Ruth Klüger ist 75

2. November 2006, 12:00
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Die in Wien geborene Germanistin schildert in "weiter leben - eine Jugend" ihre Kindheit und Jugend in KZs

Göttingen - "Ich finde Geburtstage schrecklich", sagte die amerikanisch-jüdische Germanistin Ruth Klüger einst. "Am Geburtstag bekommt man zu viel Aufmerksamkeit, für die man eigentlich nichts kann". In den USA, wohin die Literaturwissenschafterin zwei Jahre nach ihrer Befreiung aus dem NS-Konzentrationslager Christianstadt emigrierte, werde Geburtstagen viel weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Die in Wien geborene Klüger, die erst 1992 mit ihrer Autobiografie bekannt wurde, feierte am 30. Oktober ihren 75. Geburtstag.

Poetik-Dozentur

Ruth Klüger lebt heute abwechselnd in Irvine im US-Bundesstaat Kalifornien und in Göttingen, wo sie sich an der Universität unterschiedlichen Lehrveranstaltungen widmet - zuletzt teilte sie sich mit Doron Rabinovici die "Poetik-Dozentur" zu Literatur, Philosophie und Politik. Als Germanistin lehrte Klüger im Laufe ihrer Karriere unter anderem bereits an den Universitäten von Princeton und Irvine. In Österreich war sie heuer im Rahmen der Wiener Vorlesungen zum Jubilar Sigmund Freud im Einsatz.

Deportation

An die Stadt, in der sie ihre ersten Leseversuche an judenfeindlichen Schildern unternahm, hat sie deprimierende Erinnerungen: "Man trat auf die Straße und war in Feindesland". Im September 1942 wurde Ruth Klüger zusammen mit ihrer Mutter aus Wien deportiert. Sie kam erst in das KZ Theresienstadt, dann nach Auschwitz-Birkenau und schließlich nach Christianstadt in Schlesien. Nach der Befreiung gelangte die damals 14-jährige Ruth 1945 zunächst nach Straubing in Bayern. 1947 emigrierten Mutter und Tochter in die USA, wo das junge Mädchen die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm, Bibliothekswissenschaften und Germanistik studierte und später als Hochschullehrerin und Literaturkritikerin arbeitete.

"weiter leben - eine Jugend"

Trotz der beruflichen Nähe zur Literatur habe sie Jahrzehnte lang nicht daran gedacht, ihre außergewöhnliche Lebensgeschichte schriftlich niederzulegen, sagt die Germanistin. Erst als sie Ende der 80er Jahre bei einem Verkehrsunfall in Göttingen lebensgefährlich verletzt wurde, begann sie zu schreiben. Ihre damals entstandene Biografie "weiter leben - eine Jugend", die 1992 vom Göttinger Wallstein Verlag veröffentlicht wurde, gilt heute als wesentlicher Beitrag zur Holocaust-Literatur. Das Buch, in dem Klüger ihre Kindheit in Wien, die Jugend in den Konzentrationslagern und die Nachkriegszeit in Bayern schildert, wurde von der Kritik einhellig gelobt. In vielen Schulen wird die Autobiografie als Lektüre verwendet.

Auszeichnungen

Zu den bekanntesten Werken Klügers, die auch unter dem Namen Ruth Angress publiziert hat, gehören "Katastrophen. Über deutsche Literatur", "Von hoher und niederer Literatur" oder "Frauen lesen anders". Für ihre Bücher hat sie zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter der Österreichische Staatspreis für Literaturkritik 1997, die Heinrich-Heine-Medaille und den Thomas-Mann-Preis. Heuer erhielt sie zudem den renommierten Lessing-Preis 2007 zugesprochen. Erst kürzlich bekam sie den nur an Frauen vergebenen Roswitha-Preis. (APA/dpa)

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    foto: standard/christian fischer
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