Kopf des Tages: Michael Spindelegger

Lichals Ziehsohn ist Zweiter Nationalratspräsident

Michael Spindelegger hat es also wieder einmal nur bis nach fast ganz oben geschafft. Seit mehr als einem Jahrzehnt gilt der 46-jährige Niederösterreicher als politische Nachwuchshoffnung der ÖVP. Mal war er sogar als möglicher Außenminister im Gespräch, dann hätte er den Verteidigungsminister beerben sollen. Aber jedesmal reichte es bei dem Vielfachfunktionär aus Mödling nicht ganz für ein echten politischen Powerjob.

Bisher war er: Pressesprecher von Verteidigungsminister und "VP-Stahlhelm" Robert Lichal; Europareferent des ÖAAB; Bundesrat; Nationalratsabgeordneter; EU-Abgeordneter; ÖAAB-Chef von Niederösterreich; und stellvertretender VP-Klubobmann.

So ist es auch jetzt: Als Zweiter Nationalratspräsident hat Spindelegger seit Montag protokollarisch eines der höchsten Ämter inne, die die Republik zu vergeben hat. Aber es dient vorwiegend der Sitzungsführung und der Repräsentation. Wirklich gestalten können der "Zweite" und die "Dritte" Eva Glawischnig nicht, es sei denn, die Präsidentin Barbara Prammer ist verhindert, oder gar der Bundespräsident - dann vertritt das Trio der Parlamentspräsidenten das Staatsoberhaupt. In einem Aspekt jedoch ist die neue Tätigkeit dem studierten Juristen wie auf den Leib geschnitten: "Er streitet mit niemandem, ist eine ausgleichende Persönlichkeit", sagt ein Kollege aus dem Parlamentsklub der Schwarzen. "Man kann gut mit ihm reden, er ist zwar ein sehr loyaler Parteigänger der ÖVP, aber auch sehr korrekt, sachbezogen, sehr o. k.", findet die außenpolitische Sprecherin der Grünen, Ulrike Lunacek. Sie kennt Spindelegger als langjährigen Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, der sich auch im Europarat umtat, für Menschenrechte und internationale Politik engagiert. Herkunft, Basis und Netzwerk für seine politische Karriere sind eher bodenständig-österreichisch, eng mit einer Art christdemokratischer Triangel verbunden: ÖAAB, Cartellverband, Niederösterreich.

Ohne seinen Mentor Robert Lichal wäre der Reserveoffizier Spindelegger nicht das, was er geworden ist. Der mächtige Angestelltenbund der Volkspartei bietet verlässlich Macht und Einfluss.

Hinter der Fassade des etwas biederen politischen Musterschülers verbirgt sich ein interessanter europäischer Lebensverlauf, eine moderne Familie. Spindelegger lebt mit seiner Frau Margit zwischen Hinterbrühl und Luxemburg das, was jungen Leuten oft gepredigt wird, was aber nur wenige realisieren. Ins Ausland gehen, Chancen wahrnehmen. Sie hat Karriere gemacht, es bis zur Kabinettschefin des Präsidenten des Europäischen Rechnungshofes gebracht. Und die beiden haben zwei kleine Söhne. Prammer und Glawischnig müssten sich über den Kollegen sehr freuen. (Thomas Mayer/DER STANDARD, Printausgabe, 31.10.2006)

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