Kasperlpost - Pezis Stimme war unerträglich, Tintifax & Co einfach nur peinlich...

2. November 2006, 19:18
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Der Kasperl, sagte der Mann mit der Hand in der Puppe, muss unter Artenschutz gestellt werden

Es war am Samstag. Da hat mich der Kasperl erwischt. Und während ich das schreibe, beugt sich A. herüber und fragt, ob ich es wirklich für klug halte, zuzugeben, dass ich schon wieder "Wien Heute" gesehen habe. Denn dass das nur ein Zapp-Unfall/Ausflug während eines Vollbades war, meint sie, würde mir niemand glauben.

Egal. Im Fernsehen ging es um den Kasperl. Den von der Urania-Puppenbühne. Weil dem, sagte zuerst die Moderatorin, dann der Beitragssprecher, dann der Kasperl selbst, dann der Mann, der den kasperl bewegt und dann seine Partnerin (und nachdem es dann noch viermal wiederholt worden war, war die Botschaft wohl überall angekommen) - dem Kasperl also geht es nicht gut. Und das, sagte ...(ok, das spar ich mir jetzt), sei schlecht. Weil: Tradition, Theater, Wien – und vermutlich irgendwie auch Weltkulturerbe.

Aussterbendes Kulturgut

Ich saß in der Wanne und war unsicher. Schließlich ist man als braver Bildungs- und Kulturbürger ja erzogen worden, auf die Erwähnung vom drohenden Aussterben jedweden Kulturgutes mit "oh, das darf aber doch nicht sein" zu reagieren – sogar dann, wenn einem das, was da unter Artenschutz gestellt werden soll, von jeher wurscht war. Egal: Kultur ist bedroht – und die ist Identität.

Der Urania-Kasperl, sagte der Urania-Kasperlmann, sei so ein Stück heimischer Tradition/Identität. Und er sei vom Ausstreben bedroht, weil die Gesellschaft sich derzeit so entwickle – er sprach von Flexibilisierung -, dass Familien immer weniger Zeit für Aktivitäten zusammen hätten. Nicht einmal Großeltern „im klassischen Sinn“ gäbe es mehr.

Privatempirie

Nicht dass der Mann mit seiner Gesellschaftsanalyse in toto und prinzipiell komplett Unrecht hätte – aber das mit dem Ausbleiben der Kinder beim Kasperl zu verbinden, hielt ich in der Wanne (und halte ich immer noch) für ein bisserl überzogen. Meine – zugegeben bloß auf Nano-Privatempirie basierende - Expertise besagt nämlich schlicht und einfach, dass der Kasperl einfach nicht mehr funktioniert. Und zwar nicht einmal mehr bei den Großeltern von heute.

Das sind nämlich heute jene Leute, die meine Eltern waren und sind: Und schon diese Generation (Eltern, Tanten, Freunde der Eltern etc ...) fanden den Kasperl im Fernsehen blöd und gestrig. Und wir Kinder sahen das schon vor 30 Jahren antik anmutende Puppenspiel eher nur deswegen, weil es uns schlichtweg unmöglich war, im Fernsehen etwas anderes „kindgerechtes“ zu finden (wenn das „Betthupferl“ aus der Urania kam, war das eine Katastrophe – wir wollten die Barbapapas und nicht den grässlichen Pezi. Oder gar Fips und den Großvater.). Aber weil da lauter Kinder im Fernsehen saßen, die begeistert "Jaaaa" brüllten, ließen wir uns halt von der Oma breitschlagen, hinzugehen.

Omaprogramm

Die fand das zwar toll, (weil "wie damals"), aber wir waren nur mäßig vom Hocker. Weil wir geglaubt hatten, dass da das Fernsehen sei – und wir sehen wollten, wie das funktioniert. Aber da war nix. Und als dann die Kindergartengruppe einmal zum Kasperl fahren sollte, war das schon fad: Pezis Stimme war unerträglich, Tintifax & Co einfach nur peinlich - und die Geschichten nichts was mich etwas anging.

Jahrzehnte später bekam ich dann Diskussionen von kindbetreibenden Freunden mit, in denen man sich einig war, den Kindergartentanten zu erklären, dass sie sich bitte was Anderes einfallen lassen sollten, als ins Kasperltheater zu fahren – wenn das Thema denn überhaupt noch auf der Agenda stand: Nur zum Auffüllen eines Theatersaales Kinder hin zu schleppen, sei ja nicht das, wozu man Nachwuchs gebastelt habe (an dieser Stelle schwenkte das Gespräch meistens zu traumatischen Musicalbesuchen während irgendwelcher "Wienwochen" in der eigenen Schulzeit – wir gebürtigen Wiener sollten froh über das sein, was uns da erspart geblieben sei.)

Zahnschmerzstimme

Der Kasperl, sah ich dann in „Wien Heute“ in der Wanne, sieht heute noch genauso aus wie damals. Er redet auch noch immer so. Und Pezis Stimme löst bei mir immer noch Zahnschmerzen und Aggressionen aus. Nostalgie fühlt sich anders an. Aber die Puppenbühne, sagten alle, die in diesem Beitrag zu Wort kamen, sei etwas ganz ganz Wichtiges. Für die Urania. Für Wien. Für die Kultur. Und für die Kinder.

Und auch wenn ich das aus der Sicht des Kasperlmannes und des Kulturgutbewahrens verstehe, und ich dem Kasperl deshalb allen Artenschutz der Welt gönne, muss ich im letzten Punkt widersprechen: Ich kannte und kenne kein Kind, dem das Nicht(mehr)dasein des Urania-Kasperls etwas ausgemacht hätte oder ausmachen würde.

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