Stille im Port Monet

20. November 2006, 16:58
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Auf der sagenumwobenen Insel Ithaka, in dem kleinen Fischerdorf Kioni, ist das Schicksal von Penelope und Odysseus lebendiger denn je

Am Horizont der Liebe die riesigen Schablonen der beiden, die dem modernen Irrfahrer ein müdes, mildes Lächeln entlocken, dieweilen er, sehnsuchtsvoll aufseufzend, von sich gibt: Oh, die See!

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Geschafft! Endlich wieder da!

Und noch vor neun hinein ins milchblauglatte Thálassa = Meer, vorsichtige Wellen, langsame Bewegungen, gut gesalzen schon in aller Früh, das reinigt nicht nur die Atemwege, und über mir das Sonnenlicht in den grünen Olivenbäumen, ah!

Als ich schon längst wieder aus dem Wasser heraussen bin, legen plötzlich direkt über mir die Zikaden los, bremsen sich dann aber wieder ein, bleiben im Hintergrund.

Dann schreckt mich ein grüner, fliegender Heuschreck kurz auf, das Meer hat auch ein bißl aufgerippelt, der grüngelbe Lastwagen von Panos, in dessen Haus ich wohnen kann, fährt die Straße am Rand der Bucht entlang, schwer beladen mit den schwarzen Müllsäcken, die dann einige Kilometer weiter weg einfach so verbrannt werden, eine Filteranlage soll demnächst auf der Nachbarinsel gebaut werden.

Warum die Aleka, Panos? Mutter und Besitzerin des einzigen Supermarkts, ein etwas größerer Greißlerladen quasi, in aller Früh schon Bravo! zu mir gesagt hat, weiß ich nicht und was sie sonst noch lachend zur Brigitte, einer Wienerin, sagt, die seit einigen Jahren hier mit einem Griechen lebt und auch schon einkauft, weiß ich auch nicht, aber Psomí = Brot ist noch keines da und wegen dem Neró = Wasser wechsel ich auch nicht den großen Fünfer und als mir beim Kleingeld, das ich zusammenkratz, noch was fehlt, winkt sie ab, ávrio = morgen, lächelt sie und ich verabschiede mich mit efkaristó = danke und da steht auch schon der Psomiwagen, aber ich verzichte jetzt und gehe los, den alten Weg, über Stock und Stein, fast gerade hinaufzu, komm schwitzend und keuchend an im Geschäft in Ráchi = Rücken, dem Ortsteil von Kióni ein bißl oberhalb eben, geb dem Kostas die Pfote, seit wann ich da sei, gestern, heute?, und ti kánis = wie gehts, kalá = gut?, ja, aber Féta = Schafskäse hat er keinen, aber Oliven schon, aber warum er mir welche aus der Konserve geben will, wenn er welche in dem großen Olivenbehälter hat, der Scherzbold, weiß ich nicht, und so einen tirípotá = Käsedreiecksblätterteig nehm ich auch, parakaló = bitte, an der Tür zwei Poster, das von Vathí = Hauptstadt von Ithaka, bewundere ich, das von der Superfast, dem superschnellen Schiff, ignoriere ich, Austria kalá?, will er wissen, ich zögere kurz, dann nicke ich, ne = ja, Austria kalá, aber Kioni polí = sehr kalá!, wir verabschieden uns lächelnd, er wünscht mir noch kálo bánio = schönes Schwimmen und ich geh weiter, umi, owi und jetzt sitz i do, pho pho pho = pho pho pho, jo, am Strand, auf den weißen Steinen, am blauen Meer, das glucksend zuwerrollt.

Salz in der Suppe

Die griechische Familie ist wieder abgezogen, die vorhin kam, als ich gerade im Thálassa war, pfeift mir doch glatt der Lümmel und deutet ich solle eine Hose anziehen, hier, an dem einzigen Strand, wo es erlaubt ist, sich so der Sonne, dem Wind, dem Meer darzubieten und von ihnen zu empfangen, wie Gott/Göttin einen schuf, weil, er deutet auf seine zwei Kinder, und als ich nicht gleich antanze wie ein reuiger Hund mit eingezogenem Schweif oder was stellt er sich vor, greift er sich meine Unterhose und wirft sie ins Wasser, und weil sie zuwenig weit fliegt, geht er ihr nach und schmeißt sie noch einmal, noch ein Stückl weiter zu mir, endáxi = in Ordnung, sage ich, ich hol sie mir schon, deute ich und schwimm dann aber noch ein bißl herum, mit der Unterhose in der Hand, derweil gehen sie ein Stück weiter weg von mir und ich zieh mir dann, im Wasser sitzend, also meine Untergatti über das Böse, das Pfuigacki und pflaz mich auf die Steine, trocknen in der Sonne, bis nur noch das Salz übrig ist auf der Haut, dann geh ich zu meinem Platzl und ziehs mir wieder aus, die U-Hose, stell meinen Rucksack auf die gefährliche Seite, als Blickfangschutz, aber entweder ist ihm das zuwenig oder es ist ihm auch sonst die Lust vergangen, befiehlt er wieder zusammenzupacken und páme páme = gehen wir gehen wir, kurz maunzen die zwei Kleinen, aber nützt sowieso nichts bei dem Papi und die Mami schweigt sowieso dazu, und abpamieren sie wieder hinaufzu, puh, die geballte Ladung Familie mit Oberhaupt war das, Gott sei Dank nur in einem Kürzestauftritt, mi leckst aum Oachkatzlschwoaf!

