
Zumindest fällt mir auf, dass ich (in Diskussionsforen etc.) immer öfter lese, dass etwas sch... ist, während man es früher noch ungeniert sagte, wenn etwas als "zum Scheißen" eingestuft wurde.
Drum sah ich den Popo ebenfalls als Ausprägung der neuen Verschämtheit.

Vielleicht weils eben in vielen Foren einfach zensiert wird. Jetzt haben sich viele angewöhnt deftige Wörter mit Sternchen zu versehen.

Oder vielleicht nicht Zimperlichkeit

sondern die kollektive Regression der Infantilgesellschaft: danke - ganz lieb! ???

voi supi Meinung!
bussi, u-we.

Vielleicht

übernehmen wir wieder mal das Verhalten der Amis, die jedes kleinste Fuzerl an Vulgarität wegzensieren. Zu nutzen scheint das allerdings wenig.
Vor einigen Wochen hatte ich das (unfreiwillige) Vergnügen einem jungen Amerikaner zuzuhören, der zwei älteren Herren die Welt erklärte und dabei in jedem Satz mindestens ein Shit oder Fuck unterzubringen suchte (was ich mir nicht einfach vorstelle, aber er schien Übung zu haben).

f***

ich hatte in rotterdam das vergnügen einen besoffenen neuseeländer zu treffen, der zwischen seine "fucks" bei genauer betrachtung mehr worte pressen konnte als es zunächst den ohrenschein hatte.

ich verwende übrigens den ausdruck "am gesäß vorbei", ist weniger infantil
dafür fluche ich im englischen gerne
"bloody hell" klingt ja auch nicht wirklich schlimm

+

bei den us-amerikanischen hip-hop "künstlern" ist ja das wort "fuck" so fix in einem satz, wie das amen im gebet.
im radio kann diese zensur einmal dahingehend ausarten, dass von besagtem song nur mehr der instrumental-tschin-bum übrig bleibt, da alle anrüchigen worte einfach gestrichen werden.

"was ich mir nicht einfach vorstelle"

Ah, das ist sehr einfach. Wenn man "fucking" als verstärkendes Adjektiv bzw. Adverb verwendet passt es überall ;-) Gabs sogar mal eine nette Powerpoint-Präsentation zur Vielseitigkeit des Wortes "fuck"...

I'm Charlotte Simmons

von Tom Wolfe lesen - nix mit weniger vulgär in Amerika, nur in den Medien wird jedes f-word gepeept.

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