Der Tod hat nicht das letzte Wort

2. November 2006, 19:07
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Hannes Benedetto Pircher ist hauptberuflicher Grabredner - aus Leidenschaft. Ein- bis zweimal pro Tag hält er individuell gestaltete Nachrufe. Praktisch aus dem Stegreif.

"Ich liebe diese alten Witwen, die nicht viel sagen, aber mit einem Seufzer viel mehr preisgeben, als es jeder Lebenslauf könnte." Immer wieder komme es vor, dass er einen Nachruf gestalten soll, die Witwe aber meint, nichts Sensationelles aus dem Leben ihres Liebsten berichten zu können, erzählt Hannes Benedetto Pircher mit einem Glitzern in den Augen, und dann sage er: "Man muss nicht Autobahnen bauen, Kriege führen oder Schönheitskönigin gewesen sein, damit man dann, wenn man tot ist, was gewesen ist."

Der 35-jährige Wahlwiener mit der eindringlichen, wohl temperierten Stimme ist studierter Philosoph und Theologe, war sechs Jahre Mitglied des Jesuitenordens, spielte auf Bühnen der freien Szene genauso wie an der Wiener Volksoper - und ist im Hauptberuf Grabredner, oder Nachrufredner, wie es im Fachjargon heißt. Er wird für die persönliche Würdigung des Toten engagiert, wenn dieser keiner Religionsgemeinschaft angehörte beziehungsweise die Angehörigen keine konfessionelle Ausrichtung der Trauerfeier wünschen.

"Meine Arbeit lebt vom Gespür für menschliches Gewebe, davon, Menschen zuzuhören und meine eigenen Gefühle zur Verfügung zu stellen. Das ist für mich am erfüllendsten", umschreibt Pircher seine Tätigkeit. Diese besteht darin, in kürzester Zeit - gewöhnlich 30 bis 45 Minuten vor dem Begräbnis - von den Hinterbliebenen genug über die Persönlichkeit und Lebenswelt des Verblichenen zu erfahren, um in freier Rede einen würdigen Nachruf zu gestalten - so, als ob er den Menschen gekannt hätte. Das ist nicht immer leicht: "Ein Begräbnis ist eine Extremsituation, in der zu den Tränen des Verlusts oft die von Aggression, Wut, unerfüllten Wünschen oder nicht stattgefundener Versöhnungen hinzukommen." Diese Emotionen muss Pircher filtern, um die unaustauschbare Individualität des Toten herauszuhören und zugleich den Erwartungen der Angehörigen gerecht zu werden.

"Ich versuche immer so zu reden, als ob mir der Verstorbene zuhören würde und frage die Angehörigen, was die betreffende Person wohl selbst zu ihrer eigenen Trauerfeier sagen würde." Das sei oft am aufschlussreichsten und bestimme Stil und Aufbau der Rede, die durchschnittlich acht Minuten dauert. Dabei lässt sich der gebürtige Italiener mit Welterfahrung weniger von den beruflichen Erfolgen des Toten leiten, sondern versucht "den Punkt jenseits dessen, was ein Mensch geleistet hat" zu finden, das, "was ein Mensch für diejenigen war, die hier sind, um Danke zu sagen". Trotz der Einmaligkeit jeder Trauerfeier, der individuellen Gestaltung einer jeden Grabrede, sei der Sinngehalt doch immer identisch, sinniert Pircher: "Nämlich dem Tod nicht das letzte Wort zu geben, in dem man den Verstorbenen über den Tod hinaus würdigt. Das ist eine philosophisch-anthropologische Konstante - sonst gäbe es die literarische Gattung der Grabrede gar nicht."

"Sterben lernen"

Die Trauerrede hat ihren Ursprung im Heldenlob der Antike, wurde in der Renaissance zur Würdigung der Einmaligkeit des Menschen verfeinert, bis sie sich im 19. Jahrhundert zum Statussymbol bürgerlicher Begräbnisse entwickelte. "Das Begräbnis ist immer eine Feier für die, die dableiben und nicht für den, der geht", beschreibt Pircher die soziale Funktion des modernen Trennungsrituals, das letztendlich den Hinterbliebenen erlauben soll, weiterzumachen. Denn: "Leben lernen heißt sterben lernen", wie eine Maxime des quirligen Redners lautet, der seine Gedanken mit einem umfassenden Zitatenschatz untermauert.

Den (positiven) Umgang mit dem Tod hat der 1971 in Meran in Südtirol geborene Pircher schon früh gelernt: "Der Tod meiner Oma, die im Kreis der Familie und ihrer acht Kinder zu Hause gestorben ist, war eigentlich ein Lebensfest", erzählt er. Von da an habe ihn sein Weg "zielsicher zum Friedhof" geführt, meint Pircher mit einem verschmitzten Lächeln. Nach dem Studium der Philosophie in Salzburg, München und Bologna, wo er bei Umberto Eco Unterricht nahm, trat er 1994 dem Jesuitenorden bei und studierte Theologie. Schon als Jesuit begann er sein Schauspielstudium in Innsbruck, Wien und St. Petersburg. Die Heirat mit einer Schauspielerin führte zum Ordensaustritt, seit 2001 lebt Pircher in Wien.

Schon bevor er 2003 in die von Elfriede Stockmeier geführte und derzeit elf Redner und Rednerinnen umfassende Agentur für Nachrufredner eintrat, hielt Pircher Grabreden - für eigene Verwandte oder Angehörige von Kollegen. Jetzt begleitet er ein bis zwei Begräbnisse pro Tag.

Eine spezifische Ausbildung für diesen Beruf gibt es nicht - einzig in der prinzipiell konfessionslosen DDR konnte man staatlich geprüfter Trauerredner werden - eine Schauspielausbildung ist aber keineswegs abträglich.

Auch wenn sich Pircher ab und zu eine Pause nimmt und von der Begräbnisstätte auf die Bühne wechselt oder Texte in Sachen "Ritual und Theater" verfasst, ist der Friedhof für ihn "der wunderbarste Arbeitsplatz, den es gibt". "Weil ich nicht das Gefühl habe, einen Job zu machen, mit Menschen zu tun habe und keinen Weisungen verpflichtet bin."

"Nichts als Namen"

Vom Kleinkind bis zum pensionierten Hofrat, vom Eisenbahner bis zum Universitätsprofessor reicht die Palette jener rund 1300 Menschen, die Pircher auf ihrem letzten Weg begleitet hat und diese 1300 Namen zählt auch sein persönliches Totenbuch. Im Sinne der Nekrologien des Mittelalters kalligrafiert Pircher Monat für Monat die Namen der Verstorbenen. "Der letzte Name wird meiner sein. Das sind dann meine Memoiren: nichts als Namen."

Dieses Nekrologium soll auch Teil seines eigenen Begräbnisses sein, das Pircher schon minutiös geplant hat: Zum "traurigsten Trauermarsch" sollen alle Namen gleichzeitig und möglichst schnell rezitiert werden - und es soll keinen persönlichen Nachruf geben. "Unter den Toten ist man nie allein." (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.10./1.11. 2006)

  • Der Friedhof ist für Hannes Pircher der "wunderbarste Arbeitsplatz, den es gibt".
    foto: standard/urban

    Der Friedhof ist für Hannes Pircher der "wunderbarste Arbeitsplatz, den es gibt".

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