Kleine TouristInnenkunde

3. Juli 2000, 22:17

Wie die Profis Nationalitäten erkennen

Wien - "Do you like Mozart?" Bei brütender Hitze steht Vera in adrettem Gehrock und Perücke vor der Staatsoper. Seit dreieinhalb Jahren jobbt die Studentin der Handelswissenschaft aus Bulgarien schon als Konzertkartenverkäuferin. Das hat ihren Blick für die Nuancen touristischer Herkunft geschärft: "Die Amerikaner erkennt man an den Shorts", erklärt sie das kleine Einmaleins der Touristenkunde.

"Außerdem sind sie meistens so." Spricht's, bläst Luft in die Backen und stützt die Hände auf imaginäre Fettpölster in der Hüftregion. Kollege Pellumb, angehender Tontechniker aus Albanien, drückt es offensiver aus: "Die Amerikanerinnen gehen meist nicht so weiblich." Ob das nur an den obligaten Turnschuhen liegt, lässt er dahingestellt.

Immer mit Brille

Die EngländerInnen, so Vera, seien "feiner" als ihre Sprachkollegen aus den Staaten. "Dafür", ergänzt Edin aus dem Kosovo, "wollen die immer gleich den Preis wissen." Schon von der Ferne erkenne man die ItalienerInnen: immer laut, schreiend, lachend, streitend. "Die Frauen tragen bei jedem Wetter eine Sonnenbrille, auch im Winter", ist Vera überzeugt. Das dazugehörige Unidress bei kühlerem Wetter: bodenlange Daunenmäntel und Pelzkappen. Jetzt, im Sommer, werde es schon schwieriger, sie von den Spanierinnen zu unterscheiden. Die seien eleganter. Die Südamerikanerinnen wiederum extravaganter.

Die Französinnen seien vor allem eines: leiser. Käme eine ungewohnte Kombination aus "französisch sprechend, aber amerikanisch aussehend" daher, handle es sich zweifelsfrei um Kanadier aus Quebec.

Eine Herausforderung für alle Kartenverkäufer ist die Unterscheidung von Chinesen und Japanern: "Die Chinesen sind immer in Gruppen unterwegs und haben meist die gleichen Frisuren", sagt Pellumb. Die Japaner hingegen seien teurer angezogen. Sicherer Tipp für Edin: "Die Marke Nokia."

Immer gut drauf

Die HolländerInnen, so sind sich die drei einig, sind groß, laut und "immer gut drauf". Bei den Deutschen sind sie sich diesbezüglich nicht so sicher: "Seriös wirken sie", sagt Edin. "Nicht sehr spontan", findet sie Pellumb. Sie seien zwar fleißige KäuferInnen, aber nur in mittleren Preisklassen. Die besten KundInnen seien die JapanerInnen: "Die wollen immer in der ersten Reihe sitzen." "Insgesamt", meint er und schiebt sich die Perücke zurecht, "werden wir öfter von TouristInnen fotografiert, als wir ihnen Karten verkaufen."

Tanja Paar

Share if you care.