Lebenswert sterben

26. Juli 2007, 14:07
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Alles im Leben ist letzten Endes so gut oder so schlecht, wie es endet

Alles im Leben ist letzten Endes so gut oder so schlecht, wie es endet. Wohl auch das Leben selbst. Oder kann man lebenswert leben ohne Chance auf lebenswertes Sterben? Kann man lebenswert gelebt haben, ohne bei sich, in Einklang mit sich, man sagt "in Würde", lebenswert gestorben zu sein? Kann ein Leben besser sein, als man - ein Leben lang - altert? Besser, als es zu Ende geht?

Montaigne würde das, Gegenbeispielen zum Trotz, verneinen: "Man kann über unsere Stunde, unser Glück erst nach dem Tode urteilen" beginnt er das erste Buch seiner Essays. Schon Solon habe verstan-den, dass Lebensglück erst festgestellt werden könne, "nachdem man den Men-schen den letzten Akt seiner Komödie, den zweifellos schwierigsten spielen gesehen" habe. Lebenslang habe man "mit Masken" spielen können, mit "schönen Diskursen" das "Gesicht wahren". Nur die allerletzte "Rolle des Todes" sei wirklich unsere eigene, hier gebe es nichts vorzumachen, man müsse offen - er sagt: "französisch" - reden. Der Todestag als "Meistertag", der mit Seneca "alle vergangenen Jahre beurteilt", der zeigt, ob "meine Diskurse aus dem Munde oder aus dem Herzen kommen".

Cicero

"Philosophieren heißt sterben lernen", sagt Cicero. Alle Weisheiten und Diskurse der Welt gipfelten in jener zu lernen, das Sterben nicht mehr zu fürchten. Doch wie könne man lebenslang tagtäglich schrittweise auf den Tod zugehen "ohne Fieber"? Der "vulgäre" Ausweg, von "brutaler Dummheit" und "primitiver Blindheit", sei die Verleugnung: einfach nicht daran denken. Schon den Tod auch nur zu erwähnen, fürchteten die meisten wie den Teufel, wie "böse Auguren".

Die Römer nutzten vielfältige Umschreibungen: Anstatt zu sagen, "er ist tot" oder "er hat aufgehört zu leben" sagten sie, "er hat gelebt", weil gelebt zu haben, und sei es auch vergangen, tröstete sie. Ungelebtes Leben hielten sie zwar für möglich, aber wohl eher für eine schreckliche Ausnahme und nicht, wie wir Modernen, für eine chronische Malaise (Karl Kraus: "Man lebt nicht einmal ein Mal.")

Zwang

"Weil es ungewiss ist, wo der Tod uns erwartet, sollten wir ihn überall erwarten. Die Vorwegnahme des Todes ist die Vorwegnahme der Freiheit. Wer gelernt hat zu sterben, hat verlernt zu dienen. Das Wissen zu sterben befreit uns von aller Untertänigkeit und jeglichem Zwang. Es gibt nichts Schlimmes im Leben für die, die verstanden haben, dass die Entbehrung des Lebens nichts Schlimmes ist", so Montaigne. "Die Kunst zu leben", sagt Verena Kast, "ist abschiedlich zu leben."

Würdig sterben heißt nicht nur, sich selbst einfühlsam vorzubereiten, sondern auch Angehörige und Überlebende. Es verlangt Kontrolle von Leiden und Schmerzen, weil der "natürliche Tod" nach Martin Walser der "schlimmstmögliche von allen" ist. Lebenswert sterben erfordert neben einer guten Arzt-Patienten-Beziehung ein Gefühl der Erfüllung, Vollendung, Respekt für die ganze Person, ihren Willen und ihre Identität. Sterbenskranke Menschen wünschen, bei möglichst klarem Bewusstsein bis zuletzt für andere da sein zu können, keine "Last" zu sein, sondern auch im Weggehen noch geben zu können. Würde auch im Sterben als "die tastende Suche nach Unantastbarkeit".

Pflegeheim oder Krankenhaus

Ist in Würde, lebenswert, "bei sich" zu sterben, heute ein Luxus geworden? Das Leben der meisten von uns endet in einem Hospiz, einem Pflegeheim oder im Krankenhaus, obschon 85 Prozent der Österreicher/innen zu Hause sterben wollen.

Wie gut kann ein Leben und Alter sein, wenn der Lebensabend selten so endet, wie wir uns das wünschen? (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2006)

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