Die Gestalt der letzten Dinge

2. November 2006, 19:07
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Stilles Verwehen oder letztes Glitzern? Eine Rundschau, was beim gestalterischen Upgrading von Sarg, Urne und Co. angesagt ist

Stilles Verwehen oder letztes Glitzern? Diese Frage beschäftigt auch einschlägige Designwettbewerbe. Es geht um das gestalterische Upgrading von Sarg, Urne und Co. Eine Rundschau.


Weltraumbestattung per Trägerrakete erwünscht? Oder soll es doch nur ein künstlicher Diamant aus der Asche des Verblichenen sein?

Nicht jede Option, die amerikanische Bestattungsunternehmen gegen entsprechenden Aufpreis anbieten, lässt sich in unseren Breiten realisieren. Aber neu entdeckt hat man das Geschäft mit dem Tod allenfalls.

Das verraten einschlägige Designbewerbe ebenso wie das gestalterische Upgrading, mit dem Sarg, Urne & Co in den vergangenen Jahren auch in Formgeber-Fachkreisen auf sich aufmerksam machen.

Beispiel "Monococoon": Für diesen monolithischen Sarg erhielt der österreichische Nachwuchsdesigner Florian Gsottbauer gar den BKA-Förderungspreis für Experimentelles Design. Sein aus zellulosehaltigen Rohstoffen wie Hanf oder Jute gewonnener Sarg punktet als biologisch leicht abbaubarer, vergänglicher Kokon der letzten Bleibe.

Erweitert und poetisch aufgeladen, wurde diese Idee nun von dänischen Kollegen, die die von ihnen geschaffene Urne "Bios" nicht als Endstation sehen, sondern als Neubeginn. Dafür sorgen Baumsamen, die in die Zellulose-Beschichtung der Urne eingearbeitet sind. Die Asche des Verblichenen wird so auch zum Dünger, die Auferstehung erfolgt als Bruder Baum.

Stilles Verwehen oder letztes Glitzern? Diese Frage gilt es prinzipiell zu beantworten, wenn das Design der letzten Dinge Thema ist. Sie ist älter als die Pyramiden und katholischer Pomp.

Design für die Ewigkeit

Eine vergleichsweise ruhige Kugel schiebt in diesem Zusammenhang das Züricher Designer-Duo Thomas und Markus Schär, die dem potenziell riesigen Markt ihren "ball of love" beisteuern. Aus Aluminium und Chromstahl ist die spacige Kugel gefertigt, und erinnert mit ihrer oszillierender Lackierung an UFOs oder kybernetische Modelle. Kostenpunkt der Billardkugel-ähnlichen Urne: 1200 Franken. Anmerkung des Vertreibers dazu: "Da es in der Schweiz bezüglich dem Umgang mit Leichenasche kaum gesetzliche Bestimmungen gibt, sind der eigenen Fantasie im Umgang mit ,ball of love' und seinem Inhalt kaum Grenzen gesetzt."

Der Tod als ultimative Grenze, das Design als Nachverhandler, das fallweise zumindest ästhetischen Ewigkeitsanspruch einfordert. Letzteres lässt sich vom deutschen Edelstahlspezialisten Phos-Design behaupten, dessen Urnenentwurf in Form eines zylinderförmigen Metall-Gefäßes klaren, dem Modernismus verpflichteten Gestaltungskriterien Genüge tut.

Näheres über den User verrät indessen der Deckel: Hier können ungeachtet der Suprareligiosität des Todes Kreuz oder Halbmond angebracht werden, aber auch die Initialen des Verblichenen.

Echte Lebemenschen können übrigens bereits zeit ihres Daseins ein Näheverhältnis zum letzten Zuhause aufbauen: Die Phos-Urne dient im Vorleben nämlich auch als origineller Sektkübel. Sollte man bei der nächsten Harddrink-Party die Frage "Eis oder Asche?" an Sie richten, sollten Sie jedenfalls gewarnt sein. Oder zumindest inspiriert. Zumal die Designer-Urne und der Kompostsarg vergleichsweise dezente Anzeichen für erstarkendes Jenseits-Bewusstsein sind.

Auf der eher skurrilen Seite siedeln in diesem Zusammenhang die Särge der Deutschen Angelika Kleinsorge: Sie bedienen sich mit goldenen Sternchen, dunkelblauem Samtbelag, sowie Intarsien aus Muscheln, Steinen und Seegras aus dem narrativen Fundus der Märchenwelt.

Jenseitiges Leuchten

In die vergeistigt-konzeptionelle Kerbe schlagen indessen die Vorarlberger Architekten Ströhle und Rümmele, die futuristisches Gräberdesign und ewiges Licht anbieten. Letzteres erstrahlt dank einer Solarzelle, die an der Edelstahlblech-Grabplatte in Form eines Kreuzes angeordnet ist, eine Blei-Gel-Batterie speist, und eine LCD-Anzeige bedient. Die wechselnden Texte können über das Leben des Toten erzählen, und sogar vorprogrammierte, ja fürsorgliche Grüße aus dem Jenseits senden. Noch andere Innovationen führen die österreichischen Grabdesigner in die Pompe-Funèbre-Szene ein.

Ein Modell mit tagsüber weißem, nachts hingegen gleißend hellem Glasdeckel etwa, das durch einen schnittigen, gleichfalls transparenten Solarteil zusätzlich überdacht ist. Der Effekt der Öffnung wird durch ein Guckloch in der Grabplatte aufs darunter liegende Erdreich noch gesteigert. Nie waren sich Himmel und Humus näher als hier.

An interessanten historischen Vorbildern mangelt es jedenfalls nicht. Die Schlichtheit der Dinge angesichts des Todes beschäftigte auch Adolf Loos, der schon immer viel Verständnis fürs fehlende Ornament hatte. Zitat: "Wenn wir im walde einen hügel finden, sechs schuh lang und drei schuh breit, mit der schaufel pyramidenförmig aufgerichtet, dann werden wir ernst, und es sagt etwas in uns: Hier liegt jemand begraben. Das ist architektur." (Robert Haidinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.10./1.11. 2006)

  • Keine Erinnerungsstätte. Die Asche des Verstorbenen wird über eine Spezialurne in eine Wasserfontäne eingebracht und so verstreut.
    foto: standard/naturbestattung

    Keine Erinnerungsstätte. Die Asche des Verstorbenen wird über eine Spezialurne in eine Wasserfontäne eingebracht und so verstreut.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Das Design dieses Grabsteins dürfte Aufschluss über eine ganz bestimmte Leidenschaft der Verstorbenen geben.

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