Bescheidenes Gedenken an Bücherverbrennung

1. November 2006, 18:13
2 Postings

Historische Steinpflasterung statt Schotterwüste auf dem Salzburger Residenzplatz - Für Barbarei im April 1938 nur Erinnerungstafel geplant

Die Schotterwüste auf dem Residenzplatz soll einer historischen Steinpflasterung weichen. Das Gedenken an die Bücherverbrennung im April 1938 bleibt nur ein Randthema.


Salzburg - Als Archäologen vor einigen Monaten unter dem Schotter des Salzburger Residenzplatzes die Reste der Pflasterung aus der Zeit von Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau (1559-1617) entdeckten, war in Salzburg schnell klar: Der derzeit staubige, wenig repräsentative Platz im Herzen des Weltkulturerbes, soll nach historischem Vorbild saniert und mit "stöckelschuhtauglichen" Steinen ausgelegt werden. Insgesamt dürfte das Projekt zur Neugestaltung des Residenzplatzes mit seiner rund 5000 Quadratmeter großen Schotterfläche etwa fünf Millionen Euro kosten und erst in einigen Jahren abgeschlossen werden. Die Stadt Salzburg hat im Budget für kommendes Jahr vorerst einmal 500.000 Euro reserviert. Einen Teil der Mittel wollen lokale Medien über eine eigene Bausteinaktion auftreiben.

Im Vergleich zum Gesamtprojekt nimmt sich ein wichtiges Detail der Neugestaltung des Platzes freilich mehr als bescheiden aus: Für das reichlich späte Gedenken an die einzige Bücherverbrennung auf österreichischem Boden, bei der die Nationalsozialisten am 30. April 1938 am Residenzplatz unzählige Bücher jüdischer und demokratischer Autoren verbrannten, sind laut Bürgermeister Heinz Schaden (SP) im Kulturbudget nur 10.000 Euro vorgesehen. Viel mehr als eine kleine Erinnerungstafel wird um diesen Betrag kaum zu machen sein. Eine tiefergehende künstlerische Auseinandersetzung mit dem barbarischen Akt ist nicht vorgesehen. Nach dem derzeitigen Planungsstand soll die Tafel mit dem prophetischen Satz von Heinrich Heine versehen werden: "Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen."

Nur die Bürgerliste stemmt sich gegen die kleine Gedenktafel. Diese sei ein "Kompromiss zwischen Vergessen und Gedenken" und eindeutig zu wenig. Die Stadt-Grünen fordern eine "Ausschreibung unter Einsetzung einer Fachjury", welche die historische und künstlerischen Anforderungen an ein Mahnmal zu formulieren habe. Einen ersten Entwurf dazu hat es übrigens bereits im Jahr 1998 zum 60. Jahrestag der Bücherverbrennung gegeben. Damals hatte der Münchener Aktionskünstler Wolfram Kastner, unterstützt von der Tochter Bert Brechts Hanne Hiob, ein provisorisches Denkmal errichtet. Längerfristig will Kastner die Brandstelle mit einem Lichtkreis gekennzeichnet wissen. (Thomas Neuhold/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.10./1.11. 2006)

  • 
Mit der Sanierung des Salzburger Residenzplatzes soll 2007 begonnen werden.
    foto: standard/wild & team

    Mit der Sanierung des Salzburger Residenzplatzes soll 2007 begonnen werden.

Share if you care.