Überlebenskampf im Meer der Zeichen

7. November 2006, 18:54
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Salzburger Forscher sind den neurokognitiven Ursachen der Legasthenie auf der Spur - dabei gelangten sie zur Erkenntnis, dass es eine echte, biologisch bedingte Behinderung ist

An die zweieinhalb Millionen Schüler in der EU - das sind etwa vier Prozent - leiden an Legasthenie, einer stark ausgeprägten, lange dauernden Leseschwäche, die oft mit Rechtschreibschwäche einhergeht.

Die typische Symptomatik der Leseschwäche im Deutschen ist die enorme Verlangsamung des Lesens. Eine Person mit Leseschwäche braucht für einen Text ein Mehrfaches der Zeit, die eine normal lesende Person benötigt. Dies gilt auch für einzeln präsentierte Wörter, sodass vor mehr als hundert Jahren von "Wortblindheit" gesprochen wurde. Am Beginn des Lesenlernens fällt oft auf, dass später als leseschwach diagnostizierte Menschen große Probleme mit dem Zusammenfügen der Buchstabenlaute zu Silben und Wörtern haben. Der Salzburger Psychologe Heinz Wimmer und seine Arbeitsgruppe beschäftigen sich seit Jahren in FWF-Projekten mit dem Erscheinungsbild der Leseschwäche im Entwicklungsverlauf sowie mit Fragen ihrer neurokognitiven Ursachen. Aktuell wurden Blickbewegungen und Hirnaktivität beim Lesen bei legasthenen Jugendlichen erfasst.

Dabei fand man etwa durch die Registrierung der Blickbewegungen heraus, dass die enorm verlangsamte Lesegeschwindigkeit zum großen Teil durch die kurzen Vorwärtssprünge der Augen zustande kommt. Diese führen in der Regel zu mehreren Fixationen pro Wort, während bei normal Lesenden gewöhnlich nur eine kurze Fixation für ein durchschnittlich langes Wort nötig ist. "Wichtig war aber der Zusatzbefund, dass keine Auffälligkeiten der Augenbewegungen bei visuellen Suchaufgaben mit wortähnlichem Material beobachtet wurden", erklärt Heinz Wimmer. Dieser Zusatzbefund schließt aus, dass Legastheniker Probleme mit der Steuerung der Blickbewegung beim Lesen haben.

Über deren Ursachen gibt es mehrere Hypothesen, etwa die "Wortspeicherschwäche": Leseschwache Personen haben gedruckte Wörter und häufige Buchstabengruppen nicht als Ganzes gespeichert und können deshalb die Buchstabenfolge eines Wortes nicht auf einen Blick erkennen, sondern müssen das Wort lautierend erlesen.

Ein weiteres Indiz für die Wortspeicherschwäche-Theorie ist auch der Umstand, dass bei vielen der Schüler die Lese- mit einer Rechtschreibschwäche einhergeht. Nach einer etwas anderen Erklärung beginnt das Problem schon bei der Verarbeitung der Buchstabenkette eines Wortes. "In diesem, der Worterkennung vorgelagerten Schritt, müssen alle Buchstaben eines Wortes mehr oder weniger gleichzeitig erkannt und in ihrer Abfolge kodiert werden", erklärt Wimmer. "In zwei kürzlich publizierten Studien fanden wir Hinweise für Defizite in diesem visuellen Verarbeitungsschritt".

Auf neurophysiologischer Ebene konnten die Forscher mittels EEG Auffälligkeiten beim legasthenen Lesen zeigen: "Während bei normal Lesenden in Erwartung des jeweils nächsten Wortes beim Lesen eine schnelle Voraktivierung im EEG über der linken hinteren Hirnhälfte sichtbar wurde, konnte diese bei Leseschwachen nicht nachgewiesen werden", fasst Wimmer zusammen.

Während das EEG die schnelle elektrophysiologische Reaktion des Gehirns auf visuell präsentierte Wörter anzeigt, kann mit der funktionalen Magnetresonanztomografie (fMRT) die Lokalisation der Hirnaktivität vergleichsweise genau erfasst werden. So konnten die Salzburger Psychologen unter der Leitung von Martin Kronbichler in Kooperation mit der Universitätsklinik für Neurologie zeigen, dass bei Leseschwachen mehrere Gehirnregionen wesentlich stärker aktiviert sind als bei kompetenten Lesern.

Dies steht in Zusammenhang mit der für Legastheniker sehr großen Anstrengung beim Lesen, besonders mit dem mühsamen Erlesen von Wörtern, was sich etwa in den kurzen Vorwärtssprüngen manifestiert. Ein spezieller Hirnbereich ist beim legasthenen Lesen jedoch unteraktiviert: "Dabei handelt es sich um Regionen im visuellen Verarbeitungsstrang, der sich vom linken Hinterhauptslappen zum Schläfenlappen nach vorn zieht und der relativ spezialisierte Areale beinhaltet, die unter anderem für die Erkennung von Personen und Objekten zuständig sind", erklärt Wimmer. "Darunter sind auch jene für die visuelle Wortverarbeitung. Die Unteraktivierung dieser Regionen beim legasthenen Lesen ist somit als Hinweis auf mangelnde Funktionsbereitschaft dieser spezifischen Regionen zu sehen".

Anatomischer Befund

Diese Interpretation wird zusätzlich gestützt durch einen aktuellen anatomischen Befund der Salzburger Gruppe: Sie konnte zeigen, dass bei leseschwachen Jugendlichen das visuelle Wortverarbeitungszentrum in der linken Hemisphäre relativ weniger graue Masse aufweist als bei normalen Lesern. Allerdings war die Neuronendichte nicht nur dort, sondern auch in Kleinhirnregionen, die mit Automatisierungsprozessen zu tun haben, reduziert. "Dieser Befund", so Wimmer, "ist noch sehr neu, es gibt erst wenige Untersuchungen dazu." Was kann man aus diesen neurophysiologischen Beobachtungen ableiten? "In erster Linie deuten sie darauf hin, dass es sich bei der Legasthenie um eine echte, biologisch bedingte Behinderung handelt", ist Wimmer überzeugt. Eine spezifische Behinderung allerdings, die nichts mit einem Intelligenzproblem zu tun hat, die aber auch nicht völlig wegtrainiert werden kann: "Viel üben ist gut und wichtig, hilft aber auch nur bis zu einem gewissen Grad." Ein Trost für Betroffene: Legastheniker müssen keine Schulversager sein - vor allem in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern zeigen sie oft sehr gute Leistungen. Bestes Beispiel dafür ist wohl der Legastheniker Albert Einstein. (Doris Griesser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 10./1. 11. 2006)

  • Zurechtfinden im Buchstaben-Wirrwarr. Nur wie? Legasthenie hat handfeste biologische Ursachen, zu erkennen in entsprechenden Hirnteilen.
    foto: hendrich

    Zurechtfinden im Buchstaben-Wirrwarr. Nur wie? Legasthenie hat handfeste biologische Ursachen, zu erkennen in entsprechenden Hirnteilen.

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