Wenn der Schnee ausbleibt

7. November 2006, 18:54
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Mit dem Klima ändern sich auch Wintersport und Tourismus: Transdisziplinäre Forschungsprojekte untersuchen den Wandel der Landschaft und Gesellschaft

Der Klimawandel könnte gravierende Folgen auf Wintersportorte haben. Noch konzentriert sich das touristische Angebot in den Alpen ganz auf den Skisport: Neue Skigebiete werden erschlossen, wo Frau Holle ihre Dienste versagt, übernehmen Schneekanonen das Schneien. Ob sich die Investitionen auch rechnen, wird vom Fortschritt der Klimaerwärmung abhängen.

Die Klimaforschung setzt sich intensiv mit den regionalen klimatischen Veränderungen auseinander. Bei der Jahresfachtagung der internationalen Alpenschutzkommission Cipra quantifizierte Wolfgang Seiler vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung Garmisch Partenkirchen den Wandel: "Die bodennahe Temperatur ist in den letzten 120 Jahren weltweit um circa 0,8 Grad Celsius angestiegen. Im Alpengebiet hat die Temperatur in den vergangenen fünfzig Jahren um bis zu 1,5 Grad zugenommen."

Der Anstieg habe sich in den letzten dreißig Jahren noch einmal deutlich beschleunigt. "Gleichzeitig haben sich", sagte Seiler, "die Niederschlagsmengen und ihre saisonale Verteilung signifikant verändert." Zahlen aus Österreich bestätigen Seiler: In Salzburg stieg in den letzten fünfzig Jahren die Temperatur in allen Höhenlagen um ein Grad, ergab eine Untersuchung von Helga Kromp-Kolb und Herbert Formayer. "Schneedeckenverlust" ist eine der Folgen der Erwärmung. "Speziell in den Randmonaten März, April und Dezember muss mit Problemen gerechnet werden", schreiben die Studienverfasser. Und: "Der Kompensation des Verlustes durch Kunstschnee sind durch die Erwärmung Grenzen gesetzt."

Klimareihen als Basis

Klima und Klimaänderung in zwei benachbarten Alpentälern, dem Rauriser Tal (Salzburg) und dem Mölltal (Kärnten), analysiert das proVison-Projekt "Zwei Täler - zwei Geschichten". Ein interdisziplinäres Team aus Natur-, Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaftern der Zentralanstalt für Meteorologie und der Forschungsgesellschaft Joanneum Research arbeitet an Szenarien, wie mit dem Klimawandel umgegangen werden könnte. Die Forschungsgruppe kann dabei auf 200-jährige Klimareihen von Flattach und Rauris und Gletscherbeobachtungen seit 1896 zurückgreifen.

Die historischen Wetteraufzeichnungen können wertvolle Grundlagen für künftige Entscheidungen liefern. Etwa wie sich Klimawandel und Extremereignisse auf die Natur, aber auch auf die Gesellschaft ausgewirkt haben und wie künftige Szenarien von Risikoentwicklung aussehen könnten.

Anpassungserfordernisse der Tourismuswirtschaft auf geänderte klimatische Bedingungen untersucht das Projekt "Stratege". Am Beispiel der steirischen Skiregion Schladming soll ein touristisches Management-Modell für die nachhaltige Entwicklung der Region entstehen. "mountain.scapes" schließlich ist das dritte der proVision-Projekte, das sich mit dem sozioökonomischen Wandel einer Wintersportregion befasst. ARC Systems Research nimmt dazu das Montafon (Vorarlberg) unter die Lupe, weil, so Projektleiter Wolfgang Loibl, "der Tourismus der dominierende Wirtschaftsfaktor dieser Region ist". Durch die Konzentration auf den Wintertourismus könnte das Montafon vom Klimawandel "empfindlich getroffen werden".

Regionale Kooperation

Wie in Salzburg, Kärnten und in der Steiermark forschen auch in Vorarlberg Wissenschafter unterschiedlicher Disziplinen, und wie in der Umweltforschung mittlerweile üblich, wird transdisziplinär gearbeitet, das heißt, die verschiedenen Akteure und Akteurinnen einer Region werden miteinbezogen.

Zum akademischen Wissen kommt Expertenwissen etwa aus Wirtschaft und Politik, aber auch das Alltagswissen der Bevölkerung und die intensive Kooperation mit Schulen. Im Montafon werden die Kinder der einklassigen Volksschule Silbertal Partner der Wissenschaft sein. Und auch Wolfgang Loibl weiß, dass Kinder den Entwicklungen unvereingenommener gegenüberstehen. Da fänden sich auf Zukunfts-Zeichnungen schon einmal Palmen.

Ziele des Projektes: Positiv- und Negativszenarien des Wandels und "die Erarbeitung von Maßnahmen für eine nachhaltige Entwicklung des Montafons gemeinsam mit der Bevölkerung". (Jutta Berger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 10./1. 11. 2006)

  • Artikelbild
    foto: andy urban,votava
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