"Das neue Who's Who der Wissenschaft"

3. Juli 2000, 22:35

Wittgensteinpreise 2000 an Gingrich und Markowich, fünf Start-Preise an Nachwuchs

Wien - Der Anthropologe André Gingrich und der Mathematiker Peter Markowich, beide Uni Wien, wurden am Montag von Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer mit dem Wittgensteinpreis 2000 ausgezeichnet. Der Preis ist mit je 20 Mio. Schilling dotiert und soll die Wissenschafter in den nächsten fünf Jahren bei ihrer hochkarätigen Forschung von Geldsorgen befreien. Neben den Wittgensteinpreisen wurden auch fünf jährlich mit zwei bis 2,5 Mio. S dotierte Start-Preise für sechsjährige Projekte vergeben.

Sparstift erspart

Mit der Preisverleihung haben sich Befürchtungen, die Regierung könne den Sparstift auch in der Grundlagenforschung ansetzen, fürs Erste zerstreut. Ministerin Gehrer: "Wir haben im Wissenschaftsbudget zwei Schwerpunkte gesetzt: Wir wollen den Universitäten das schon lange benötigte Personal finanzieren und den Forschungs- und internationalen Bereich nicht kürzen." Gehrer forderte dafür von der Wissenschaft die Bringschuld ein, die Öffentlichkeit besser über die Verwendung der Forschungsgelder zu informieren. Auch, um in Europa sichtbar zu machen, welchen Stellenwert die Forschung in Österreich habe.

"Die nunmehr zehn Wittgenstein- und 26 Start-PreisträgerInnen sind jetzt schon ein bisschen wie das Who's Who der österreichischen Wissenschaft", freute sich Arnold Schmidt, Präsident des Wissenschaftsfonds, "es ist ein wahres Exzellenzprogramm." Der FWF war es, der vor fünf Jahren die Preise ins Leben rief und eine internationale Jury mit der Vergabe betraute.

Gender-Studies

Das neue Who's-Who-Mitglied André Gingrich, derzeit auf Feldforschung im mongolischen Ulan Bator, arbeitet auf dem Gebiet der vergleichenden Anthropologie. Zunächst konzentrierten sich seine Feldstudien vor allem auf Asien (verschiedene islamische Staaten, Armenien, Tibet, Mongolei) und behandelten Fragen wie Ethnizitätsforschung, Verwandtschaftsstrukturen und Macht oder Ritual und Religion; ein weiteres Interessengebiet ist die Geschlechterforschung (Gender-Studies). Mit dem Preisgeld möchte Gingrich anhand von Fallstudien Vergleiche zwischen Asien und Europa anstellen.

Preisträger Peter Markowich forscht auf dem Gebiet der Angewandten Mathematik. Die von ihm untersuchten Gleichungen, die die "Sprache" der grundlegenden Arbeiten von Leibniz, Newton und Maxwell verwenden, beschreiben dynamische physikalische Vorgänge vom atomaren bis zum galaktischen Bereich. Markowich beschäftigt sich sowohl mit methodologischen Grundlagen als auch mit konkreten Modellierungsproblemen und numerischer Computersimulation von physikalischen Phänomenen. Mit dem Preisgeld möchte er Wien zum Zentrum der Angewandten Mathematik machen.

Die Start-Preise - heuer fünf - sind für herausragende NachwuchsforscherInnen und ihre Projekte gedacht.

  • Der Physiker Thomas Brabec (TU Wien) arbeitet in einer weltweit führenden Arbeitsgruppe, die extrem kurze Lichtpulse erzeugt. Ihm geht es um die Wechselwirkung zwischen Licht und Materie mit dem Ziel, die Erzeugung von Röntgenstrahlung besser zu verstehen.
  • Die Juristin Susanne Kalss (WU Wien) untersucht den Einfluss einer vor kurzem getroffenen Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs auf das Aktien- und GmbH-Recht. Demnach ist die Gründung von Kapitalgesellschaften in einem Land ohne Einhaltung der zwingenden Mindestvorschriften dieses Landes erlaubt.

    Quantencomputer

  • Der Physiker Dietrich Leibfried (Uni Innsbruck) möchte Bauelemente für zukünftige Quantencomputer entwickeln und sucht nach Verfahren zum Einfangen, Kühlen und Speichern von einzelnen Ionen.
  • Der Mediziner Herbert Strobl (Uni Wien) untersucht bestimmte Zellen des Immunsystems, die dendritischen Zellen. Sie spielen eine wesentliche Rolle z.B. bei der Entwicklung von Autoimmunkrankheiten, Allergien, Infektionskrankheiten oder Krebs.
  • Der Medizintechniker Bernhard Tilg (TU Graz) entwickelt Verfahren zur räumlichen Abbildung von Elektrokardiogrammen (EKG), um die Ausbreitung von Phänomenen wie Herzflimmern oder Extrasystolen und Infarktgewebe zu lokalisieren.
    (hk)

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