"Noch einmal Gras unter den Füßen spüren"

1. November 2006, 16:59
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Lebensabend im Hospiz: Menschen, die dem Tod nahe sind, erleben die letzten Tage ihres Daseins in Ruhe und auch Herzenswünsche werden ihnen erfüllt - Eine Reportage

Heute brennt kein Öllicht auf dem kleinen Holzpodest im Gesellschaftsbereich des CS Hospizes Rennweg: niemand ist gestorben. "Der Tod wird hier nicht verborgen. Für viele ist es ein Trost, wenn sie wissen, dass eine Kerze angezündet wird, wenn sie von dieser Welt gehen", erklärt Sabina Dirnberger vom Hospiz.

Mit gemischten Gefühlen besucht man als Außenstehender ein Hospiz: in der Erwartung nur Leid vorzufinden und die Präsenz des Todes. Der erste Eindruck ist aber ganz anders zu fühlen: freundlich, hell und erinnert mehr an Wohnzimmer-Atmosphäre als an eine sterile Krankenhausstation. Windspiele hängen von der Decke, Bilder von Angehörigen und Mitarbeitern an den Wänden und in der Küche stehen Gläser mit Kräutern. Auf der Terrasse sitzt ein lesender Gast. Und eine Schwester genießt die Wärme der Herbstsonne.

Platz zum Atmen

Der Weg ins Grüne ist mit dem Bettenaufzug für jeden möglich: "Manche Menschen möchten einfach nur mehr einmal das Gras unter ihren Füßen spüren", erzählt Dirnberger, "und manche wollen Tag und Nacht in ihrem Bett auf der Terrasse verbringen und eine Art Freiheit erleben."

Einzigartige Tage

Der gesamte Tagesablauf orientiert sich nach den individuellen Bedürfnissen des Einzelnen: Die Menschen gestalten hier den Tag wie sie möchten. Wann und wo gegessen wird, ist egal. Dabei spielen auch die rund 35 ehrenamtlichen Helfer ein große Rolle: Zuständig sind sie für alles - ob Kartenspielen, Malen oder der Gang um die Ecke zur Konditorei. Rauchen ist erlaubt und zwar im Aufenthaltsbereich: "Will jemand rauchen, wird er oder sie, wenn es nötig ist auch schon einmal mit dem Bett dorthin geschoben", erzählt Dirnberger. Auch für Wünsche wie Nothochzeiten oder die Organisation einer Vernissage ist Platz.

Raum zum Wohlfühlen

Ein besonderer Raum ist das Badezimmer. "Bäder werden bei uns zelebriert. Wir haben viele ätherische Öle und machen eigentlich keine Reinigungs- sondern Wohlfühlbäder. Ein Bad dauert immer so lange, wie der Patient möchte und das kann auch schon einmal drei Stunden sein", erklärt Regine Baluch, Vertretung der Stationsleitung. Im Bad fänden immer die meisten Gespräche statt, weil sich die Leute da entspannen. "Vielfach kommt etwas durch Berührung in Bewegung, auch zum Beispiel beim Gesicht eincremen", bestätigt Dirnberger. In einer solchen Situation wird dann derjenige zum Seelsorger, der gerade da ist.

Kommen und Gehen

Wie kann man damit leben, wenn ständig so viele Menschen kommen und gehen? Einmal im Monat macht das gesamte Team ein so genanntes Abschiedsritual: "Gemeinsam mit einem Seelsorger und begleitet von Texten und Musik lassen wir auf diese Art die Patienten "ziehen" und das sind manchmal 15 bis 20", erzählt Baluch. "Es ist ein Raum um das zu sagen, was noch offen ist für das Team, damit es wieder für neue Menschen offen ist", weiß Dirnberger.

Dass das Betroffenbleiben und Mitgefühl ohne jedes Mal mit zu sterben, eine nicht einfache Gratwanderung ist, weiß Baluch aus Erfahrung. Das Abschiedsritual geschieht im selben Raum, wo die Verstorbenen hineingebracht werden, damit sich die Angehörigen von ihnen in Ruhe verabschieden können. Der Ort des Abschieds ist daher gleichzeitig auch ein Raum des Lebens und der Gemeinschaft.

