Die Äpfel sind gefallen

2. Jänner 2007, 08:45
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Microsoft bringt im November seinen iPod-Konkurrenten Zune auf den Markt. Wenn die Giganten im Weihnachtsgeschäft aufeinandertreffen, dann bebt die Erde.

Das Unterhaltungsgeschäft ist eine gnadenlose Welt. Kein Wunder, dass sich der permanente Überlebenskampf, das darwinistische Prinzip des Schlucken-oder-Geschlucktwerdens, auch im Geschäftsvokabular niederschlägt. "Killer-Applikation", Mörder-Anwendung, nennt man ein Gerät, das so attraktiv für Kunden ist, dass es alleine die ihm zugrunde liegende Technologie verkauft. Ein derart tödliches Gerät ist der Apple "iPod", der den digitalen Audio-Player (DAP) fast im Alleingang zum Alltagsgegenstand machte. Eine Killer-Applikation zu besitzen, die alle Konkurrenten wegbeißt und konkurrierende Technikstandards zerstampft, ist für ein Unternehmen ein unschätzbarer Vorteil. Der iPod ist der größte Fisch im Teich, er beherrscht die Welt der MP3s so wie einst der Tyrannosaurus Rex die Erde der Kreidezeit. Expeditionen haben lange nach dem so genannten "iPod-Killer" gesucht. Seit etwa zwei Monaten befindet sich der digitale Dschungel in heller Aufregung: Microsoft hat seinen iPod-Konkurrenten "Zune" angekündigt, und wenn die Giganten aufeinandertreffen, dann bebt die Erde.

Anteil

2006 hat Apple mehr als 50 Millionen Geräte verkauft und laut US-Marktforschern (In-Stat) einen Weltmarktanteil von 49 Prozent. Viele Hersteller wie Creative, Sony oder Samsung haben seitdem versucht, die Hegemonie von Apple zu brechen und einen Killer zu züchten. Die Branche lachte bei den meisten Markteinführungen laut auf und nannte die neuen Geräte iPod-Klone - billige Kopien mit minderwertiger DNA. "Der Erfolg des iPod hat damit zu tun, dass er kein Produkt ist, sondern ein System", meint Paul Saffo, Zukunftsforscher und Tech-Analyst aus Kalifornien.

System

Der Microsoft Zune greift nun als erster Konkurrent nicht nur das Gerät, sondern auch das System des iPod an. Der Zune soll in den USA am 14. November auf den Markt kommen und 250 Dollar kosten - 99 Cent mehr als das Apple-Modell mit gleicher Speicherkapazität. Das Gerät wird eine 30 Gigabyte fassende Festplatte haben (ein GB fasst etwa 1000 Songs) und einen Farbbildschirm mit einer Diagonale von 7,6 Zentimetern. Wie Apple will auch Microsoft einen eigenen Onlineshop für den Zune eröffnen, den "Zune Marketplace". Ein FM-Tuner für Radioempfang und ein drahtloser Internetzugang sollen Kunden locken. Vor allem die Möglichkeit, drahtlos Musik und Filme zu tauschen, könnte Apple Probleme bereiten, die Derartiges nicht im Angebot haben. Im Laufe der Zeit will auch Microsoft wie Apple eine ganze Zune-Familie auf den Markt bringen.

Marketing

Das Marketing wird sich als entscheidender Faktor im Kampf der Giganten erweisen. Apple gilt im Vergleich zu dem technokratischen Betriebssystem-Monopolisten Microsoft als die smartere und individualistischere Marke. Im Markt der digitalen Player geht es mehr als anderswo nicht nur um Nutzwert und Bedienbarkeit, sondern auch um Street Credibility und Lifestyle-Potenzial. Denn mit digitalen Media-Playern schafft sich jeder eine eigene Mikroumwelt und kann Straßenlärm, Radio-Jingles und fremde Stimmen ausblenden. 60 Prozent der Bevölkerung von Metropolen besitzen mittlerweile solche Musik-Abspielgeräte.

Dominant

Trotzdem könnte es mit der Dominanz der Kultfirma aus Cupertino bald zu Ende gehen. "Apples iPod und der Musikdienst iTunes nähern sich der bislang schwierigsten Phase ihrer Existenz", ließ das Forschungsinstitut Forrester verlauten. "Die Konkurrenz hat sehr überzeugende Player", beurteilt Forrester die Produktoffensive. Denn Apple mag 50 Millionen Geräte verkauft haben, macht man sich bei Microsoft Mut, es gibt aber ein paar Milliarden Menschen, die Musik hören wollen. Das Wachstumspotenzial des digitalen Musikmarktes gilt als enorm. Während 2006 weltweit Musiktitel für insgesamt 279 Millionen Euro aus dem Internet heruntergeladen werden, soll der Umsatz 2011 bei knapp 3,9 Milliarden Euro liegen. Weltweit werden 2006 (laut In-Stat) 140 Millionen Geräte abgesetzt. 2010 werden es 286 Millionen sein.

Imitation

Dass viele Firmen nun Apples Strategie der vertikal integrierten Insellösung imitieren, bedeutet für die Branche nichts Gutes. Denn wer auf iTunes Musik kauft, darf sie nur auf einem iPod abspielen. Musikdateien, die man auf dem "Zune Marketplace" herunterlädt, werden nur auf Abspielgeräten laufen, die von Microsoft lizenziert wurden. Wenn neben iTunes und Marketplace nun 2007 auch Samsung und Sandisk, das Produkt des Mediaplayer-Giganten Real, eigene Shops auf den Markt werfen, entstehen viele kleine Königreiche der Musik. "Diese künstlichen Schranken schaden dem Markt", sagt Wolfgang Tunze von der GFU, "die DAPs werden durch das Plug-and-Play-Prinzip und die anarchische Freiheit der Nutzung so attraktiv."

Unwägbarkeiten

Die Zukunft des digitalen Media-Players ist also ungewiss. Produkte wie Samsungs MiniKet VP-M105/110 vereinen Video Camcorder und Fotokamera, MP3-Player, Organizer, Webcam- und Speicherfunktion in einer Plastikhülle und kommen dadurch dem Branchenmythos des "digitalen Schweizer Taschenmessers" schon sehr nahe. Speicherplatz wird immer kleiner und billiger. "Musik wird bald nur noch eine Zusatzfunktion sein", meint Wolfgang Tunze, "in Handys, Kleidung, Autos und Kühlschränken. Wenn man so viel Speicherplatz hat, dann macht es keinen Sinn, sich auf eine Anwendung zu beschränken."

Ranking

Schon heute ist der angebliche Marktführer iPod längst überholt worden - nicht von direkten Konkurrenten wie Zune oder Creatives Zen, sondern von Mobiltelefonen, die Musik abspielen können. Insgesamt verkaufte die Branche in diesem Jahr schätzungsweise 200 Millionen Musik-Handys, in fünf Jahren soll es eine halbe Milliarde sein. Wenn die DAP-Funktion plötzlich nur noch ein Menüpunkt in Alltagsgeräten wie dem PDA oder dem Handy wird, dann könnten die Unterhaltungsspezialisten wie iPod oder Zune sich ganz schnell als toter Ast der Medienevolution erweisen. Und in 50 Jahren werden andere Generationen die wunderbar weiße Hülle des iPod im Antiquitätenshop betrachten, wie ein Fossil, das von der Schönheit und Kraft einer Killer-Applikation berichtet, die einmal den ganzen Planeten beherrscht hat. (Tobias Moorstedt / DER STANDARD Rondo, 28.10.2006)

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