Die Bandbreite der Zukunft

6. November 2006, 10:59
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"Schluss mit dem Kabelsalat", lautet der Schlachtruf für die Zukunft der modernen Kommunikationstechnik. Endlich legen wir die Ketten ab, die uns an den Schreibtisch binden

Wie sehr hat Jeremy Langmead all die Jahre lang gelitten. "Ich konnte einfach keinen guten Film mehr genießen", gesteht der Chefredakteur des Design-Magazins Wallpaper in der aktuellen GQ. Langmead leidet nach eigenen Angaben an Flexophobie, einer "irrationalen Angst vor elektrischen Kabeln". Deshalb investierte der Designguru ein veritables Vermögen um einen "kabelfreien" Fernseher zu bauen, der auch ohne die digitalen Nabelschnüre eine annehmbare Bild- und Tonqualität aufweist.

Nicht der größte oder beste Apparat

"Es ist nicht der größte oder beste Apparat der Welt", gibt er zu, "aber wenigstens hängen keine hässlichen Spaghetti raus." Die Therapie könnte bald auch ohne Qualitätseinbußen möglich sein. Denn die Hightech- und Elektroindustrie forscht mit Nachdruck an der Ausrottung der Flexophobie, beziehungsweise des elektrischen Kabels.

An der Schwelle

"Endlich stehen wir an der Schwelle zum kabellosen Zeitalter", berichtete das Fachmagazin CHIP schon vor zwei Jahren und beschrieb die noch verkabelte Gegenwart als abstoßendes Horrorszenario. Digitalkamera, Drucker, Maus, Tastatur, PDA, sowie externe Festplatten und Laufwerke sind mit USB-Kabeln an den Computer angeschlossen. Strom- und Adapterkabel bilden ein Dickicht, in dem kleine Vögel brüten könnten. Und von jedem Schreibtisch hängt ein dichter Vorhang aus Kupfer-Plastik-Strängen, der die Menschen an die Welt da draußen und ihre Energiequellen und Wunder anschließt.

Die Möglichkeiten

Die "Kultur der Kabellosigkeit" besitzt ein anderes Bild vom Menschen und dessen Möglichkeiten. "In Zukunft werden wir uns von den Kabeln, die sich wie Spinnweben um uns legen, befreien, die Ketten ablegen, die uns an den Schreibtisch binden", schrieb das US-Magazin Information Management Journal mit kämpferischem Ton und beschrieb eine Welt, in der die Netzwerke uns umgeben wie eine zweite Atmosphäre und der Mensch die Daten und Informationen einsaugt wie frische Frühlingsluft.

Der Schlachtruf

"Schluss mit dem Kabelsalat", so lautete der Schlachtruf des Industriestandards Bluetooth, der Mitte der 1990er-Jahre von einem Konsortium unter der Leitung von Ericsson eingeführt wurde. "Bluetooth dient zur Vernetzung von Geräten über kurze Distanzen", erklärt Jürgen Hupp, Leiter der Abteilung "Kommunikationsnetze" am deutschen Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen. Auf der Frequenz von 2,4 Gigahertz können so über verschiedene Datenkanäle ein paar Dutzend Geräte zu einem so genannten "Wireless Personal Area Network" zusammengeschaltet werden. Benannt wurde die Bluetooth-Technologie übrigens nach dem schwedischen König Harald Blauzahn, der im Mittelalter das Land einte und den christlichen Glauben einführte.

Und auch darum geht es. Um Einigkeit. Und um den Glauben. An eine bessere, freiere Welt.

Blauzahn

"Bluetooth" ist laut Hupp "so etwas wie ein Ersatz für die Licht- und Infrarot-Datenübertragung", welche die ersten kabellosen Datentransfers in Privathaushalten über kurze Distanzen möglich gemacht hatte. 1950 brachte die Firma Zenith in den USA die erste Fernbedienung unter dem Namen "Lazy Bones" auf den Markt. 1955 folgte die erste drahtlose Steuerung per Lichtsignal namens "Flashmatic". Sie war technisch noch nicht ausgereift - zu oft setzte das Tageslicht den Fernseher in Gang. 1956 kam die erste Ultraschallfernbedienung auf den Markt. Mit ein paar Tasteneingaben erlangte der Mensch Kontrolle über den Bildschirm: Die Fernbedienung ist so auch der Urmutter der Tastatur. Nicht zu Unrecht vergleicht sie der ungarischen Kulturwissenschafler József Tillmann "mit dem Faustkeil und dem Zauberstab. Tillmann spricht vom "Zepter der Neuzeit": "Mit einer Fernbedienung in der Hand kann sich jeder Mensch auf dem Gipfel seiner Macht fühlen. Auf ein Winken seines elektronischen Zepters können Welten vergehen und wieder auferstehen."