Gegenseitiges Achtgeben

Roswitha Prohaska, die ärztliche Leiterin im Hospiz, erklärt die gegenseitige Unterstützung im Team so: "Bei der Intervision besprechen wir sehr viel untereinander und wir beobachten uns auch gegenseitig. Wenn jemand einen schlechten Tag hat, schauen wir auch, dass er nicht die schwierigsten Aufgaben übernehmen muss." Wichtig sei auch, dass jeder "einen Fuß im Alltagsleben draußen hat", man dürfe sich nicht nur über die Arbeit im Hospiz definieren.

Der ärztliche Alltag

Die Arbeit der Ärztin ist vom Tagesablauf her "so weit weg vom Krankenhausalltag und vom Heimbetrieb wie möglich". "Jemand hat einmal gesagt, es gibt hier ja gar keine richtigen Ärzte." Prohaska legt bei den Behandlungen Augenmerk darauf, dass die Menschen so wenig Infusionen und Spritzen wie möglich bekommen, sie werden auch so selten wie möglich gestochen. "Ich schaue einfach, dass das in den Tagesablauf eines Patienten hineinpasst. Wenn ich den Patienten untersuchen möchte oder zum Beispiel eine Wunde anschauen, dann warte ich, bis die Schwester plant, ihn gerade umzuziehen." So ist die wenige Zeit, in der der Patient wach und kräftig ist, nicht nur mit Professionen bedeckt.

Der richtige Zeitpunkt

Bei sieben Zimmern mit jeweils zwei Betten ist die Aufnahmekapazität beschränkt: Für die Entscheidung, ob ein Patient in das Hospiz aufgenommen wird, ist wichtig, dass er lindernd behandelt werden will. "Man entscheidet nach der Dringlichkeit", erklärt die Ärztin. "Ich spreche mit den Patienten im Krankenhaus und schaue ob es der richtige Zeitpunkt für sie ist." (Von Marietta Türk)

Fakten zum CS Hospiz Rennweg: Seit 1995 hat das CS Hospiz Rennweg seine Pforten als stationäre Einrichtung für unheilbar krebskranke Menschen, die nach menschlichem Ermessen nicht mehr geheilt werden können, geöffnet. Seit Beginn wurden über 2.500 Menschen bis zuletzt begleitet. Durchschnittlich sind die Menschen zwischen 23 und 28 Tagen im Hospiz.

Links: CS Hospiz Rennweg
Dachverband Hospiz Österreich

Siehe: Interview zur Palliativmedizin: Dem Sterben Leben geben

Film
"Zeit zu gehen" ist ein Dokumentarfilm über das Sterben. Anita Natmeßnig und ihr Team nahmen drei Monate am Alltag im CS Hospiz Rennweg teil. Der Film zeigt, wie vier unheilbar krebskranke Menschen die letzten Monate, Wochen und Tage ihres Lebens verbringen.

Premiere: 16. November 2006, Kinostart: 17. November
Der Film startet parallel in Wien, St. Pölten, Graz und Innsbruck.
Informationen zum Film: Zeit zu gehen

Spendenkonto: PSK 900 11 511 CA 0936 42 53 606 Erste Bank 236 47 00

  • Die Terrasse, die in den Garten hinunterführt
    foto: cs hospiz rennweg

    Die Terrasse, die in den Garten hinunterführt

  • Der Wunsch einer Patientin: Campari immer vor dem Essen mit Eis
    foto: cs hospiz rennweg

    Der Wunsch einer Patientin: Campari immer vor dem Essen mit Eis

  • Kekse backen kann auch im Hochsommer vorkommen
    foto: cs hospiz rennweg

    Kekse backen kann auch im Hochsommer vorkommen

  • Kunsttherapie
    foto: cs hospiz rennweg

    Kunsttherapie

  • Neben dem stationären CS Hospiz Rennweg gibt es auch das Mobile Hospiz Rennweg. Die mobile Betreuung ermöglicht unheilbar kranken Menschen Lebensqualität zu Hause
    foto: cs hospiz rennweg

    Neben dem stationären CS Hospiz Rennweg gibt es auch das Mobile Hospiz Rennweg. Die mobile Betreuung ermöglicht unheilbar kranken Menschen Lebensqualität zu Hause

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