Stein auf Stein zur Weltoffenheit

1. November 2006, 18:13
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Im "Museum für Baukultur" wird die Geschichte der Kessel- und Schornsteinmaurer aus dem Mittelburgenland erzählt

In Neutal erzählt man im "Museum für Baukultur" die Geschichte der Kessel- und Schornsteinmaurer aus dem Mittelburgenland. Und wie diese von ihren Montageeinsätzen in Indien oder dem Nahen Osten die Weltoffenheit mit nach Hause brachten.


Neutal - Wer ans Burgenland denkt, denkt nur äußerst selten auch an die Industrie. Das ist schade, denn das Burgenland hat - auf zuweilen weit mäandernden Umwegen, gewiss - seinen nicht zu unterschätzenden Anteil an der Industrialisierung des Kontinents bis weit herauf ins 20. Jahrhundert. Wer sich davon erzählen lassen will - die Geschichte ist hoch spannend -, sollte sich ins mittelburgenländische Neutal begeben, knapp vor Oberpullendorf, direkt an der S31, also quasi nur einen Katzensprung entfernt von Wien.

Seit gut anderthalb Jahren betreibt dort ein rührig engagierter Verein das "Museum für Baukultur". Und das ist schon näher dran an der Vorstellung vom Burgenland, das ja nicht zu Unrecht auch als Land der Maurer gilt, die seit jeher auch im Österreichischen tätig gewesen sind zum Nutzen der Wiener, wovon bis heute nicht nur die Gründerzeitbauten, die U-Bahn und viele andere Bauwerke zeugen.

In drei Dörfern aber - in Sigleß, in Ritzing und eben in Neutal - haben die Maurer sich spezialisiert. Dort waren bis vor Kurzem die nunmehr Feuerungsmaurer genannten Kamin-, Schornstein-, Ofen- oder Kesselmaurer zu Hause. Von hier zogen sie Saison für Saison zu den großen und immer größer werdenden Fabriken, um ihnen die hohen Schlote, die riesigen Heizkessel oder die immer mehr Hitze vertragen müssenden Hochöfen zu bauen. Von diesen Menschen und ihren Familien erzählt das Museum.

Und es erzählt hoch professionell. Denn der Museumsverein hat sich nicht damit begnügt, die alten Dinge zu sammeln und zu arrangieren. Von Susanne Steiger-Moser holten sie sich einschlägigen volkskundlich-universitären Rat, der immerhin dazu führte, dass das kleine Museum unlängst mit dem so genannten Gütesiegel ausgezeichnet wurde. "Auf Anhieb ist das gelungen", freut sich Johann Kern, "das ist schon etwas."

Alt wurde keiner

Johann Kern, Polier im Ruhestand, ohne wirklich Ruhe geben zu können, ist Obmann des Betreibervereins "Stein auf Stein". Mit spürbarem Stolz erzählt er von jenen Zeiten, an die man sich heute schon erinnern muss, "denn den Maurer gibt es ja nicht mehr, heute sind ja alle auf eine Tätigkeit spezialisiert". Er will - und vielleicht ist das eine der Qualitäten dieses Museums - der Erinnerung nicht die Brisanz der Lebensumstände nehmen: "Kaum einer der Feuerungsmaurer hat den Sechziger überschritten." Die Arbeit in den gasverseuchten Kesseln war nicht nur schwer, sondern auch gesundheitsschädigend, "da hat sich ja niemand gekümmert darum".

Theresia Reiner, wortgewaltige Führerin durch die Fährnisse der Baustellen, legt immer wieder auch Wert auf die Rolle der Frauen. Nicht nur dass sie durchs Pendeln der Männer praktisch Alleinerzieherinnen waren, zuweilen verdingten auch sie sich auf den Baustellen. Noch in den 60er-Jahren hat eine Neutalerin ihren Mann als Partieköchin in die Türkei begleitet.

Zu dieser Zeit bereisten die Neutaler - im Gefolge der Anlagenbauer von Voest oder Siemens - die Welt: Indien, den Nahen Osten vor allem. Und brachten so etwas ins mittlere Burgenland, auf das sowohl Johann Kern als auch Theresia Reiner besonders hinweisen wollen. Vielleicht, weil es fast so unerwartet kommt wie die Assoziation mit der Industrie: Weltoffenheit. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.10./1.11. 2006)

  • Der pensionierte Polier Johann Kern erläutert die gefinkelten Details der Sammlung von Musterbögen.
    foto: standard/vera sebacher

    Der pensionierte Polier Johann Kern erläutert die gefinkelten Details der Sammlung von Musterbögen.

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