Musiktheatralischer Mozarthass

30. Oktober 2006, 18:52
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Vor seinem nun doch absehbaren Ende bedient das Wiener Mozartjahr mit der Uraufführung von Bernhard Langs zweiaktiger Buffo-Oper "I Hate Mozart" im Theater an der Wien alle, denen der Jubilar schon auf die Nerven geht

Wien - Es ist nicht allzu schwer vorstellbar, dass Tenor Matthias Zachariassen mit den Worten, "Odio Mozart" (Ich hasse Mozart), nicht wenigen Mozartjahr-Geschädigten demnächst aus dem Herzen singen wird. Wer sich an diesem Gefühlsausbruch eines überlasteten Mozartinterpreten erbauen möchte, hat nächste Woche im Theater an der Wien dazu Gelegenheit.

Dort wird nämlich Bernhard Langs jüngste Arbeit für das Musiktheater, I Hate Mozart , am 8. November uraufgeführt und am 10. und 12. wiederholt.

Wollte man die verschlungene Geschichte über die Entstehung dieser Oper schildern, könnte man sagen: Am Anfang war das Wort. Oder - weniger bedeutungsschwanger - im Anfang waren deutsche und englische Wörter, vom Wiener Drehbuchautor und auch die anstehende Uraufführung inszenierenden Regisseur Michael Sturminger mit leichter Hand zu Papier gebracht. Ein Mittelding aus Filmskript und Operntext, in dem allerlei Turbulenzen, die sich üblicherweise hinter der Opernbühne begeben, auf diese gebracht werden.

Im Mittelpunkt steht ein dirigierender Senkrechtstarter, der das Pech hat, dass seine als Sängerin weltberühmte Gemahlin in derselben Premiere dieselbe Partie zu singen gedenkt, die er einer von ihm offenbar nicht ausschließlich wegen ihrer stimmlichen Qualitäten geschätzten osteuropäischen Jungsopranistin zugedacht und auch -gesagt hat.

Bei der Lektüre dieses charmanten, burlesk-sentimentalen Parlandos assoziiert der unbefangene Leser fürs Erste eine Musik, die möglicher Weise nicht einmal Rebecca-Macher Sylvester Levay simpel genug geraten könnte.

So ist das ungläubige Staunen Bernhard Langs leicht nachvollziehbar, als Sturminger mit dem Ansinnen, seinen Text zu vertonen, an ihn herantrat. Dies umso mehr, als Sturminger dieses mit dem Hinweis untermauerte, die Uraufführung von Bernhard Langs ganz und gar nicht komischem Theater der Wiederholungen beim steirischen herbst 2003 habe ihn davon überzeugt, dass er und kein anderer der für diesen Text geeignete Komponist sei.

Bernhard Lang bekam den Kopf nicht mehr aus der Schlinge. Auch nicht mit Hinweisen auf Olga Neuwirth, die das vielleicht viel besser könnte. Im Gegenteil, er geriet immer weiter in diese hinein.

Weichgeklopft

Als diese Überlegungen vor zwei Jahren anstanden, hielt er sich nämlich als Stipendiat des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg auf. Dort setzte ihm eine Ko-Stipendiatin, die österreichische Künstlerin Zenita Komad, dermaßen zu, dass er sich weichklopfen ließ und den Auftrag schließlich annahm.

Und siehe da, das Komponieren dieses Textes hat dem Herrn Kompositionsprofessor, als der Lang seit drei Jahren an der Grazer Kunstuniversität lehrt, so viel Spaß gemacht, dass er während der Arbeit an dieser I-Hate-Mozart-Musik mitunter sogar laut lachen musste.

Die Hoffnung, dass es auch für alle, die sie dann hören, was zu lachen gibt, ist nicht unberechtigt. Ähnlich wie schon in seinem Theater der Wiederholungen, das heuer im April übrigens auch an der Pariser Bastille-Oper erfolgreich zur Aufführung kam, arbeitet Lang auch hier mit kleinen, zum Teil von Mozart entnommenen, zum Teil eigenen thematischen Partikeln.

Durch deren obsessive Wiederholung und durch deren kaleidoskopische Kombination entstehen nicht nur melodische Linien, sondern auch Plapper- und Stottereffekte, die dem heiteren Spiel vielleicht tatsächlich den leichten Klang verleihen.

Johannes Kalitzke als Bernhard Langs Leib- und Magendirigent ist jedenfalls guten Mutes. Steht ihm doch als Orchester das Klangforum Wien zu Gebote, das vom Theater an der Wien für diese Eigenproduktion angeheuert wurde. Und weiß er doch selbst als Komponist dreier Opern die Erfolgschancen eines Werkes realistisch abzuschätzen.

Nicht zuletzt deshalb, weil sich Kalitzke eher als dirigierender Abenteurer sieht, den es weniger interessiert, zum 40. Mal die Jupitersymphonie zu dirigieren, sondern, der sich immer wieder gerne auf Neues einlässt.

Im Fall von Bernhard Langs Partitur begeistert ihn die sensible Virtuosität, mit der die Musiker des Klangforums die von den gewohnten Tonhöhen nur minimal abweichenden Töne der von Bernhard Lang verwendeten natürlichen Obertonreihe treffen.

Wie das Klangforum überhaupt einer der drei Gründe ist, warum der aus Köln gebürtige Dirigent und Komponist seinen Wohnsitz nach Wien verlegt hat.

Wen die anderen beiden Gründe interessieren: Seine in Wien ansässige Frau und der dem 47-jährigen Rheinländer hier zu Lande besonders konvenierende Wein.

Bei so viel Sinn für Kulinarik scheint eine Opernuraufführung bei Kalitzke jedenfalls in guten Händen.

Ein weiterer Beleg für seinen Direktkontakt zur Musik ist sein kritischer Blick auf die gegenwärtige Musikproduktion, die er zu einem nicht unwesentlichen Teil "als klingenden Beleg ihrer schriftlichen Prämissen" bezeichnet. (Peter Vujica/ DER STANDARD, Printausgabe, 31.10.2006)

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