Der Kindergarten im Betrieb

30. Oktober 2006, 18:28
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Vereinbarkeit von Familie und Beruf, soziale Verantwortung von Unternehmen, Bildung – Ein Betriebskindergarten könnte alles fördern, so das Resümee einer Podiumsdiskussion

Österreich hinkt im europäischen Vergleich bei den Kinderbetreuungseinrichtungen nach, so die Feststellung von Michael Fuchs vom Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung. Vor allem bei der Altersgruppe unter drei Jahren ortet er Aufholbedarf. Die Kindergärten als "mehr oder weniger einzige flächendeckende Betreuungsform" sieht er als Problemkind: Laut Statistik Austria hatten mehr als die Hälfte der Kindergärten im vergangenen Jahr längstens bis 14 Uhr geöffnet. Das sei für viele berufstätige Eltern ein Problem.

Zusammen mit dem Kindergeld, der Karenzregelung und dem öffentlichen Angebot an Kinderbetreuungsplätzen sieht Fuchs familienfreundliche Maßnahmen von Unternehmen als immer wichtiger werdende Initiative. Dazu gehören für ihn auch Kinderbetreuungseinrichtungen in den österreichischen Unternehmen.

Einigkeit am Podium

Aus der Sicht von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft diskutierten Barbara Prammer, Nationalratspräsidentin und SPÖ Bundesfrauenvorsitzende, Christian Morawek, Geschäftsführer der Wiener Kinderfreunde, Sabine Goellrich, Human Resource Director T-Mobile Austria, Joachim Burger, Human Resource Director T-Systems Austria und Judith Brunner vom Bereich Gesellschaftspolitik der Industriellenvereinigung, die Frage ob Betriebskindergärten betriebswirtschaftlicher Luxus oder Notwendigkeit seien. Dass Zweiteres eintrifft, darüber waren sich alle einig. Auch über die Vorteile gingen die Meinungen nur wenig auseinander. Kritische Denkanstöße waren vor allem aus dem Publikum zu vernehmen.

Wettbewerbsvorteil

Neben der Wiener Städtischen, die Österreichs ersten Betriebskindergarten einführte, haben zum Beispiel auch das AKH Wien, IKEA oder T-Mobile und T-Systems Kindergärten im Betrieb. Aus Sicht der beiden letzteren Unternehmen transportieren diese Einrichtungen ein familienfreundliches Image in die Öffentlichkeit und signalisieren soziale Verantwortung, die unter Corporate Social Responsibility zusammengefasst wird. "Ein wichtiges Argument für T-Mobile bei der Entscheidung für einen Betriebskindergarten waren die flexiblen Öffnungszeiten", erklärt Sabine Goellrich von T-Mobile Austria. Von Montag bis Freitag von sechs bis 18 Uhr ist geöffnet, bei Bedarf auch bis 20 Uhr. Der Kindergarten biete so einen schnellen Wiedereinstieg ins Berufsleben. Goellrich sieht das als "klaren Wettbewerbsvorteil".

MitarbeiterInnenbindung und Ressourcen

Weitere Vorteile vor allem für Großunternehmen sieht Fuchs bei der Akquisition und Bindung von MitarbeiterInnen durch bessere Vereinbarkeit von Arbeits- und Familienleben, weniger Ausfallszeiten, Steigerung der Konkurrenzfähigkeit und Produktivität und soziales Prestige. Auch die Möglichkeit zur Nutzung wichtiger Ressourcen sieht Barbara Prammer auf Unternehmensseite, denn "es ist unumgänglich Kindergärten als Bildungseinrichtungen zu sehen".

Win-win Situation

Nicht nur die Unternehmen, auch die Eltern und ihre Kinder profitieren vom Betreuungsangebot in den Betrieben – das war der Grundtenor der Diskussionsrunde. "Betriebskindergärten sind ein Anreiz für den schnellen Wiedereinstieg. Dieses Wissen gibt den Müttern Sicherheit", ist Judith Brunner von der Industriellenvereinigung überzeugt. Für die Industriellenvereinigung bewirkt eine höhere Frauenerwerbstätigkeit höhere Einkommen, höhere Nachfrage und damit einen Stärkung des Wirtschaftswachstums und der Wettbewerbsfähigkeit. Weitere Vorteile für Eltern und Kinder: Die Nähe zu den Kindern, zum Beispiel im Krankheitsfall und die Wegersparnis vom Arbeitsplatz zur Kinderbetreuungseinrichtung.

Nachteile

Dem Einwand ob Betriebskindergärten nicht ein "Zuviel" an Mitarbeiterbindung seien, setzt Goellrich entgegen: "Manche Mitarbeiter möchten das Private vom Beruflichen trennen, es gibt keinen Zwang diese Möglichkeit zu nutzen." Auch wenn man das Unternehmen verlässt, müsse man sein Kind nicht aus dem Kindergarten herausnehmen. Christian Morawek von den Wiener Kinderfreunden empfiehlt auch Kinder von außen aufzunehmen, auch wegen der Vollauslastung. Ein Einwurf aus dem Publikum war außerdem die Frage der Machbarkeit für Klein- und Mittelbetriebe.

Betreiber

In Wien betreiben neben Kiwi, Kids company und einigen anderen Kinderbetreuungseinrichtungen, die Wiener Kinderfreunde den Hauptteil der Betriebskindergärten. Für die Kinderfreunde spricht die gute Ausbildung der PädagogInnen und klare Auflagen und Standards für einen Betriebskindergarten. Laut Studien der vergangenen Jahre seien Kinder, die einen Kindergarten mit guter Qualität besucht haben, ein Jahr in der Entwicklung voraus.

Zusammenspiel Politik – Wirtschaft

"Den Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen, Flexibilisierung des Kinderbetreuungsgeldes, vor allem mehr Anreize für die Möglichkeit einer kürzeren Berufsunterbrechung, und Bewusstseinsbildung im Hinblick auf Rollenbilder", fordert Brunner von der Politik. Im Gegenzug betonte Prammer die wichtige partnerschaftliche Position von Unternehmen bei der flächendeckenden Errichtung von Kinderbetreuungseinrichtungen. Prammer will die Versorgungs- und Qualitätsunterschiede in den einzelnen Bundesländern in naher Zukunft durch ein Bundesrahmengesetz ausgleichen. Für sie ist ein Kinderbetreuungs-Finanzausgleich wichtig und sie fordert die Wiedereinführung der Kindergartenmilliarde aus den späten Neunzigern. Nicht zuletzt wird bei der Frage der Kinderbetreuung in Zukunft die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik gefragt sein. (mat)

  • v. li. n. re. Mag. Barbara Prammer, SPÖ Bundesfrauenvorsitzende, Mag. Michael Fuchs, Europäisches Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, Dr. Judith Brunner, Industriellenvereinigung, Christian Morawek, GF Wiener Kinderfreunde, Dr. Sabine Goellrich, Human Reosurce Director, T-Mobile, Mag. Joachim Burger, Human Resource Director T-Systems
    foto: pressefotos.at/ dest/willy denk

    v. li. n. re. Mag. Barbara Prammer, SPÖ Bundesfrauenvorsitzende, Mag. Michael Fuchs, Europäisches Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, Dr. Judith Brunner, Industriellenvereinigung, Christian Morawek, GF Wiener Kinderfreunde, Dr. Sabine Goellrich, Human Reosurce Director, T-Mobile, Mag. Joachim Burger, Human Resource Director T-Systems

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