Dem Sterben Leben geben

1. November 2006, 17:01
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Die Palliativmedizin zielt darauf ab "nicht dem Leben Tage zu geben, sondern den Tagen Leben zu geben!" - Herbert Watzke im derStandard.at-Interview

derStandard.at: Soll die Palliativmedizin Leben verlängern?

Watzke: Nein, und das gilt sowohl für die Palliativmedizin als auch für die Hospize. Es geht nicht um eine Lebensverlängerung oder um die Rückdrängung der Primärerkrankung. Es geht darum die Lebensqualität zu erhöhen. Hier gibt es den schönen Spruch der für beide Begriffe gilt: Nicht dem Leben Tage geben, sondern den Tagen Leben geben!

derStandard.at: Warum braucht man gerade heute die Palliativmedizin?

Watzke: Das hängt vor allem mit der Onkologie zusammen. Hier ist die Palliativmedizin evident. Früher wurde der Krebs vom Hausarzt diagnostiziert, der Patient nach Hause geschickt und irgendwann ist er dann zu Hause verstorben. Heute wird der Krebspatient ins Krankenhaus geschickt und ist durch die Therapie massiv ans Krankenhaus gebunden.

Das Krankenhaus wird zu seiner zweiten Heimat. Der praktische Arzt ist nicht mehr involviert. Wird der Kranke dann entlassen hat der Patient keinen Ansprechpartner mehr. Hätten wir keine Chemotherapie würden wir auch die Palliativmedizin in der Onkologie gar nicht brauchen. Die Palliativmedizin bildet Brücken, um eine Betreuung zu Hause zu ermöglichen.

derStandard.at: Ist es eine Definitionsfrage, wann der Krebspatient zum palliativen Patienten wird?

Watzke: Wesentliches Element der Palliativmedizin ist der ehrliche Umgang mit dem Patienten von Anfang an. Natürlich muss man den Patienten schützen, dennoch muss er wissen, wie es um ihn steht. Eine palliative Chemotherapie wird den Patienten mit einem metastasierten Lungenkrebs zwar nicht heilen, aber seine Lebensqualität entscheidend verbessern. Man muss sich im Klaren sein, dass bei einer mittleren Lebenserwartung von acht Monaten die Lebensqualität von ganz wesentlicher Bedeutung ist.

derStandard.at: Was sind die wesentlichen Komponenten der Palliativmedizin?

Watzke: Es gibt vier Komponenten: Symptomkontrolle, psychologischer Support und die psychosoziale und spirituelle Begleitung.

Was den Patient wirklich trifft ist die soziale Isolation. Diese psychische Belastung empfindet der Patient oft als Schmerz. Beispiel: Der Patient lässt sich in der Nacht aufgrund seiner Schmerzen Morphin spritzen. Viel wichtiger als die Spritze ist jedoch die Person die vorbeikommt, um ihm diese zu verabreichen. Wenn man antidepressiv therapiert, werden die Schmerzen weniger, obwohl man an der Schmerztherapie nichts verändert hat.

derStandard.at: Humanes Sterben ermöglichen, beinhaltet das nicht auch den Wunsch eines Patienten nach vorzeitigem Sterben zu respektieren. Bedeutet das nicht, dass Sterbehilfe Teil der Palliativmedizin sein sollte?

Watzke: Mit diesem Wunsch ist man natürlich immer wieder konfrontiert. Die Frage ist: Warum will der Patient sterben. Einer der Hauptgründe ist, dass der Patient niemandem zur Last fallen möchte, gleich gefolgt von dem Wunsch keine Schmerzen zu haben. Gesunde Menschen behaupten daher immer, dass sie sich bei der Diagnose Krebs umbringen würden.

derStandard.at: Und der Betroffene?

Watzke: Der Krebskranke sagt das nur selten. Funktioniert die Schmerztherapie, so fällt eine große Angst weg. Ein weiteres großes Problem stellt der Kontrollverlust dar. Die Patienten verlieren unwillkürlich Harn oder Stuhl und fühlen sich nun als Belastung für andere Menschen. Der Wunsch nach dem frühzeitigen Sterben wird kleiner, wenn man hier gute familiäre Strukturen schafft. Das einfühlsame Eingehen auf Patientenwünsche ist wichtig.

derStandard.at: Was hat Palliativmedizin mit Spiritualität zu tun?

Watzke: Das wurde in Studien untersucht. In der medizinischen Literatur wird Spiritualität als der Glaube an ein höheres Wesen definiert. Sieben dieser Studien haben gezeigt, dass Menschen, die an ein höheres Wesen glauben, weniger depressiv sind.