Eine Verpflichtung

Verbunden sein, das ist für den zeitgenössischen Info-Arbeiter beinahe eine Verpflichtung. Man will "connected" sein, "in touch"oder schlicht "on" - auch bei der Bahnfahrt oder beim Spaziergang im Park. An der Leine hängen schließlich nur die Hunde. "Wir haben uns sehr an das Handy gewöhnt", sagt Jürgen Hupp, "wir werden uns noch an ganz andere Dinge gewöhnen." So wird bereits daran gearbeitet, mit den Wifi-Netzen ganze Städte wie San Francisco oder Philadelphia abzudecken. Ausreichend Tempo und Bandbreite vorausgesetzt, ließen sich dann sogar Fernsehprogramme und Telefongespräche über das neue Netz übertragen - Kabel bräuchte dann niemand mehr.

Kabelloses Eigenheim

Auch im Eigenheim und in Wohnzimmern werden die Kabel abgeschafft. Mit so genannten Wireless-Media-Adaptern wie dem E 210 von Netgear, einer kleinen silbernen Kiste, kann man zum Beispiel Videos vom PC zum Fernseher übertragen. Die Soundbridge M1000 (Pontis) reicht Musik von Computern über das heimische Netzwerk an die Stereoanlage weiter. Große Hoffnungen setzt die Industrie auch in die Ultra-Wide-Band-Revolution (UWB), eine drahtlose Breitbandübertragungstechnik, welche schon bald den Markt erobern soll und aufgrund des breiten Frequenzbandes von mindestens 500 Megahertz maximal eine Datenrate von 500 Megabit pro Sekunde erreichen soll - mehr als 200-mal so schnell wie Bluetooth und fünfmal so schnell wie die aktuellen W-LAN-Netze. UWB könnte endlich der Alleskönner sein, der das Nebeneinander aus Netzwerk, USB- und Ethernet-Kabeln sowie Bluetooth- und W-LAN-Netzen beendet, und einen einzigen Standard bildet, über den Computer- und Unterhaltungselektronik verwaltet werden.

"Couch-Potatoes" und "Lazy Bones"

Jürgen Hupp aber ist Wissenschafter, als solcher nicht sonderlich interessiert an Fernsehern und anderen Bedürfnissen der "Couch-Potatoes" und "Lazy Bones". "Unsere Vision ist eine ,ambient intelligence'", sagt Hupp, also eine intelligente Umgebung, in der die einzelnen Geräte mitbekommen, "in welchen Einsatzszenarien sie sich gerade befinden".

"Pervasive Computing"

In der Fachwelt ist diese Vernetzung von Mensch, Maschine und Umwelt auch unter dem Stichwort "Pervasive Computing" bekannt. Gemeint ist damit ein pervasives, also ein alles durchdringendes Computernetzwerk, welches zum Beispiel möglich macht, mit derselben Fernbedienung verschiedene Geräte in verschiedenen Räumen zu bedienen - etwa den Herd in der Küche, den Fernseher im Wohnzimmer oder auch das Garagentor. "Die Geräte werden miteinander sprechen", sagt Hupp, und der Mensch muss sich gar nicht mehr darum bemühen, zuzuhören. "Aber auch das Kabel hat noch eine Daseinsberechtigung", erklärt Jürgen Hupp. Es hat eine höhere Übertragungsrate, außer- dem muss man sich Kabel "nicht mit den anderen teilen, die noch im Netz hängen". Jürgen Hupp folgert: "Das Kabel wird uns noch lange erhalten bleiben." Keine wirklich gute Nachricht für die Flexophobiker dieser Welt.(Der Standard, RONDO)

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