Ein gutes halbes Jahr hab ich jetzt gebraucht, um mich von der Kündigung, also dem Nichtverlängern des Probevertrags, wie es heißt, zu erholen, dazu das Ende der langjährigen Beziehung, alles klassisch, so tief ins Nichts war ich noch nie zuvor gestürzt, prack, lag ich da wie ein Fisch auf dem Trockenen und weder Wasser noch Land in Sicht, nirgends, da schrumpfst du ins Nullkommanichts, so schnell kannst gar nicht schauen, sinkst ab in eine tiefe Höhle der Verzweiflung und Existenz-Angst, polí skatá = sehr sch...ade!

Jetzt hab ich das Konto überzogen und bin abgezischt, mit dem weißen Schiff übers blaue Meer da her, wo ich schon einmal vor einigen Jahren war und glücklich, ah, die Zikaden legen wieder los und eine innere Stimme sagt mir, daß ich jetzt was mampfen werde, kalá!

Blumen zwischen den Steinen

Abends dann eine andere Anhöhe hinaufgehen, da ist auf der einen Seite ein Esel, er wohnt sozusagen in einem Holzschuppen, umgeben von Gesträuch und einem Olivenbaum, der zusätzlich wie ein Dach wirkt, auf der anderen Seite, ein bißl weiter oberhalb, eine Kirche, in der immer die Öllämpchen brennen, die aber versperrt ist, aber man kann ein bißl durchs Fenster schauen oder einfach nur dasitzen und auf den Niritos, das ist der Berg hier, schauen, der im milden Abendlicht grünblau schimmert und eine Ruhe ist da, daß man zuerst nur ganz vorsichtig und leise atmet, ne = ja.

Auf meinem Sitzplatz tummelt sich eine Schar großer Ameisen, so bleib ich stehen und sag zu meinen Gedanken, daß sie sich ruhig ein Randerl setzen können, es tue ihnen niemand was jetzt.

Das trockene Brot, das ich ihm, dem mit den schönen Ohren und dem guten Fell, mitgebracht hab, mampft er krackend, als ich beim Zurückgehen noch einmal bei ihm vorbeischau, der sofort aus seinem Stall kommt und die Ohren aufstellt, wie er mit den Lippen und Zähnen nach meinem Unterarm greift und meine Finger belippt, der Zarte, so ein Esel, was?

An einem anderen Tag, vorm Haus sitzend

Wie so ein riesiges Oadaxl, mit grauem Bauch, kriecht und schwebt eine Wolke herüber, hinterm Niritos hervor, steigt auf, beginnt sich aufzulösen, wird zu einem überdimensionalen Insektentorso, genau überm Gipfel und streckt sich der Liesl = Sonne = íljos entgegen, die da oben, fast senkrecht, ah, jetzt fällt mir das Kappl hinunter, ihr Werk verrichtet, sodaß ich dasitz und schwitz, kalá, vermischt sich mit ihr, was für Momente wieder Schatten bringt, in dem der Schweiß gleich abzukühlen beginnt, aber da kommt die Liesl schon wieder seitlich hervor und das Wolkenviech zieht weiter ins Blaue, himmelwärts, dieweilen die Schattenkontraste hier herunten auf dem verwitterten, rissigen, weiß grau braun schwarz fleckigen Betonboden, auf dem lila Blüten, dunkelrote, zertretene Weintrauben und hellbeige, ausgetrocknete Blätter liegen, ihr Windspiel treiben und die sprichwörtlich lästigen Fliegen sind zuhauf und hie und da eine braune oder schwarze, kleine Eidechse, die geschwind ihre Positionen wechselt, ein bisserl rauscht der Wind in den Blättern der Weintraubenlaube und ein Vogel zwitschert, das Hundegebell, das vorhin plötzlich losgegangen war, hört wieder auf, von weiter weg kommt das helle, in unterschiedlichen Tönen klingende, Ziegenglockengeläut her, sodaß deine Gedanken zu bimmeln beginnen und dein Gemüt sich auf eine Weise beruhigt, daß du dasitzt und dich dabei ertappst, wie du übers ganze Gesicht grinst und dich freust wie ein frischlackiertes Hutschpferd.

Metá = später, polí metá

Und aber dann schließlich doch wieder also fährst du mit dem Taxi sehr zeitig in der Früh nach Vathí, dort steigst du in die Fähre nach Patras und von dort wieder auf das große weiße Schiff, das dich nach Venedig bringt und dort sitzt du, kaum daß du dich versiehst, ein Cappuccino vielleicht noch schnell am Bahnhof, auch schon wieder im Zug nach Wien, wo du am Abend ankommst und sofort zum Stammheurigen eilst, um nachher, in der Wohnung, vorm Zubettgehen, schnell noch die Post durchzusehen, um mitgeteilt zu bekommen, daß du ein Debetsaldo hast und daß dir die Finanzprokuratur im Nacken sitzt und mit einer Klage droht, also, gute Nacht, schlaf schön, und dreh das Licht und den Ton ab.

(Stille)
Rudolf Lasselsberger, geb 1956 in NÖ, lebt in St.Leonhard am Forst und in Wien, seit 1981 Mitglied der GAV. 1983 Anerkennungspreis des Landes NÖ, Nachwuchsstipendium des BMfUK. 1987/88 Linzer Geschichtenschreiber, 1991 Leiter der Literaturwerkstatt im Rahmen der Sommerakademie Griechenland auf Ithaka. Sonstige diverse Jobs, dzt. im Schichtdienst bei der Post.
Veröffentlichungen in Anthologien, Zeitschriften, im ORF und im Bayerischen Rundfunk. ua: in "kolik 13", Wien 2000, "freibord 135/136", Wien 2006; sowie CD Schlalalager und Gedichte 2, Studio open road, Illmitz 2005, DVD Das fröhliche Wohnzimmer verfilmt Gedichte, WZ-Film 2005
  • Ein Teil des Hafens von Kióni.
    foto: josef jandrisits

    Ein Teil des Hafens von Kióni.

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