Das Böse und das Blöde, kaputtgelacht: Ein biritischer Komiker als Nachfolger von Groucho Marx
Die beste Methode, Frieden zu stiften und weitere Gewalt abzuwenden - frei nach Groucho Marx (man denke an "Duck Soup") hieße dies, einen übermächtigen Gegner/Feind derart brutal und dummdreist zu beleidigen, dass dieser vor einem Übermaß an Schwachsinn nur noch klein beigeben kann. Lachend möglicherweise, oder auch nur fassungslos. Waffenruhe durch (vermeintliche) Selbstentlarvung, das ist eine schöne Utopie, nicht immer politisch korrekt, und leider ist sie bis dato nur den Spaßmachern gelungen.
"Politik, das ist die Kunst, Ärger zu suchen, ihn überall zu finden, ihn inkorrekt zu beurteilen und die falschen Heilmittel dagegen zu finden." Dieses Zitat und wohl auch den pechschwarzen Schnurrbart des großen Groucho M. dürfte der britisch-jüdische Komiker Sacha Baron Cohen im Hinterkopf gehabt haben, als er Borat Sagdiyev erfand.
Borat, kasachischer Journalist, Sexist und Ex-"Zigeunerfänger", stellt seit seinen ersten Auftritten in Cohens TV-Shows eine der größten Beleidigungen an den guten Geschmack (oder was sich dafür hält) dar. Und ist so der genialste Comedy-Charakter, seit Jim Carrey beschloss, seriös zu werden. O-Ton Borat: "Ich möchte Kommentar abgeben zu neueste Aussagen in den Medien über meine Nation von Kasachstan. Hier wird behauptet, dass Frauen in Kasachstan gleichwertig behandelt und jede Art von Religion toleriert wird - das abscheuliche Lügenmärchen!"
Borat ist ein Mann der Wahrheit, so lächerlich oder hässlich die auch sein mag: Gerne präsentiert er vor der Kamera seine Schwester, ihres Zeichens "Nummer 4 Prostituiertin von Kasachstan", fordert Feministinnen auf, ihre Oberweite zu entblößen, oder singt im Countryclub antisemitische Songs, von denen manche Rednecks nur träumen.
Wer auf diese Weise lachen machen will, der muss aber - siehe schon Groucho Marx oder auch Cohens zweites großes Vorbild, den US-Brachialkomiker Andy Kaufman - sehr präzise arbeiten.
Bevor er nächste Woche mit "Borat" in den Kinos durchstartet, hatte Sacha Baron Cohen denn auch genug Zeit zum "Üben": Zuerst kreierte er auf Channel 4 den nicht allzu hellen Rap- und Porno-Fan Ali G. Und ähnlich verärgert wie zuletzt kasachische Diplomaten dürfte man in Österreich sein, wenn Cohen jetzt auch noch "Bruno" ins Kino bringt, einen schwulen Austro-Modedesigner, der sich durch äußerst peinliche Interview-Statements auszeichnet.
Promoviert hat der heute 36-jährige studierte Historiker Sacha Baron Cohen übrigens in Cambridge. Sein Thema: Ethnische Minderheiten und ihre Schwierigkeiten in der westlichen Gesellschaft. Diese Schwierigkeiten hätte vielleicht auch Borat - der Witz ist nur, er nimmt sie nicht wahr. Also erledigen sie sich gleichsam von selbst. (Claus Philipp / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.10.2006)
2CE6F396-4316-495E-B5B