Opernrätsel als Revue der Insekten

29. Oktober 2006, 18:35
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"Turandot" an der Wiener Volksoper ins Reich der krabbelnden, flatternden Viecher verlegt

Wien - Verhüllt wirkt die Volksoper zurzeit - ob der laufenden Renovierung der Fassade gar ein bisschen unwirtlich und baustellenartig. Innen allerdings, auf der Bühne, herrscht, als wollte man für die optische Herausforderung entschädigen, Farben- und Formenstau.

Insektologen gleich haben Regisseur/Choreograf Renaud Doucet und Bühnen- und Kostümbildner Andre Barbe Puccinis China märchenhaft herbeifantasierende Turandot-Oper ins Reich der krabbelnden, flatternden Viecher verlegt. Die sich zierende Prinzessin ist ein Nachtfalter, die Armee besteht aus martialisch anmutenden Exemplaren mit mordfähigen Tentakeln.

Zudem sind da eine Menge Ameisen zu entdecken und: die Prinzen, denen die Lösung der Rätsel misslang, sind so zahlreich, dass sie eine Wand füllen - als gut konservierte mögliche Mahlzeit. Das gibt optisch tatsächlich etwas her, das ist zunächst auch exakt organisiert, und es leuchten sogar die Käfer im Dunklen. Wie sich dann Calaf, Liu und Timur hinzugesellen, ist sie komplett - eine Art schillernde Biene-Maja-Welt, die zwischen gruselig und putzig changiert.

Für die Geschichte wird es allerdings dadurch etwas eng auf der Bühne, auch der organisierteste Insektenstaat muss ob dieser Dimension für deren Vermittlung zur Belastung werden. Zudem: Gelingt bei der Vorstellung der Minister Ping, Pang und Pong (tadellos Enrico Marrucci, Karl-Michael Ebner und Sebastian Reinthaller) noch so etwas wie originelle Figurenauslegung im Geiste der Musicalrevue, wird es bei den Protagonisten bald reichlich flau, harmlos und träge. Als hätte man den ganze Ideenvorrat bei der opernhaften Erschaffung der Insektenwelt verbraucht.

So wird die Beziehung Calaf/Turandot zum Fest der Harmlosigkeit. Unterstützt durch die ein bisschen ins Lächerliche gleitende Verkleidung (besonders Turandot) wirkt das Liebespärchen, als wollte es sich für das Kinderzelt der Wiener Staatsoper bewerben. Nach Spuren von Beziehungstiefe zu suchen, bleibt sinnlos. Unter der glänzenden Insektenoberfläche ist nichts außer Leere. Eine dekorierte Oper für die ganze Familie. Kann passieren. Die Volksoper ist ja auch kein musicalfreies Haus.

Was den Abend allerdings vollends unbefriedigend geraten lässt, ist die Tatsache, dass man eine Oper angesetzt hat, die man offenbar vokal nicht interessant zu besetzen imstande war. Roy Cornelius Smith (als Calaf) hat außer geschmetterter, verdächtig kurzer Spitzentöne nichts als Heiserkeit und pummelige Unscheinbarkeit zu bieten. Eva Urbanová (als Turandot) hat die Ausstrahlung eines lieben Kindermädchens, das in heiklen Partiepassagen wirkt, als wäre ihr Schmerzvolles widerfahren. Solide immerhin Melba Ramos (als Liu) und Albert Pesendorfer (als Timur).

Zudem: Das Orchester unter Leopold Hager bemüht sich nach Kräften, die Akustikprobleme, die das Haus im lauten Bereich hat, exemplarisch kenntlich zu machen. Im Gegenzug wirkt es bei dezenteren Stellen klanglich verausgabt. Das Publikum schien dennoch unbeirrt überzeugt. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 10. 2006)

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    Ein putziges Pärchen an der Wiener Volksoper: Eva Urbanová (als Turandot) und Roy Cornelius Smith (als Calaf).

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