In zwei Studien hat sich allerdings gezeigt, dass Spiritualität depressiver macht und der Patient zunehmend unter Druck gerät. Der Patient bekommt zunehmend Schuldgefühle, weil er sich von Gott permanent bedroht fühlt.

derStandard.at:Mit welchen körperlichen Problemen haben palliative Patienten zu kämpfen?

Watzke: Mit Schmerzen, zumeist Knochenschmerzen verursacht durch Knochenmetastasen. Die hat man allerdings bei 95 Prozent der Patienten gut im Griff. Ein großes Problem stellt der Gewichtsverlust dar. Man glaubt, dass der Krebs durch seinen hohen Energiebedarf den Körper auszehrt. Das stimmt nicht.

Die Patienten produzieren Zytokine, die zu diesem Gewichtsverlust führen. Es ist weniger die Übelkeit das Problem, als die Appetitlosigkeit und die daraus resultierende Schwäche. Gegen die ist kein Kraut gewachsen. Auch bei einer normalen Grippe hat man aufgrund der Zytokinausschüttungen einen Appetitverlust. So fühlt sich der Tumorkranke permanent.

derStandard.at: Patienten werden oft bis kurz vor ihrem Ableben in Hinblick auf ihre Erkrankung therapiert, auch wenn die Sinnhaftigkeit dieser Therapie schon längst anzuzweifeln ist. Wann ist der richtige Zeitpunkt sich therapeutisch zurückzuziehen?

Watzke: Wie schon vorher erwähnt, muss der Patient von Anfang an über seinen Erkrankungszustand Bescheid wissen. Ein Palliativmediziner wäre dazu nicht unbedingt erforderlich, wenn der Onkologe die Aufklärung seines Patienten übernimmt. In der Praxis ist dies leider häufig nicht der Fall.

Irgendwann muss man dem Patienten dann mitteilen, dass eine Therapie nichts mehr bewirkt. Nun wird es für den Onkologen, der vorher den Patienten nicht aufgeklärt hat, noch schwieriger. Der Palliativmediziner kommt nun dazu und stellt den Patienten vor vollendete Tatsachen.

Der Onkologe ist der Meinung der Patient wird so traumatisiert. Dieser Einwand ist nicht gerechtfertigt, denn hätte der Onkologe den Patienten von Beginn an aufgeklärt, dann wäre der Patient später auch in der Lage mit dieser Nachricht umzugehen.

derStandard.at: Inwieweit kann der Patient seine Therapie mitbestimmen?

Watzke: Der Patient kann jederzeit sagen, dass er kein Antibiotikum oder keine Chemotherapie will. Das muss jeder Arzt respektieren.

derStandard.at: Der Bedarf nach Palliativstationen ist vorhanden. Warum ist die geplante Umstrukturierung von Akutbetten in Palliativbetten so schwierig?

Watzke: Das ist ein Kostenfaktor. Wir brauchen auch mehr Hospize in Österreich. Die Patienten die nicht mehr nach Hause gehen können, weil sie keine Angehörigen mehr haben, warten oft lange auf einen Platz in einem Pflegeheim. Hier braucht man das Hospiz.

derStandard.at: Inwieweit findet Palliativmedizin in Pflege- und Altenheimen statt?

Watzke: Palliativmedizin in Altenheimen ist Hospizmedizin. Wichtig sind mobile Hospiz- oder Palliativdienste. Menschen, die Patienten daheim betreuen.

derStandard.at: Werden Angehörige mitbetreut?

Watzke: Krebs ist eine Familienerkrankung und stellt demnach eine enorme Belastung für die Familienstruktur dar. Die Familie wird mitbehandelt, sie hat jedoch kein Recht die Therapie des Erkrankten zu beeinflussen. (Das Interview führte Regina Philipp)

Zur Person

Univ. Prof. Dr. Herbert Watzke ist Facharzt für Innere Medizin und Hämato-Onkologie sowie Kardiologie. Er leitet die Allgemein-Station mit Palliativmedizin der Klinik für Innere Medizin I am Wiener AKH und hat 2005 den ersten Lehrstuhl für das Fachgebiet Palliativmedizin in Österreich übernommen.

Siehe: Reportage: Lebensabend im Hospiz

  • "Was den Patient wirklich trifft ist die soziale Isolation. Diese psychische Belastung empfindet der Patient oft als Schmerz." Herbert Watzke
    foto: standard/andy urban

    "Was den Patient wirklich trifft ist die soziale Isolation. Diese psychische Belastung empfindet der Patient oft als Schmerz." Herbert Watzke

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