Das Leben der Leichen

6. November 2006, 12:51
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Leben nach dem Tod - Was an der Gerichts­medizin bei Obduktionen, im Kran­kenhaus bei Organ­entnahmen oder an anatomischen Instituten mit toten Körpern passiert

Mit dem letzten Herzschlag ist nur vermeintlich alles vorüber. Kaum ist das Leben ausgehaucht, übernehmen die staatlichen Behörden das Ruder. Bis zur Bestattung gibt es für den Umgang mit toten Körpern ein genaues Procedere. Obduktion ist davon eine mögliche Option, und zwar dann, wenn der Totenbeschauer auf dem Totenschein "Todesursache ungeklärt" angekreuzt hat oder der Verdacht auf Fremdverschulden besteht. "Liegt eine Leiche einmal bei uns auf dem Tisch, ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir ein Verbrechen übersehen, äußerst gering", sagt Christian Reiter, Leiter der Abteilung Gerichtsmedizin in der Wiener Sensengasse.

Todesursachen

Was bei einer Obduktion passiert? Bauch, Brust und Schädel werden geöffnet, die Organe entnommen, untersucht und dann in den Körper zurückgelegt. Eklig sei daran nichts, sagt Reiter, "wer das so empfindet, ist wohl mit dem Tod nicht im Reinen". Zwar sei eine Obduktion vom Geruch her nicht unbedingt erfrischend, aber das sei die Arbeit eines Landwirtes auch nicht. Reiter legt Wert auf ein "positives Ambiente an seinem Arbeitsplatz" und versucht, möglichst sauber zu arbeiten. "Oft sind die Leichen nach dem Vernähen sogar schöner als vorher", sagt er.

Falsche Darstellung im Fernsehen

Was Reiter ekelhaft findet, ist die Darstellung seines Berufsstandes in TV-Serien, da werde eine voyeuristische Lust befriedigt, sagt er. Serien wie "C.S.I." vermitteln, dass Gerichtsmediziner an einer Leiche unendlich viel feststellen können. "Aber keiner kann an einem Würgemal ablesen, ob dem Täter ein Finger fehlt." Leider seien inzwischen sogar manche Geschworene von solchen Sendungen beeinflusst. Etwa 600 gerichtlich angeordnete Obduktionen werden in der Sensengasse jährlich durchgeführt, Tendenz rückläufig. "Auch die Justizbehörden sparen", stellt Reiter fest. Zwischen 1500 und 2500 Euro kostet eine Obduktion, manchmal mehr, wenn chemische Untersuchungen notwendig sind. Auch Privatpersonen können auf Obduktion bestehen, etwa dann, wenn Nachweise für Versicherungen zu erbringen sind.

Potentielle Organspender

Tote Körper, konkret Unfallopfer, sind allerdings für die Medizin auch als Organspender interessant. Zur Erläuterung: Wer in Österreich nicht zu Lebzeiten ausdrücklich festlegt, seine Organe nicht spenden zu wollen, erklärt sich mit einer Organentnahme einverstanden, ein entsprechendes Widerspruchsregister ist seit 1995 eingerichtet. In anderen Ländern, etwa in Deutschland, funktioniert Organspende nach dem umgekehrten Prinzip. Nur wer einen entsprechenden Ausweis dabei hat, wird als Spender herangezogen. Effizienter im Sinne all derer, die auf Organe warten, ist das hiesige System: 2005 kamen in Österreich 24 Spender auf eine Million Einwohner, in Deutschland waren es nur 15.

Guter Zweck

Alle, die nach dem Ableben ihren Körper der Wissenschaft vermachen wollen, finden die universitären Anatomieinstitute als Abnehmer. "Wir machen aus Leichen medizinische Präparate", erklärt Friedrich Anderhuber, Leiter des Instituts für Anatomie an der Universität Graz. Vor einigen Jahren wurde in Graz eine neue, mittlerweile weltweit bekannte Konservierungsmethode entwickelt. Nachdem der Körper von den Haaren befreit ist, werden etwa 15 Liter einer speziellen Salzlösung in die Arterien gespritzt, gleichzeitig verhindert eine wässrige alkoholische Lösungen die Salzvertrocknung. Die individuellen Gesichtszüge gehen bei dieser Methode vollkommen verloren. Nach zwei Tagen wird der präparierte Körper in ein Bad mit einer ähnlichen Lösung gelegt und kommt zu Unterrichtszwecken dann auf den Seziertisch.

Menschlicher Körper sorgt für Echtheitsgefühl

Nur mit künstlichen Präparaten wäre es nicht möglich, wirklich ein Gefühl für den menschlichen Körper zu vermitteln. "Man muss schon einmal mit dem ganzen Arm in eine Bauchhöhle fassen, um zu begreifen, dass die Milz ganz hinten liegt und man dabei auf den Widerstand der Rippen stößt", sagt Anderhuber. Zudem probieren Ärzte auch komplizierte Operationen vorher an präparierten Körpern aus.

Begräbnis-Alternative

Die Grazer Anatomie bekommt pro Jahr zwischen 150 und 200 Leichen, manchmal übrigens auch aus finanziellen Gründen. Ein Begräbnis ist teuer, Körperspender an die Wissenschaft zu sein nahezu kostenlos und zudem auch für einen höheren Zweck bestimmt. Wenn Präparate nicht mehr gebraucht werden, werden sie in einem Areal, das an den Waldfriedhof Tobelbad bei Graz angrenzt, bestattet. Für die Pflege der anonymen Gräber sorgt die Anatomie, die Namen der Spender sind in einem Ehrenbuch eingetragen.

Körperwelten

Leichenpräparationen in Form von Plastinationen hat Gunther von Hagen mit seiner Ausstellung "Körperwelten" weltweit bekannt gemacht. Er macht Körper dadurch haltbar, dass er zunächst Gewebewasser und -fette durch das Lösungsmittel Aceton ersetzt und sie dann mit Kunststofflösung aufgefüllt. Diese "Trockenpräparate" sind dann uneingeschränkt haltbar. Für den Anatom Anderhuber ist das eine "makabre Show". "Wenn eine präparierte Frau in halb lasziver Pose daliegt und aus ihrem Körper ein Fötus ragt, hat das mit moderner Anatomie gar nichts zu tun." (DER STANDARD, Printausgabe, Sabina Auckenthaler, 30.10.2006)

  • Für Gerichtsmediziner und Anatomen sind Gunther von Hagens präparierte Leichen nichts als eine "makabre" Show, die voyeuristische Gelüste befriedigt. 1999 kam eine halbe Million Menschen allein in Wien zur Ausstellung
    foto: standard/newald

    Für Gerichtsmediziner und Anatomen sind Gunther von Hagens präparierte Leichen nichts als eine "makabre" Show, die voyeuristische Gelüste befriedigt. 1999 kam eine halbe Million Menschen allein in Wien zur Ausstellung

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